Forum Bildungspolitik - Einstimmiger Beschluss 16.04.2018 PositionenBildungsgerechtigkeit

Verbesserung der Rahmenbedingungen der Zusammenarbeit von Jugendhilfe und Schule im Ganztag

Ganztag funktioniert nur im Zusammenspiel zwischen Jugendhilfe und Schule. Gemeinsam muss ein pädagogisches Konzept erarbeitet werden, dass Qualitätsstandards setzt, fordert das Forum Bildungspolitik

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Eine gemeinsam von Jugendhilfe und Schule verantwortete zukunftsorientierte Ganztagsbildung ist für das Forum Bildungspolitik in Bayern eine wichtige Voraussetzung für eine umfassende Erweiterung der Erfahrungs- und Handlungsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen. Die Basis für ein inklusives Bildungskonzept bildet ein erweiterter Bildungsbegriff, der sowohl formale als auch non-formale und informelle Lern- und Erfahrungsprozesse einschließt. Dazu gehören Dimensionen wie Autonomieerfahrung und Selbstwirksamkeit, Freiwilligkeit und Zeitsouveränität sowie Wertschätzung und Wohlbefinden.

Daneben ist Ganztagsbildung die beste Möglichkeit, zukunftssichernde Bildungsgerechtigkeit herzustellen und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu gewährleisten. Der erweiterte Bildungsbegriff muss aus Sicht des Forums Bildungspolitik die Öffnung von Schule nicht nur zur Jugendhilfe, sondern auch zu zivilgesellschaftlichen Kräften, zur Wirtschaft und anderen Bildungsträgern ermöglichen. 

Seit Mitte der 90er Jahre werden in Bayern Programme der Staatsregierung – unter Beteiligung der Kommunen – zur Ganztagsbildung in Kooperation von Trägern der Jugendhilfe und Schulen umgesetzt. Ministerpräsident Seehofer hat in seiner Regierungserklärung vom 12.11.2013 zugesichert, dass es „bis 2018 in allen Schularten für jede Schülerin und jeden Schüler bis 14 Jahre ein bedarfsgerechtes Ganztagsangebot“ geben wird. Dieses Ziel ist bisher nicht erreicht: Es fehlt bis heute ein pädagogisch verbindliches Rahmenkonzept für den kostenfreien offenen und gebundenen Ganztag in Bayern.

Das Forum Bildungspolitik in Bayern fordert daher eine nachhaltige Verbesserung der Rahmenbedingungen in der Zusammenarbeit von Jugendhilfe und Schule im Ganztag. Im Einzelnen:

Das Forum Bildungspolitik in Bayern fordert ein pädagogisches Konzept, das sich an den aktuellen Erfordernissen und Bedürfnissen der jungen Menschen orientiert. Der 15. Jugendbericht der Bundesregierung benennt hierzu drei Kernherausforderungen des Jugendalters:

• Qualifizierung
• Verselbstständigung
• Selbstpositionierung

Im institutionellen Kontext der Schule lag und liegt dabei seit jeher der Schwerpunkt auf der Qualifizierung, während die Verselbstständigung und die Selbstpositionierung gesellschaftlich eher als eine „Privatangelegenheit“ von jungen Menschen betrachtet wird, die nur vergleichsweise wenig institutionell unterstützt wird. Wenn nun aber tendenziell die Familie als Sozialisationsinstanz eine geringer werdende Rolle spielt und die Schule (durch zeitliche Ausdehnung auf den Ganztag) diese Lücke füllen soll, braucht es pädagogische Konzepte, wie Verselbständigung und Selbstpositionierung im institutionellen Kontext stärker unterstützt werden können.

Herausforderungen bei der Erarbeitung eines Ganztagskonzeptes sind beispielsweise die Inklusion von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen(en), die Integration von Kindern und Jugendlichen mit Migrations- und Fluchthintergrund, die rasch zunehmende Durchdringung des Alltags von Kindern und Jugendlichen mit neuen Medien oder die Entwicklung zu einer immer stärker automatisierten Arbeitswelt.

Die Jugendhilfe leistet als fester Bestandteil der sozialen Infrastruktur mit ihrem Konzepten der individuellen Förderung und offenen Herangehensweise an junge Menschen einen unentbehrlichen Beitrag im „institutionellen Gefüge des Aufwachsens“ (15. Kinder- und Jugendbericht) und für eine umfassende Erziehungs- und Bildungskultur, die auch auf die individuelle Förderung junger Menschen im Rahmen des Ganztags ausgedehnt werden sollte.

Das Konzept muss gemeinsam mit langjährigen Ganztagsakteuren und im Zusammenspiel von Schul- und Jugendhilfeverwaltung, Vertretungen von Schüler/innen und Eltern sowie den einschlägigen Agenturen und Netzwerken entwickelt werden.

Das Forum Bildungspolitik fordert: Ganztagsbildung braucht Beteiligung
In den Kooperationsverträgen zwischen Staatsregierung und Trägern sind die Beteiligung der Kinder und Jugendlichen an der inhaltlichen und organisatorischen Gestaltung des Ganztagsbetriebs sowie die Beteiligung der Eltern verbindlich zu regeln. Bei der fachlichen Entwicklung der Ganztagsbildung sind neben den Lehrerverbänden auch die Erfahrungen der Ganztags-Akteure sowie die bereits bestehenden kommunalen und bundesweiten Programme und Modelle einzubeziehen.

Das Forum Bildungspolitik fordert: Ganztagsbildung braucht Qualitätsstandards
Zur Umsetzung von Qualitätsstandards im Ganztag braucht es pädagogisches Fachpersonal, das tariflich zu entlohnen ist. Die komplexe Zusammenarbeit verschiedener Professionen im Ganztag erfordert Kompetenzen in pädagogischer, künstlerischer, kommunikativer, informationstechnologischer und organisatorischer Hinsicht. Hierfür müssen entsprechende Aus- und Fortbildungsmodule entwickelt werden. Das Forum Bildungspolitik in Bayern fordert die Entwicklung verbindlicher Qualitätsstandards und deren systematische Evaluation.

Das Forum Bildungspolitik fordert: Ganztagsbildung braucht Freiräume
Im Sinne der Entwicklung von lokalen Bildungslandschaften müssen in der Ganztagsbildung die zeitlichen, strukturellen und personellen Freiräume hergestellt werden, die eine Öffnung der Schule in den Sozialraum fördern. Dazu gehören Ausflüge zu Fach- und Kulturveranstaltungen, die Verlagerung von Projekteinheiten an dritte Orte oder in den öffentlichen Raum sowie die Auflösung des Stundenplantakts hin zu Projektphasen (einzelne Tage bis zu Projektwochen), die vollständig an außerschulischen Orten stattfinden.

Freistaat und Kommunen müssen bei der Einbeziehung und Ausschöpfung der im Sozialraum existierenden Räume (z.B. Freizeitstätten, Stadtteilkulturhäuser, Kirchengemeinden, Sportvereine etc.) für die außerschulischen Angebote zusammen arbeiten. Die Einrichtung von Ruhe- und Mehrzweckräumen sowie von Räumen für die Schülermitverantwortung (SMV) ist dabei besonders zu fördern.

Das Forum Bildungspolitik fordert: Ganztagsbildung braucht Esskultur
Das Mittagessen muss qualitativ den Anforderungen gesunder Ernährung entsprechen. Zudem muss hier Raum und Gelegenheit sein, Esskultur zu erleben und einzuüben. Die Kosten für das Mittagessen im Ganztagsbetrieb sind von Freistaat und Kommunen zu finanzieren. Ein Großteil davon kann voraussichtlich durch den Abbau der bislang mit der Finanzierung verbundenen Bürokratie (z.B. Bildungs- und Teilhabepaket) gedeckt werden.

Das Forum Bildungspolitik fordert: Ganztagsbildung braucht eine deutliche Aufstockung der Finanzen
Das Forum Bildungspolitik in Bayern stellt fest: Ein qualitativ hochwertiger Ganztag braucht eine gute finanzielle Ausstattung, die dynamisch an die entsprechenden Preis- und Tarifsteigerungen angepasst werden muss. Jede Schule benötigt ein eigenes Sachmittelbudget für pädagogische Maßnahmen, kulturelle Veranstaltungen, Fahrtkosten etc., das sie selbstverantwortlich und unternehmerisch nach dem örtlichen Bedarf einsetzen kann.

Es fehlt die Möglichkeit, langfristige Verträge mit außerschulischen Trägern abzuschließen, um Fluktuation und Unsicherheit auf beiden Seiten zu reduzieren. Es mangelt an Mitteln für Anschaffungen von Ausstattung und Material, für Aufführungen, Ausflüge und Projekte. Auch die fachliche Koordination, der Overhead für Organisation und Verwaltung (Personal, Abrechnung, Verträge, etc.) und Qualitätsentwicklung, (gemeinsamen) Aus- und Fortbildungsmaßnahmen sowie Kosten für Evaluation werden derzeit weder auf Schul- noch auf Trägerseite finanziert. Hierfür muss mind. ein Anteil von 10 Prozent der Maßnahmekosten zusätzlich für beide Partner bereitgestellt werden.

Grundsätzlich ist Ganztagsbildung als flexibles schulisches Angebot Aufgabe des Freistaats. Hierzu fordert das Forum Bildungspolitik in Bayern, wieder die früher bewilligten 18 zusätzlichen Lehrkraftwochenstunden (statt zurzeit 12 Lehrerwochenstunden) je gebundene Ganztagsklasse und Schuljahr zur Verfügung zu stellen. Ein kommunaler Anteil an der Finanzierung wird bereits geleistet. Eine Uneinigkeit über die jeweiligen Finanzierungsanteile darf nicht dazu führen, dass junge Menschen ungenügende Angebote bekommen.

Das Forum Bildungspolitik fordert: Ganztagsbildung braucht Kooperation
Das Forum Bildungspolitik in Bayern fordert, dass für die Realisierung der aufgestellten Forderungen Freistaat und Kommunen den strukturellen und finanziellen Rahmen bereitstellen müssen. Kinder und Jugendliche brauchen Bedingungen, die ihnen Perspektiven für ein selbstbestimmtes und verantwortungsbewusstes Leben geben. Die Beiträge und die Zusammenarbeit von Politik, Verwaltung, Verbänden, Zivilgesellschaft und Wirtschaft schaffen hier die Grundlagen für die Zukunft unserer Gesellschaft.

Einstimmiger Beschluss vom 16. April 2018