Akzente - 6/2021 Politik Bildungsqualität Gebundener Ganztag

Ein Traum von Ganztag

Lang, lang ist's her. Doch wie die BLLV-Präsidentin als Rektorin einer Grund- und Mittelschule einen Modellversuch zum Ganztag lebte, war stilbildend. Die hohen Ansprüche an ganzheitliches Lernen würden heute schon am Lehrermangel scheitern.

02.12.2021

Neunzehn. Oder als Ziffer: 19. So viele zusätzliche Schulstunden waren ausgelobt für den Modellversuch „Zeit für mehr Bildung im Ganztag“. Juhu, an unserer Grund- und Mittelschule würde künftig an vier Tagen bis in den Nachmittag hinein ganzheitliche Bildung angeboten werden! Nein, gelebt werden! Schule mal komplett anders! Da lag also dieser Flyer zum Modellversuch Ganztag des KM auf meinem Tisch, und ich zögerte keine Sekunde. Warum auch? Was hätten wir zu verlieren gehabt?

Was wir zu gewinnen hatten, war zu verlockend. Ich durfte eine Menge externe Experten für den Nachmittag engagieren. Weil die Kommune voll mit einstieg, konnten wir auch stets stattliche Honorare zahlen. Die Externen waren bestens qualifiziert, und so konnten wir Lehrerstunden sparen und in die Förderung und Differenzierung stecken. Wir konnten den Unterricht und das Lernen nun nach ganz anderen Prinzipien gestalten.

Im rhythmisierten Ganztag war auf einmal Mathe oder Deutsch oftmals in gesplitteten Klassen möglich. Da war auch mal der Tandem-Unterricht drin. Da war auch Zeit und Raum für individuelle Förderung. Da entstand sogar eine bilinguale, ganztägige Grundschulklasse. Alle hatten wir Bock, etwas Neues auf die Beine zu stellen: die Gemeinde als Sachaufwandsträger, der Gemeinderat als politisches Gremium, die Eltern, das Kollegium. Und die Schülerinnen und Schüler. Die wussten erst mal natürlich nicht, was auf sie zukommt. Was, den ganzen Tag Schule? Aber wer so dachte, kam schnell in Fahrt. Und lernte, sich mit dem großen Ganzen – seiner Ganztagsschule – zu identifizieren. Denn auf einmal saßen wir alle in einem Boot.

Das mit dem Boot darf man hier mal ganz konkret verstehen: Wir bauten tatsächlich ein Boot. Ein richtiges, bespielbares Boot sogar, mit Ober- und Unterdeck zum Steuern und zum Versteckspielen. Ein externer Schreiner leitete die Kinder an. Er konzipierte zusammen mit ihnen das Gefährt von der Dimension eines 7,5-Tonners, zusammen stellten wir alle die Pläne im Gemeinderat vor, akquirierten die Geldmittel, beschafften das Material. Und wer jetzt meint, hoppla, wo bleibt denn da das Lernen, der Unterricht, der hat das Konzept des Ganztags noch nicht ganz verinnerlicht. Gebundener Ganztag hat schon damals nicht bedeutet: Noch mehr Stoff in den Kopf pressen, auch noch am Nachmittag. Ganztag, wie wir ihn ein paar richtig gute Jahre lang leben durften, das bedeutet: Kleine Menschen dürfen in jeder Hinsicht wachsen. Auch, und gerade da, wo handwerkliches Geschick gefragt ist, wo auch die Herzenskräfte des Musischen gefragt sind, wo es im Sport den vollen Körpereinsatz braucht. Und Mathe ist ja schon auch gefragt, wenn es um Maße und Winkel der Holzplanken geht. Aber im Vordergrund stand das Interesse und die Lust der Kinder. Wie hat Saint-Exupéry sinngemäß so schön gesagt: „Wenn du ein Schiff bauen willst, erwecke in den Herzen der Menschen die Sehnsucht nach dem Meer.“

Die Schülerinnen und Schüler konnten sich nicht nur im Klassenverband als enorm selbstwirksam erfahren, sondern schulart- und jahrgangsübergreifend. Auf unserem „Campus“ gab es unsere Grund- und Mittelschule, die Realschule und die Förderschule. Nie werde ich das gespannt-aufgeregte Gewusel vergessen, wenn dienstags nach dem Mittagessen 150 Kinder und mehr in der Aula eine ihrer rund 20 AGs aufsuchten. Immer für die Periode zwischen zwei Ferien durften sie wählen.

Bootsbau eben. Neugestalten der Aula oder der Gänge. Oder Zirkus. Ich sehe ihn noch vor mir, diesen schmächtigen Zweitklässler auf den Schultern eines sportlichen Zehntklässlers, wie der ihn in die Luft katapultiert – und wie ihn dann die kleinen Artisten ringsum aufgefangen haben. Stürmisch beklatscht vom Schüler- und Elternpublikum bei der großen Ganztagsshow am Ende einer AG-Phase. Die Großen und die Kleinen, die Kinder mit Handicap und die ohne, die hielten zusammen – auch auf dem Pausenhof. Streitschlichter hatten wir, aber wir brauchten sie immer seltener.

Ich freue mich noch heute und zehre auch immer noch von diesen Erfahrungen, dass ich den Beweis erleben durfte: Die Strukturdebatte kann man vergessen, man kann die Grenzen der Schularten auch anders durchlässig machen oder sogar überwinden. Auch dafür wäre der Ganztag gut – da wo es vor Ort eben geht. Aber wo stehen wir heute? 19 Stunden im Modellversuch sind geschrumpft auf 12, mittlerweile sind wir bei neun. In Ziffern: 9. Ist der Traum ausgeträumt? Ich weigere mich, das zu glauben. Das Schiff steht noch heute im Pausenhof meiner ehemaligen Schule. Als würde es warten auf eine Besatzung mit Sehnsucht nach dem schönen, großen Meer. // Simone Fleischmann

Artikel aus der bayerischen schule #6/2021



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