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Amok-Prävention: „Wir brauchen eine andere Kultur des Miteinander Umgehens und viel Zeit für Kinder“

„10 Jahre Winnenden“: In der Sendung des Bayerischen Rundfunks fordert BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann einen Fokus auf Prävention – gesamtgesellschaftlich und an Schulen, die mehr Zeit für Werteerziehung und Beziehungsarbeit mit Kindern brauchen.

Sie fehlen. Die 16 Menschen, die beim Amoklauf an der Albertville-Realschule ums Leben kamen. Am 10. Jahrestag gedenken und trauern die Menschen in Winnenden. So unfassbar die Tat vor allem für die Betroffenen immer noch ist, so groß ist der Wunsch aller, dass sich so etwas nicht wiederholen möge. Der Bayerische Rundfunk fragt in seinem Thema des Tages daher nach Ursachen und Gegenmaßnahmen.

Die Frage nach dem Warum erläutert Schulpsychologe Hans-Joachim Röthlein dabei so: Eine Rachetat ließe sich meist auf eine subjektiv empfundene öffentliche Beschämung zurückführen, daraus werde Wut, Hass und schließlich Rache. Im Vorfeld werde oft nicht ernst genommen oder gar nicht erkannt, dass ein Schüler leide, beispielsweise unter Mobbing oder wegen schlechter Noten.

Prävention: Schule kann sensibilisieren

Deswegen sagt BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann auf Anfrage des Bayerischen Rundfunks in der Sendung: „Ich fordere, großen Wert auf Prävention zu legen“. Zwar seien die vorhandenen Notfallpläne und Sicherheitskonzepte überdacht worden, doch angesichts der Ursachen sei vor allem ein Umdenken nötig, das über die Schulen hinausgeht. „Wir brauchen in der Gesellschaft insgesamt eine andere Kultur des Miteinander Umgehens“, fordert Fleischmann mit Blick auf eine „Verrohung“, gegen die der BLLV das Manifest „HALTUNG ZÄHLT“ gesetzt hat, das im öffentlichen Diskurs „eine Aggressivität, eine Sprache des Hasses, der Geringschätzung und Diskriminierung, persönliche Beleidigungen, bewusste Kränkungen und Ausgrenzung in Wort und Handeln“ konstatiert.

Für derartige Beschämungen und ihre schlimmsten Folgen „müssen wir Kinder und Jugendliche sensibilisieren und Schulen sind der beste Raum, das zu tun“, stellt Fleischmann klar. „Wir müssen mit den Kindern und Jugendlichen von heute in der Schule jegliche Chance nützen, um guten Umgang miteinander zu trainieren.“ Denn die Schule könne „live“ das bieten, wovon in den Medien, die ansonsten den Alltag heutiger Schülerinnen und Schule stark prägten, nur abstrakt die Rede sei: „Unsere Kinder sollen Respekt, Wertschätzung und Interesse für die anderen Menschen erleben und leben - unabhängig davon, welcher Religion sie angehören, welche Hautfarbe sie haben, welche Muttersprache sie sprechen und welche Meinung sie vertreten“, postuliert der BLLV in seinem Manifest.

Zeit für Menschen gibt Sicherheit

Das Problem aus Sicht von Simone Fleischmann ist dabei aber vor allem: Zeit. Zeit für eine Bildung, die neben Fachkompetenzen auch den Menschen, seine Werte und sein soziales Handeln in den Blick nimmt. „Deswegen ist es für mich die Aufgabe der Jetztzeit, zu überlegen: Was brauchen wir neben dem klassischen Unterricht in Schulen eben auch noch?“, fragt die Präsidentin des BLLV, der seine kommende Landesdelegiertenversammlung auch deswegen unter das Motto „Kopf. Herz. Hand. Bildung ist Zeit für Menschen“ gestellt hat.

Diese Zeit sieht Simone Fleischmann auch als wichtigsten Beitrag dafür, dass sich Vorfälle wie in Winnenden nicht wiederholen. Denn auf die Frage des Bayerischen Rundfunks, worüber sie sich an Bayerns Schulen in punkto Sicherheit am meisten Sorgen mache, sagte die BLLV-Präsidentin:

 

„Uns macht als Lehrerinnen und Lehrer die Frage große Sorgen, wie Kinder heutzutage aufwachsen. Wie viel Bindung, wie viel Beziehung, wie viel Geborgenheit erleben sie, und was suchen sie bei uns als Lehrerinnen und Lehrer? Wir erleben, dass sie sehr viel suchen! Es gibt Kinder, die brauchen dich von der Spitze des Haares bis zum kleinen Zeh – ganz, als ganzer Mensch. Und das zeigt uns, dass Schule sehr viel Beziehungsarbeit leisten muss. Wir brauchen einfach verdammt viel Zeit für diese Kinder. Das macht mir manchmal schon Angst, wenn wir da nicht alles geben können.“

>> zum vollständigen Podcast auf br.de

Weitere Informationen

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