Pressemitteilung zum Schuljahres-Auftakt - 4.10.2021 04.10.2021 ThemenPressemitteilungBildungsqualitätMultiprofessionalitätIndividuelle Förderung

BLLV: Das Kartenhaus steht – aber wie lange noch?

"Die Situation an unseren Schulen ist dramatisch", sagt BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann in der heutigen Pressekonferenz zum Schuljahres-Auftakt. Da helfe auch kein Schönreden oder Schönrechnen. Der eklatante Lehrermangel sei mit dem bloßen "Stopfen von Löchern" nicht zu beseitigen und das habe enorme Auswirkungen auf die Bildungsqualität. Damit distanziert sich der BLLV vom Narrativ der Staatsregierung, Bayern sei in der Bildung bestens aufgestellt.

Update am 5.10.2021

Pünktlich zum ersten Schultag twitterte Ministerpräsident Dr. Markus Söder, es habe in Bayern noch nie so viele Lehrerinnen und Lehrer gegeben wie jetzt. "Ganz ehrlich - das ist Schönfärberei und davon haben wir jetzt wirklich genug", empört sich BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann. "Ja: Besser, es steht ein Mensch vor jeder Klasse als keiner. Aber wenn wir mal näher hinschauen, dann müssen wir die Frage stellen: wer steht denn da? Das sind Menschen mit tollen Berufen und spezifischen Kompetenzen, keine Frage. Aber Ergotherapeuten, Opernsängerinnen und Ethnologen sind eben keine ausgebildeten Lehrkräfte."

VIDEO: BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann nennt bei der Pressekonferenz am 4. Oktober die BLLV-Forderungen


Gerade jetzt, in dieser schwierigen Zeit mit den weitreichenden und umfassenden Auswirkungen von Corona auf das Lernen, die ganzheitliche Entwicklung und das psychische Wohl von Kindern und Jugendlichen, brauche es mehr: Mehr individuelle Förderung, mehr Bildungsqualität und eben mehr professionelle Lehrerinnen und Lehrer. "Nur so können wir den, durch die Krise noch heterogeneren Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler gerecht werden. Und nur das würde dazu beitragen, dass wir unserem Beruf gerecht werden und gesund bleiben könnten!“ Was bei Klassengrößen von 26 Kindern oder mehr – davon gibt es 11.800 Klassen in Bayern – sowieso schon schwierig genug sei.

Schulen mit bis zu 50% nicht voll ausgebildeten Lehrkräften

BLLV-Vizepräsident Tomi Neckov berichtet, wie die Situation an den Schulen tatsächlich ist: "Wir haben Schulen in Bayern, an denen bis zu 50% nicht voll aus­gebildete Lehrerinnen und Lehrer tätig sind." Die Liste an sonstigem Personal ist lang und reicht von Schulassistenten über Ein-Fach-Lehrer bis zu Drittkräften und anderem externen Personal. „Solche Unterstützungs- und Aushilfskräfte können aber wirklich nur Notlösungen sein und uns als professionelles pädagogisches Personal niemals ersetzen.“

VIDEO: BLLV-Vizepräsident Tomi Neckov berichtet über die Situation an den Schulen


Das Kartenhaus in Bayern bricht zusammen, weil:

  • es Grundschulklassen gibt, die nicht mehr eine stabile Klassenleiterin haben, sondern sich diese wichtige Rolle mehrere Lehrkräfte teilen müssen
  • manche Klassen sogar Nicht-Lehrkräfte als Klassenleitung haben
  • Schulen keine Schulleitung haben
  • mobile Reserven, die eigentlich bei Krankheit oder Schwangerschaft von Lehrkräften einspringen soll, jetzt schon komplett aufgebraucht sind
  • an Mittelschulen Klassen zusammengelegt werden: z.B. waren es im Schuljahr 2021/22 in der 7a 14 Schüler und in der7b 14 Schülerin. In diesem Schuljahre besteht dann die zusammengelegte Klasse 8a aus28 Schülern
  • Mittelschüler eigentlich zwei Lehrer, multiprofessionelle Teams und individuelle Förderung bräuchten, jetzt aber – wenn überhaupt – nur einen Lehrer haben
  • Förderlehrer nicht mehr fördern dürfen, sondern fachfremd eingesetzt sind
  • spezifische Angebote für Mittelschüler, wie die Vorbereitungsklasse, die Praxisklasse oder Mittlere-Reife-Klassen wegen Lehrermangel nicht mehr angeboten werden
  • im Fachunterricht, wie z.B. im Fach  Ernährung und Gestaltung, doppelt so viele Kinder sitzen, wie Arbeitsplätze vorhanden sind oder der Unterricht komplett entfallen oder von einem Nicht-Lehrer angeboten werden muss
  • Personal für das Programm "gemeinsam.Brücken.bauen" fehlt
  • es Schulen gibt, bei denen im Kollegium weniger als die Hälfte vollständig ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer sind. Bei etwa 16 verschiedenen Personalmodellen (s. Übersicht des BLLV) kaum mehr zu handeln!

Außergewöhnliche Härte- oder Einzelfälle?

"Nein, leider inzwischen ganz normaler Alltag an vielen Schulen in Bayern. Der Lehrermangel ist nicht mehr zu kaschieren, das Kartenhaus bricht bereits jetzt zusammen, der massive Qualitätsverlust an unseren Schulen ist da", resümiert Simone Fleischmann.

Und was heißt das jetzt?

Die Schulleitungen sind völlig überlastet: Wieder neue Pooltests, umfassende Hygienemaßnahmen, uneinheitliche Quarantäneregeln, fehlende Schulbücher und zu organisierende Impfkampagnen an der Schule. Gesundheitsmaßnahmen umgesetzt: Und wann denken wir ganzheitliche Bildung, modernen Unterricht und nachhaltige Erziehung?

Fakt ist:

Die Zahl derer, die die Schulleitungsfunktion zurückgeben und wieder als Lehrkraft arbeiten möchten, nimmt stark zu und viele Stellen in der Schulleitung können so nicht mehr besetzt werden. Dies hat zur Folge, dass manche Schulen von Lehrerinnen oder Lehrern kommissarisch geleitet oder von der Schulleitung einer anderen Schule mitgeführt werden müssen.

Die Vielzahl an Unterstützungs- und Aushilfskräften, dazu das ständig wechselnde externe Personal und die fehlenden mobilen Reserven bedeuten, dass Schulleitungen nochmal mehr Aufgaben haben und das Kollegium dafür sorgen muss, dass diese neuen Kolleginnen und Kollegen bestmöglich ins Team integriert werden. "Mal wieder eine Zusatzaufwand – freilich ohne zeitliche Entlastung - einfach on top!" kreidet Fleischmann an.

Stellen wir uns so beste Bildung vor?

"Ist das die Bildungsqualität, die wir uns für unsere Kinder wünschen? Können wir sie so fit machen für die Herausforderungen der Zukunft? Das ist im reichen Bayern doch ein Skandal, das kann und darf nicht sein", so Fleischmann. „Das macht uns Lehrerinnen und Lehrer krank, weil wir doch genau wissen, was diese Kinder und Jugendlichen eigentlich bräuchten. Wir wollen, wir könnten, aber wir sind zu wenige!"

Dass das in Zukunft noch dramatischer wird, zeige sich auch in den Statistiken und Prognosen: So brach beispielsweise zum letzten Wintersemester die Zahl der Studienanfänger für das Lehramt an Mittelschulen um 54% ein. Gleichzeitig fehlen in dieser Schulart bis 2025 ohnehin 1.650 Lehrerinnen und Lehrer laut Prognose des bayerischen Kultusministeriums.

Die Zahlen der Schulartwechsler, der Wiederholer, der Übertritte nach der 4. Klasse und der eingeschulten Kinder hat sich und wird sich der BLLV ganz genau anschauen. Denn wenn Schülerströme je nach Lehrerversorgung gelenkt werden, dann ist dies eine pädagogische Bankrotterklärung des bayerischen Schulsystems. Schlimmer noch: Dann baden die Kindern und Jugendlichen die Fehler der bayerischen Bildungspolitik aus.

Ein Beispiel: War die Zahl der Schülerinnen und Schüler die von einer Schulart auf eine andere wechselten über viele Jahre konstant, so änderte sich das im Schuljahr 2019/20 deutlich. In diesem Schuljahr wechselten deutlich weniger Kinder und Jugendliche von der Realschule zur Mittelschule (-36 %) oder von einem Gymnasium auf eine Mittelschule (-31 %) als noch im Vorjahr. Auch der Wechsel von einem Gymnasium auf eine Realschule verringerte sich um 23 % im Vergleich zum Schuljahr 2018/2019. Insgesamt ist es ja leider in Bayern immer schon so, dass deutlich mehr Schülerinnen und Schüler "abgeschult" (9166 Schüler) als "aufgeschult" (5887 Schüler) werden, das war auch im Schuljahr 2019/20 der Fall.

Der BLLV fordert von den politisch Verantwortlichen:

  • Zunächst eine ehrliche und transparente Betrachtung der Realität
  • Eine Erwartungshaltung, die den beiden Krisen, der Coronakrise und dem Lehrermangel, gerecht wird
  • mehr Zeit zur individuellen Förderung der Kinder und Jugendlichen
  • mehr "echte Lehrerinnen und Lehrer und deutlich mehr multiprofessionelle Teams
  • mehr Leitungszeit, weniger Unterrichtszeit und mehr Anrechnungs­stunden für Schulleitungen;
  • bessere Arbeitsbedingungen und eine gleichwertige Besoldung für alle Lehrerinnen und Lehrer,
  • eine flexible Lehrerbildung

"Das Kartenhaus bröckelt. Unsere Kräfte auch. Jetzt muss die Politik handeln!", so resümiert die BLLV-Präsidentin in der Pressekonferenz zum Schuljahresanfang.

Eine ausführliche Zusammenstellung von Zahlen, Daten und Fakten zur Situation der Schulen sowie einen Überblick zum diversen Personaleinsatz finden Sie hier: www.bllv.de/pressematerial

Pressemitteilung Nr. 26 "Das Kartenhaus steht - aber wie lange noch?" (PDF-Download)

BR: "Verloren durch Corona: Soziale Kompetenz von Kindern"

Isabel Franz (stellv. Vorsitzende des MLLV) macht sich Sorgen um ihre Schülerinnen und Schüler aus der achten Klasse. Ihr fällt auf, dass die Jugendlichen weniger kommunizieren und antrieblos sind: "Sie sind ruhiger geworden und einfach nicht mehr so aktiv, wie sie es vor Corona waren." So bräuchten die 13- bis 14-Jährigen im Unterricht mehr Impulse, um ins Gespräch zu kommen.