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Führen für ganzheitliche Bildung: Kreativ, mutig, mit mehr Freiraum von oben!

Bildungsexperten aus aller Welt diskutierten in Zürich, was Erkenntnisse über moderne Führung für Schule bedeuten. Präsidentin Simone Fleischmann sieht BLLV-Positionen zur ganzheitlichen Bildung bestätigt, während deutsche Systemzwänge irritieren.

Wie lässt sich ein zeitgemäßes Verständnis von Führung für die Tätigkeiten im schulischen Alltag, für Schulentwicklung und mit Blick auf Vorgaben übergeordneter Ebenen so umsetzen, dass Schule die Herausforderungen einer Gesellschaft im Wandel professionell meistern kann? Darüber diskutierten Experten aus aller Welt unter dem Motto „Verantwortung für Bildung – Ansprüche, Realität, Möglichkeiten“ beim World Education Leadership Symposium (WELS) in Zürich.

Präsidentin Simone Fleischmann stellte in einem von 16 Themensträngen, „Lernen, Unterricht und Erziehung“, das Leitbild des BLLV von ganzheitlicher Bildung vor und erläuterte die Bedeutung des Mottos der Landesdelegiertenversammlung „Herz. Kopf. Hand – Bildung ist Zeit für Menschen“.

Herz, Kopf, Hand ist weltweit Konsens

Ihre Ausführungen über individuelles, differenziertes Lehren und Lernen auf der Basis einer vertrauensvollen Beziehung, die den ganzen Menschen in den Blick nimmt, fiel auf äußerst fruchtbaren Boden – zur großen Freude der BLLV-Präsidentin und von Birgit Dittmer-Glaubig, Leiterin der Abteilung Berufswissenschaften: „Die Konferenz in Zug hat uns in vielen Vorträgen, Praxisberichten und Workshops gezeigt, dass die Notwendigkeit eines ganzheitlichen Bildungsbegriffs internationaler Konsens und als Basis für alle Entwicklungsprozesse gesehen wird“, berichtet Fleischmann.

Das gilt zuallererst ganz konkret für den Unterricht: „Wenn wir als Lehrerinnen und Lehrer den ganzen Menschen so wahrnehmen, wie alle das als nötig beschreiben, dann geht es nicht, dass du als Lehrkraft da vorne stehst, deinen Unterricht runterspulst, und alles andere von dem Kind außen vor lässt“, stellt Fleischmann klar.

Es geht nur multiprofessionell

Wer aber jedes Kind, jeden Jugendlichen individuell wahrnehmen und differenziert fördern wolle, der stoße schnell an Grenzen, wie der BLLV zuletzt auch in der Diskussion um Lehrermangel deutlich gemacht hat. Dass es multiprofessionelle Unterstützung für Lehrerinnen und Lehrern braucht, war auch beim WELS in der Schweiz Konsens.

Doch dort wurde Führung nicht nur auf der Ebene des Unterrichts analysiert und diskutiert, sondern auch auf der Ebene von Schulleitung und Schulmanagement. „Wenn anerkannt ist, dass die Bildung der Zukunft ganzheitlich ist und Auftrag von Schule von Morgen, dann kann das Team einer Schule nur dann modern in Führung gehen, also das Schulmanagement übernehmen, wenn daran nicht nur Schulleiter, Schulverwaltung und die Lehrkräfte beteiligt sind, sondern wenn auch da Multiprofessionalität herrscht“ , sagt Simone Fleischmann.

Große Bandbreite: Übelkeit bei Kindern bis Innovationstypologie

Ein ganz grundlegendes Konzept wie das der Schulgesundheitsfachkraft sei beispielsweise international schon weit verbreitet, hier sei Deutschland in Rückstand. „Bei uns muss oft immer noch die Lehrerin alleine damit fertig werden, wenn beispielsweise sich ein Kind mal übergibt“, bemängelt Fleischmann. „Die Lehrkraft muss selbst die Betreuung der anderen Kinder sicherstellen, wenn sie sich um das kranke Kind kümmert, schwer oder nicht erreichbare Eltern zu verständigen versucht, gegebenenfalls den Krankenwagen ruft, weil das im Zweifel die einzige, obwohl überzogene Option ist. Oft übernimmt dann die Sekretärin behelfsweise die Betreuung, das Kind wird provisorisch auf die Erste Hilfe-Liege neben dem Kopierer gelegt. Das ist kein guter Weg, eine Fachkraft kann so etwas natürlich professioneller leisten – und international ist das in vielen Ländern schon Standard“, berichtet Fleischmann.

Am anderen Ende des Spektrums diskutierten Bildungsexperten beim Symposium in der Schweiz, wie sich ein kooperatives, partizipatives Verständnis von Führung in der Schulentwicklung leben lässt. In der Einführung zum Tagungsthema „Verantwortung für Bildung – Ansprüche, Realität, Möglichkeiten“ betonte Prof. Dr. Stephan Gerhard Huber von der pädagogischen Hochschule Zug, dass Schulleiter stets die Balance im Blick haben müssten zwischen sogenannten „Bewahrern“, „Optimierern“ und „Innovativen“, die auf unterschiedlichsten Ebenen mit unterschiedlichen Erwartungen an Schulentwicklungsprozessen beteiligt sind und dafür gebraucht werden. „Bewährtes bewahren, bisherige Praxis optimieren und neue Praxis innovieren und dabei viele Mitnehmen und ihnen auf Augenhöhe begegnen!“, resümiert Simone Fleischmann den Grundsatz guter Schulleitung, für den auch der BLLV eintritt.

Mut zur Eigenverantwortung

In der Analyse von Best Practices in Sachen erfolgreicher Schulentwicklung kristallisierte sich beim Symposium in Zug das Maß an Eigenverantwortlichkeit als entscheidend heraus. Über den Grund war man sich ebenfalls einig: Die besten Maßnahmen für die Bedürfnisse und Chancen vor Ort können vor Ort am besten erkannt und auf die beste Art umgesetzt werden.

Das hat auch Simone Fleischmann als Schlüsselfrage erfahren: „Ich als Schulleiter bin derjenige, der vor Ort an meiner Schule die Prozesse managed. Ich habe natürlich Vorgaben, aber ich brauche eben auch so viel Freiheit, so viel Mut und so viel Lust an Gestaltung, dass ich mit meinem Team vor Ort alles so arrangiere, wie wir es für optimale, professionelle Arbeit brauchen. Es geht also um eigenverantwortliche Schule mit Mut.“ Das hat für Fleischmann allerdings eine entscheidende Voraussetzung: „Dazu brauche ich die Ansage von oben: Ja, du hast auch das Mandat dazu und die Verantwortung dafür!“

Zwischen Standards und Entscheidungsfreiheit

Gerade bei Letzterem nimmt Deutschland im internationalen Vergleich eine Sonderstellung ein, die der BLLV-Präsidentin im Austausch mit Kolleginnen und Kollegen gespiegelt wurde. „Wir haben viele übergeordnete Ebenen, die Schule machen:  Regierung, Kultusministerium, Ministerialbeauftragte, Bildungsausschuss, Schulämter – die internationalen Kollegen fragen sich, wie man die Freiheit für die einzelne Schule bei der Eingebundenheit in diese strukturellen Vorgaben leben kann“, berichtet Fleischmann und räumt ein: „Natürlich ist auch für uns klar, dass man nicht jeden frei laufen lassen kann, weil wir schon aus Fairnessgründen gewisse ortsübergreifende Standards brauchen.“

„Aber wie eng muss der Rahmen für diese Standards gestreckt sein?“, fragt Fleischmann und benennt einen großen Unterschied zwischen Deutschland und den meisten anderen Ländern, die beim WELS vertreten waren: „Letztlich sind wir damit bei der Föderalismus-Debatte, die in Deutschland immer sehr kontrovers und explosiv ist. Für Bildungsexperten aus andern Ländern ist allerdings kaum vorstellbar, dass wir 16 Bundesländer haben, 16 Verwaltungen, 16 verschiedene gymnasiale Abschlüsse, 16 unterschiedliche Kultusminister, 16 andere politische Konstellationen und damit 16 andere politische Vorstellungen, was Lernen sein soll.“

Einfach das Richtige tun?

Für ihre eigene Wahrnehmung schildert Fleischmann das internationale Symposium dazu als relativierend, weil dort ganz unvoreingenommen gefragt werde, weil man in anderen Ländern ein solches Konstrukt meist gar nicht kenne, sich wundere und große Probleme vermute. „Viele internationale Kolleginnen und Kollegen kennen die daraus resultierenden Hürden schlicht gar nicht“, resümiert Fleischmann. „Dieses spontane Hinterfragen ist ein wichtiger, wertvoller Impuls und kann idealerweise eine konstruktive Diskussion beflügeln – das wäre mein Wunsch!“

Für die Eigenverantwortlichkeit von Schulen gibt es aus Sicht des BLLV zudem auch ein ganz pragmatisches Argument: „Auf Ansagen von oben zu warten und Schule nur auf der Basis Kultusministerieller Schreiben zu leiten, das reicht schon deswegen nicht, weil – auch wenn viele Menschen auf übergeordneten Ebenen Schule gestalten – letztlich das Ergebnis der Schulleiter vor Ort verantworten muss“, sagt Simone Fleischmann aus eigener Erfahrung. Wenn die professionelle Analyse klar sage, was getan werden muss, dann sei man oft gezwungen, „kreativ“ zu sein.

Innovatoren statt Befehlsempfänger

So habe beispielsweise der Vortrag von Prof. Dr. Hui-Ling Wendy Pan aus Taiwan unter dem Titel „Das Tao der verantwortungsvollen Führung für Schulentwicklung“ das Ideal einer Schule als „selbstlernendes, sich stets neu erfindendes System“ gezeichnet, die sich proaktiv auf Prozesse des gesellschaftlichen Wandels einstellten. Ein mögliches Instrument für die Umsetzung dieses Konzepts ist für die BLLV-Präsidentin die kollegiale Hospitation, bei der sich Lehrkräfte über wechselseitige Unterrichtsbesuche gegenseitig Rückmeldungen geben, Erfolge analysieren und Inspirationen sammeln.

„Es wäre ja fatal, wenn Schule so borniert wäre, nicht die Chance zu nutzen, aus dem, was sie täglich tut, zu lernen“, sagt Fleischmann dazu. „Manche Schulleiter würden aber für kollegiale Hospitation keinen Unterrichtsausfall in Kauf nehmen und lassen das dann lieber sein“, beschreibt sie die Systemzwänge, die ein solches progressives Instrument oft verhinderten. „Dabei werden wir als Schule dann gut, wenn wir im Team gut sind. Aber man kann sich nicht professionalisieren, wenn das Professionalisieren nur ‚on top‘ auf Eigeninitiative geschehen kann. Selbstlernende Schule braucht also die Freiheit, die Lust und den Mut, Schule vor Ort zu entwickeln – und nicht Beamte, die einfach ausführen, was von oben kommt. “

Den inoffiziellen Weg offiziell machen

Doch die Hürden seien hier groß, berichtet Simone Fleischmann: „Ich habe mir als Schulleiterin, jetzt mal auf gut Bayerisch gesagt, oft einfach nichts geschissen und auch mal ein KMS sehr kreativ interpretiert“, erinnert sie sich. „Aber das kann ich natürlich nicht an systemrelevanten Stellen machen, wie beispielsweise bei den drei Noten für den Übertritt in der vierten Klasse Grundschule: Hier kann ich nicht sagen, wir machen jetzt eine völlig andere Übertrittsregelung. Bei solchen Fragen können wir als Verband für die Schülerinnen und Schüler und Kolleginnen und Kollegen eintreten und hier kämpft der BLLV auch vehement, aber das kann kein Schulleiter eigenmächtig aushebeln. Zudem ist eine, nennen wir es mal, ‚kreative pädagogische Leitung von Schule‘ heute zunehmend unmöglich, weil wir eine starke Kontrolle und Überwachung von Daten haben.“

Für Fleischmann ist daher klar: „Wenn sich die internationale wissenschaftliche Community einig ist, dass auf der Grundlage eines ganzheitlichen Bildungsbegriffs und eines kooperativen Verständnisses von Leadership mit Eigenverantwortung vor Ort die besten Erfolge für die Bildungsbiographien junger Menschen zu erzielen sind und man in einem System aber nur die dafür pädagogisch richtigen Maßnahmen ergreifen kann, indem man ‚sehr kreativ‘ ist – dann brauchen wir einen Wandel im System, damit der Weg, dieses Richtige zu tun, auch der offizielle Weg wird! Das heißt, die Menschen vor Ort stärken, ihnen Verantwortung geben, ihnen Zeit geben. Denn dann werden sie diese Verantwortung auch tragen und dazu stehen. Das fordert der BLLV seit Jahren und die internationalen, datenbasierten Erkenntnisse stützen dies eindeutig.“

Der Kurs stimmt

Für die BLLV-Präsidentin hat der Austausch mit internationalen Kollegen und Experten daher viel Rückenwind für das beständige Engagement von bayerischen Lehrerinnen und Lehrer für eine moderne, menschenzugewandte Schule gebracht und sie in ihren Zielsetzungen bestätigt:

„WELS hat uns gezeigt, dass es Mut braucht, dass es Kreativität braucht, dass es starke Führungspersönlichkeiten braucht, die in einem scharf reglementierten hierarchischen System in Bayern mit beiden Beinen im Leben stehen und das machen, was für ihre Kinder, für ihre Schule und für ihre Lehrer und Eltern professionell ist und gut ist!“

Weitere Informationen

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