gemeinsam.Brücken.bauen 20.05.2021 Startseite Topmeldung

Pädagogisch begrüßenswert. Aber wie realisierbar?

Pädagogisch ist das Förderprogramm gemeinsam.Brücken.bauen und dessen geplante Umsetzung des Kultusministeriums in großen Teilen begrüßenswert. Der Lehrermangel stellt dessen erfolgreiche Verwirklichung jedoch in Frage.

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Besonders hervorzuheben beim neuen Förderprogramm gemeinsam.Brücken.bauen des Kultusministeriums (>> siehe hier) ist der ganzheitliche Lernansatz: Der Fokus der verschiedenen Angebote liegt explizit nicht auf rein kognitiven fachlichen Inhalten, sondern auf der bedarfsgerechten Bereitstellung von Angeboten, die auch sozial-emotionale Aspekte berücksichtigen sollen. Wie es der BLLV bereits seit langem fordert, ermöglicht dieser Ansatz zumindest in der Theorie flexible und passgenaue Lösungen vor Ort und eine bedarfsgerechte Verteilung finanzieller Mittel anstelle einer pauschalen Zuweisung nach dem Gießkannenprinzip. Die Chance, der Situation besonders benachteiligter Schülerinnen und Schüler beispielsweise in Form eines Sozialindexes endlich Rechnung zu tragen, wurde jedoch auch hier verpasst.

Positiv hervorzuheben ist außerdem der Einsatz zusätzlichem Personals und der Bereitstellung entsprechender finanzieller Mittel anstatt die bereits voll ausgelasteten Lehrerinnen und Lehrer noch weiter zu belasten. In diesem Zusammenhang sind auch die Unterstützung durch die Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung in Dillingen (ALP) sowie durch das geplante ISB-Portal (>> siehe hier) für entsprechende Qualifizierungsangebote und Praxishilfen sehr zu begrüßen. Außerdem erfreulich sind die individuellen Möglichkeiten der Personalakquise in Kombination mit einem entsprechenden Portal, wie es der BLLV forderte.

Das Förderprogramm ist geprägt von einem modernen Lern- und Leistungsverständnis im Sinne größerer Individualität beim Lernen der einzelnen Schülerin und des einzelnen Schülers vor Ort. Eine bedarfsgerechte Anpassung der Lehrpläne und individuelles Feedback zum Lernstand mit Empfehlungen und der Bereitstellung geeigneter Förderangebote entspricht einem neuen Lern- und Leistungsverständnis, das BLLV seit langem fordert.

Unberücksichtigt bleiben hier jedoch die teilweise hochproblematischen Situationen an den Schulen vor Ort: Es fehlen zum Teil an allen Ecken und Enden Ressourcen, vor allem personell. Für die Akquise und das Einlernen von externem Personal brauchen insbesondere Schulleitungen, aber auch die Kolleginnen und Kollegen vor Ort Zeit, die sie leider häufig nicht haben. Es braucht außerdem Zeit für Austausch mit dem externen Personal, insbesondere für Förderpläne und Rückmeldungen über den Lernfortschritt, Materialien müssen vorbereitet und zur Verfügung gestellt werden, Gruppen müssen organisiert werden, die Sommerschulen müssen organisatorisch gestemmt werden (Aufschließen der Schulen bzw. Räume, Verfolgung und Weitermeldung der Anwesenheit der Schülerinnen und Schüler, …) werden uvm. Diese Herausforderungen und Defizite, verursacht durch den massiven Lehrermangel, stellen die Schulen vor Ort wieder einmal vor enorme Herausforderungen, die Sie am Ende des Tages doch größtenteils alleine stemmen müssen.

Fragwürdig beim geplanten Tutorinnen und Tutorenprogramm ist, dass für Schülerinnen und Schüler an Grund-, Mittel- und Förderschulen lediglich Schülerinnen und Schüler ‚höherer‘ Schularten als Tutorinnen und Tutoren eingesetzt werden dürfen. Wieso Mittelschülerinnen und Mittelschüler einer 9. Klasse nicht für Schülerinnen und Schüler der 5. Klasse derselben Schule als Tutorinnen und Tutoren tätig werden können bleibt offen.

Woran es dem Programm außerdem mangelt ist der Blick auf die akute Situation des laufenden Schuljahres. Entsprechende Lernstandserhebungen zu diagnostischen Zwecken und eine damit einhergehende differenzierte Förderung sind bereits jetzt nötig und auch hier braucht es entsprechende Ressourcen! Die vorgesehenen Mittel sind zudem in Anbetracht der betroffenen Schülerinnen und Schüler und des Ausmaßes der Lern- und Entwicklungsrückstände sehr gering.

Bei den geplanten Sommerschulen ist fraglich, ob diese auch diejenigen Schülerinnen und Schüler erreicht, die es am meisten nötig hätten. Nach einer so langen Zeit der erschwerten Lernbedingungen ist das Bedürfnis nach Ferien und Urlaub nachvollziehbar. Insbesondere bei Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund sind ‚Heimatbesuche‘ nach einer so langen Zeit der Pandemie und Reisebeschränkungen nachvollziehbar und erwartbar.

Wichtig wäre es zudem die angedachten Maßnahmen weit über das Schuljahr 2021/22 hinaus zu denken. Durch eine Sommerschule und Fördermaßnahmen im kommenden Schuljahr werden die entstandenen kognitiven und sozial-emotionalen Defizite insbesondere im Hintergrund des gravierenden Lehrermangels nicht aufzuholen sein. Hier sind Visionen und Investitionen gefragt! Über allen  gut gemeinten Förderideen und Fördermaßnahmen schwebt das Damoklesschwert des Lehrermangels. Gut gedachte und zwingend notwendige Hilfestellungen dürfen diesem nicht zum Opfer fallen. Aber Geld allein schafft dies nicht.

Der BLLV fordert jetzt und langfristig flexibel, effizient und intelligent zu fördern, zur Position geht es >> hier.

Weitere Informationen

Statement BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann: Zur Diskussion um aktuelle Förderprogramme des Kultusministeriums für Kinder und Jugendliche in Bayern

Die BLLV-Position: Jetzt flexibel, effizient und intelligent fördern: BLLV: Politische Bekenntnisse reichen nicht. Wo bleibt die "Spritze" zur Förderung unserer Kinder?

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