Akzente - 6/2022 Themen Akzente

Das bisschen Grundschule...

... macht man doch mit links, oder? Wie viel pädagogische, didaktische und fachliche Professionalität das Unterrichten in der Primarstufe erfordert und was psychologisches und kommunikatives Know-How Wert sind, weiß die BLLV-Präsidentin aus eigener Erfahrung.

02.12.2022 Von: Simone Fleischmann, Präsidentin des BLLV

Gut zehn Jahre hatte ich an einer Hauptschule unterrichtet. Alle Fächer, alle Jahrgangsstufen. Als Schulleiterin musste ich dann auch in der Grundschule unseres Hauses ins Klassenzimmer. Also schnell mal HSU in der Dritten? Alles easy? Die werden doch alle begeistert mitmachen? Wunschdenken. Ich erlebte in den unteren Jahrgangsstufen so manche Überraschung. Es war eine komplett neue Welt.

Ich merkte zum Beispiel schnell, dass die Kinder auf meine anfangs etwas scharfen Ansagen bei Arbeitsaufträgen sehr empfindlich reagierten. Dass sie eine Riesenlust haben, gut zu sein, gesehen zu werden. Dass sie viel Lob brauchen, sonst fließen schnell Tränen. Und was macht man dann als Lehrerin? Mir wurde sehr schnell klar: Grundschule tickt vollkommen anders. Das war die entwicklungspsychologische Seite. Man muss Pädagogin sein – vom kleinen Zeh bis zur Haarspitze.

Mir kam zugute, dass ich auch Schulpsychologie im Hauptfach studiert hatte. Da lernt man, sich professionell selbst zu hinterfragen. Das zu können, war enorm hilfreich: Als Hauptschullehrerin hatte ich methodisch immer so arbeiten können, wie ich es für richtig hielt. Das kam gut an und war erfüllend. In der Grundschule wandte ich zuerst dasselbe Instrumentarium an. In HSU ließ ich die Kinder beim LehrplanInhalt „Klärwerk“ recherchieren, dann besuchten wir ein Klärwerk und anschließend fabrizierten sie in Gruppen Plakate. Das flog mir um die Ohren. Möglichst selbstständig an einem Thema arbeiten, Spaß dabei haben, sich vernetzen? Eltern riefen an: Wo ist der Hefteintrag? Was sollen die Kinder denn jetzt bitte für die Probe auswendig lernen? Ich entwickelte künftig also zusätzlich Tafelbilder, die die Kinder übertragen konnten.

Ich verstand: In der Hauptschule sind es die Schülerinnen und Schüler selbst, die Feedback geben, in der Grundschule die Eltern. In der Grundschule braucht es schon deswegen eine ganz andere Art von Elternarbeit. Die musst du viel mehr mit einbeziehen. Also habe ich ihnen auf Elternabenden vermittelt, wie hochentwickelte Gruppenarbeit, zum Beispiel nach dem Stammgruppe-Expertengruppe-Prinzip („Stex-Gruppe“) funktioniert, und wie man sie bewertet. Die Kinder durften sich ja gegenseitig bewerten. „Wie jetzt, gegenseitig bewerten? Da kommen doch lauter ungerechte und falsche Ergebnisse heraus“, hieß es reflexartig.

Stimmt schon: Rein intuitiv betrachtet, kann einem so was komisch vorkommen. Genau das ist aber der Witz an der Sache: Solche Methoden sind das Ergebnis harter Arbeit. Das denkt man sich nicht mal eben am Küchentisch aus. Ich vermittelte also den Eltern, wie kollaboratives Lernen mit Stammgruppen funktioniert – mit Kriterien, die die Kinder unter meiner Anleitung selber erarbeitet haben. Dass sie unter dieser Voraussetzung durchaus im Stande sind zu beurteilen, was auf einem Plakat wichtig ist und inwiefern es gelungen ist.

Die Eltern verstanden dann auch, warum ich Proben anders konzipierte und eben nicht nur Fakten reproduzieren ließ. Wie man Dinge auf der Reflexionsebene abfragen kann, sodass klar wird, ob ein Kind wirklich durchdrungen hat, worum es geht, statt nur wiederzugeben, wie dieser oder jener Hebel einer Anlage heißt. Multiple-Choice war schon damals nicht gut. Heute wie damals gilt: Wir brauchen einen neuen Leistungsbegriff.

Das Unterrichten an Grundschulen stellt ungemein hohe Anforderungen an Lehrkräfte, auf jeder Ebene. Es braucht mindestens so viel Professionalität wie an anderen Schularten. Was auf den ersten Blick so einfach aussieht, braucht Zeit für die Vorbereitung und ein ganz eigenes Instrumentarium an Didaktik und Pädagogik. Und mit Eltern redet man eben nicht zwischen Tür und Angel, man muss sie wirklich mitnehmen, muss Elternabende entsprechend vorbereiten und gestalten. Eine siebenjährige Ausbildung in Theorie und Praxis ist die Grundlage für all das. Und weil sich die Verhältnisse und Arbeitsbedingungen in den letzten Jahrzehnten grundlegend geändert haben, brauchen wir auch eine neue Lehrerbildung.

Artikel aus der bayerischen schule #6/2022



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