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Digitalisierung: Was die Politik in Jahren nicht geschafft hat, sollen Schulen in 6 Wochen leisten

Das Kultusministerium schreibt Schulen mehr digitale Lerninhalte vor. Doch trotz der mit öffentlichem Tamtam gelieferten Laptops fehlen weiterhin WLAN, Systembetreuung und vor allem pädagogische Konzepte, bemängelt BLLV-Vizepräsident Tomi Neckov.

Die Coronakrise hat deutlich gezeigt, wie wichtig im ersten Schritt zumindest digitale Kommunikation im Kontext Schule ist: Viele Lehrkräfte konnten Schülerinnen und Schüler während der Schulschließungen schlicht nicht erreichen, weil es an Endgeräten, WLAN und Prozessen fehlte. Ganz zu schweigen von echtem digitalem Unterricht mit interaktiven, je nach Leistungsstand individuell differenzierten Lerninhalten, der so wichtig wäre, um Rückstände während Corona benachteiligter Schülerinnen und Schüler aufzuholen!

Dabei ist die Digitalisierung im Bildungsbereich politisch ein beliebtes Thema: Mit großem Getöse wurde schließlich die – lange verschleppte – Verabschiedung des Digitalpakts gefeiert. Angekommen ist indes an den meisten Schulen: nichts. Oder viel zu wenig. Das stellt Tomi Neckov, 2. Vizepräsident des BLLV und Leiter der Schweinfurter Frieden-Mittelschule, im Gespräch mit dem Bayerischen Rundfunk klar: „Verlage, Kommunen, Politik haben sich jahrelang Gedanken darüber gemacht, wie so etwas geht, mit dem Digitalpakt in Berlin und in München. Sie haben es jahrelang nicht geschafft, auf die Beine zu stellen, dass es vernünftigen Unterricht gibt und die Voraussetzungen dafür geschaffen.“

Was die Politik jahrelang verschlafen hat, sollen Schulen in sechs Wochen ausgleichen

Umso mehr ärgert sich Schulleiter Neckov über die neue Vorschrift des Kultusministeriums, dass bis zum nächsten Schuljahr mehr digitale Inhalte integriert werden sollen und Lehrer sich entsprechend fortbilden müssen: „Wir sollen jetzt innerhalb von sechs Wochen, plus eine Woche bis zum Ferienbeginn, ein Konzept erarbeiten, wie das geht.“ Also ein Zeitrahmen, an dem die Politik selbst krachend gescheitert ist. „Das kann keine Schule leisten, das kann keiner stemmen“, stellt Tomi Neckov daher klar.

Zudem es beispielsweise an der Friedensschule bereits am WLAN scheitert, das Lehrkräfte im Bedarfsfall daher auch mal eben privat organisieren und bezahlen. Für die öffentlich gefeierten Laptops, die demnächst geliefert werden, gibt es niemand, der die Geräte für den pädagogischen Einsatz sinnvoll konfiguriert, nötige Software installiert oder sich um Updates kümmert – von einem Konzept für den Unterrichtseinsatz ganz abgesehen. „Da sind ganz viele Fragen offen, es reicht vorne und hinten nicht!“, kritisiert Tomi Neckov.

Modernes Lernen fokussiert Schülerinnen und Schüler

Der BLLV hat deshalb auf seiner Pressekonferenz zum Schuljahresende unter dem Motto „Jetzt mal ehrlich!“ gefordert, dass auch bei der Digitalisierung auf Worten endlich Taten folgen müssen. Die öffentliche Diskussion bleibe zudem oft aufs rein Technische beschränkt, während der BLLV digitale Elemente als eine gute von vielen Methoden sieht, die sich in einem ganzheitlichen Bildungsansatz mit Herz. Kopf. Hand. zu einem pädagogischen Gesamtangebot modernen Lernens fügen sollten, denn:

„Es stellt sich immer die Frage, was beim einzelnen Schüler an Effizienz im Lernen ankommt“, so BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann.

» zum TV-Beitrag des Bayerischen Fernsehens in der Frankenschau

» zum Bericht auf br.de

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Welche Erfahrungen haben Schüler, Eltern und Lehrer gemacht, seit am 16. März in Bayern Bildungseinrichtungen schließen mussten. Ihren Sorgen und Wünschen spürt der Bayerische Rundfunk in einem dreitägigen Themenschwerpunkt nach: 20.-22.7. » weitere Informationen


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Am: 22.07.2020