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Ein gründliches Update zur Lage der Welt

Was meinen Sie: Heute leben 2 Milliarden Kinder im Alter von 0-15 Jahren auf der Erde. Nach Schätzungen der UNO sind es im Jahr 2100... a) 4 Mrd., b) 3 Mrd., c) 2 Mrd.

Weltweit haben 30jährige Männer derzeit im Durchschnitt 10 Jahre lang eine Schule besucht. Gleichaltrige Frauen kommen im Schnitt auf... a) 3 Jahre, b) 6 Jahre, c) 9 Jahre.

In den letzten 20 Jahren hat sich der Anteil der in extremer Armut lebenden Weltbevölkerung... a) fast verdoppelt, b) kaum verändert, c) mehr als halbiert.

a) 20%, b) 50%, c) 80% aller Einjährigen auf der Welt sind gegen irgendwelche Krankheiten geimpft.

Richtig ist in allen Fällen die Antwort c. Keine Sorge: Nur 6-9% haben in einer repräsentativen Befragung in Deutschland die richtige Antwort auf diese und andere grundlegende Fragen gewusst. In anderen Industrieländern ist die Quote jeweils ähnlich, Konzernchefs, Nobelpreisträger und andere „Experten“ schneiden auch nicht besser ab.

In aller Regel schätzen wir die aktuelle Lage der Welt deutlich pessimistischer ein. Das hat vielfältige Ursachen: Während sich einerseits große Teile der Welt rasant entwickeln und zugleich langsame, aber nachhaltige Veränderungen stattfinden, beschäftigen wir uns zu wenig damit und wähnen uns vielfach mit dem Stand von 1965 oder 1980 ausreichend informiert. Hinzu kommen diverse Stereotype über kulturelle oder religiöse Eigenheiten und andere Denkmuster, die zu gravierenden Fehlinterpretationen führen können.

Auch angesehene Medien mit ihren Nachrichten und Dokumentationen sind offenbar bei der Suche nach der objektiven Wahrheit nur bedingt hilfreich und das nicht nur, weil das Publikum bei Skandalen und Katastrophen eher bei der Stange bleibt. Aktivisten und Wohltätigkeitsorganisationen bis hin zu UNICEF spielen ebenfalls nicht durchgehend eine rühmliche Rolle bei der Information ihrer Zielgruppen.

Gewaltige Fortschritte der Menschheit

Hier setzt das Buch „Factfulness. Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist“ des schwedischen Arztes und Professors Hans Rosling an, der bis zu seinem Tod 2017 u. a. Mitglied der Akademie der Wissenschaften war und weltweit Vorträge hielt. Auf der Grundlage offizieller Statistiken von UNO und Weltbank zeigt er die globale Entwicklung der letzten Jahrzehnte auf verschiedenen Gebieten auf und veranschaulicht diese in prägnanten Schaubildern.

Treffend stellt Rosling die gewaltigen Fortschritte der Menschheit seit der Zeit um 1950 und erst recht vor dem Hintergrund des Jahres 1800 dar. Extreme Armut, Hunger, Seuchen, Kindersterblichkeit und Vieles mehr sind global stark zurückgegangen. Die Lösung dieser Grundprobleme, die auch in den „Zielen für nachhaltige Entwicklung“ (SDG) der UNO für 2030 angestrebt wird, rückt teilweise tatsächlich in greifbare Nähe. Bildung, insbesondere Bildung der Mädchen, spielt Rosling zufolge in vielen Bereichen eine Schlüsselrolle.

Dabei war Rosling kein Zahlenfetischist. Eindrucksvoll schildert er Erlebnisse, die er in seiner Kindheit in Schweden und seit seinem Studium als engagierter Mediziner in zahlreichen „Entwicklungsländern“ von Indien über Afrika bis Kuba gesammelt hat.

Chillen ist nicht angesagt

Wer sich angesichts vieler positiver Überraschungen erleichtert zurücklehnen möchte, wird enttäuscht. Rosling vergleicht die Welt heute mit einem Frühgeborenen, der im Brutkasten liegt. Im Vergleich zu der Zeit, in der es keine Brutkästen gab, ist er gut versorgt, seine Lage ist dennoch weiterhin prekär. Rosling wird konkret: „Ich streite keineswegs ab, dass es akute globale Risiken gibt, um die wir uns kümmern müssen. [...] Die fünf Gefahren, die mich am meisten beunruhigen, sind die Risiken einer globalen Pandemie, eines Finanzkollapses, eines Weltkriegs, des Klimawandels und extremer Armut.“ (S. 285)

Es gehe darum, die wirklichen Probleme gezielt anzugehen anstatt sich um eingebildete Probleme Sorgen zu machen. Das zentrale Anliegen von Roslings Buch ist es, Zuversicht für die Zukunft aus den tatsächlich erfolgten historischen Fortschritten zu schöpfen. Die genannten Hauptrisiken werden hingegen nur gestreift. Beim Klimawandel sieht Rosling in erster Linie die Länder des klassischen „Westens“ in der Pflicht, ihre CO2-Emissionen drastisch zu senken, um den übrigen Ländern gerechte Reserven für die eigene Entwicklung zu lassen. Diese sei nicht nur ethisch geboten, sondern könne auch erheblich zur Stabilisierung der Weltlage beitragen.

Beim Thema Armut mag es manchen Leser verstören, dass Rosling zufolge „die große Mehrheit der Weltbevölkerung irgendwo in der Mitte der Einkommensskala“ (S. 24) lebt. Seine Grafiken zeigen, dass weltweit die meisten Menschen heute knapp 8 Dollar pro Tag verdienen (S. 170), was aus unserer Sicht zweifellos kein gutes Leben ermöglicht. Dieser Wert liegt nur deshalb in der Mitte seiner Skala, weil diese nicht in gleichmäßigen Schritten eingeteilt ist. Dennoch ist Fakt: „In extremer Armut leben sie nicht. Die Mädchen gehen zur Schule, die Kinder werden geimpft, sie leben in Familien mit zwei Kindern [...] Schritt für Schritt, Jahr um Jahr wird die Welt besser.“ (S. 24)

Interessantes Material für Schule und (Online-)Unterricht

Neben Roslings erhellenden Fakten über die Welt heute, die uns eine verlässliche Basis für Globales Lernen in jeder Form bieten, liefert ein Projekt von Roslings Schwiegertochter Anna äußerst wertvolles Material zum interkulturellen Lernen: In „Dollar Street“ kann man Fotos aus dem Alltag von über 300 Familien aus aller Welt finden, die zeigen: Wie sie leben, wird heute vor allem von ihrem Einkommen und deutlich weniger von ihrem kulturellen Hintergrund bestimmt. Was ihnen wichtig ist, sind im Niedriglohnbereich stets dringend notwendige Utensilien und darüber häufig Dinge von sehr individuellem Wert. So werden sie als Menschen mit konkreten Bedürfnissen und Wertvorstellungen begreifbar. Rosling: „Gehen Sie davon aus, dass Sie nicht der ‚Normalfall‘ sind – und davon, dass die anderen auch keine Idioten sind“ (S. 196). Prädikat: Absolut lesenswert! // Martin Göb-Fuchsberger, Arbeitsgruppe BNE im BLLV

Der BLLV zu Bildung für nachhaltige Entwicklung

Als Pädagogen ist die Sicherung einer lebenswerten Zukunft für die kommenden Generationen Teil unserer Verantwortung. Deshalb müssen auch wir entschieden handeln. Der BLLV sieht in der Bildung für nachhaltige Entwicklung eine epochale Herausforderung für die Gesellschaft und damit auch für die Schule. >> mehr erfahren


Weitere Informationen

Hans Rosling (mit Anna Rosling Rönnlund und Ola Rosling): Factfulness. Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist. Berlin 2019. ISBN 978-3-548-06041-5 (Ullstein Verlag, € 16,--)

Dollar Street: https://www.gapminder.org/dollar-street/?lng=de



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