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Ist das eigentliche Problem wirklich die Teilzeit?

Anstatt das eigene Agieren zu hinterfragen, hat die Politik mit den Teilzeit-Lehrkräften jemanden gefunden, den sie für den Lehrermangel verantwortlich macht. Damit schießt sie sich ins eigene Knie, meint Hans Rottbauer, ADB-Leiter im BLLV.

19.09.2022 Von: Hans Rottbauer, Leiter der Abteilung Dienstrecht und Besoldung im BLLV

Der Schulstart in Bayern steht unter dem Eindruck eines Lehrermangels in einem noch nie dagewesenen Umfang. Ein bildungspolitisches "Streichkonzert" mit schmerzhaften Dissonanzen ist die Folge. Kurz gesagt: Die Unterrichtsversorgung ist vor allem an Grund- und Mittelschulen so miserabel, dass an vielen Schulen nicht mehr alle Unterrichtstunden gehalten werden können. Das schon lange von vielen Seiten – auch von uns – vorhergesagte Fiasko ist nun da und wird – mit Blick auf die offizielle Lehrerbedarfsprognose des KM - auch noch einige Zeit weitergehen und sich in einigen Schularten auch noch verschlimmern.

Statt die eigene Politik zu hinterfragen, werden jetzt Erklärungen, Lösungen und auch Schuldige gesucht

Was macht die Politik? Zuerst ist man mal erschrocken. Es kam ja aus heiterem Himmel. Und nun werden, wie in der Politik üblich, statt die eigene Politik zu hinterfragen, Erklärungen, Lösungen und auch Schuldige gesucht.

Schon klar: Schuld sind die Teilzeit-Lehrkräfte!

Und? Siehe da, das Problem ist schnell identifiziert, die Lösung ist nahe, die Schuldigen sind gefunden. Es ist die Teilzeit! Es gab in Bayern noch nie so viele Lehrerinnen und Lehrer wie heute. Die Köpfe wären also vorhanden, nur machen diese Köpfe viel zu viel Teilzeit und verursachen so die Probleme bei der Unterrichtsversorgung. Sogar der Ministerpräsident stellt fest: Wenn jeder seine Teilzeit nur um eine Stunde erhöhen würde, hätten wir keine Probleme mehr. Außerdem ist der Schulbereich, der Beamtenbereich mit der höchsten Teilzeitquote in Bayern. Die Lehrerinnen und Lehrer sollen also ihre Freizeitaktivitäten zurückstellen und gefälligst mehr arbeiten. Das Kultusministerium hat offensichtlich verschlafen, hier endlich Grenzen zu setzen….

Halt! Stop! Jetzt mal langsam! So einfach ist das Ganze nicht, liebe Politik! Schauen wir mal genauer hin. Ja, es stimmt, in keinem anderen Beamtenbereich ist die Teilzeitquote so hoch, wie im Schulbereich. Es gibt aber auch keinen anderen Beamtenbereich, in dem die Frauenquote so hoch ist, wie im Schulbereich. Frauen, und das kann man in unseren modernen Zeiten durchaus auch hinterfragen, sind nun mal nach wie vor diejenigen in der Familie, die Aufgaben wie Kindererziehung, Pflege von Angehörigen oder auch einfach den Haushalt neben der Arbeit in der Schule wuppen. Ein Familienbild im Übrigen, das den Vorstellungen der CSU oder der Freien Wähler durchaus entgegen kommt. Dies erklärt schnell und einfach die hohen Teilzeitquoten im Schulbereich.

Übrigens: Mit den Notmaßnahmen von 2020 sind die Teilzeitmöglichkeiten extrem eingeschränkt worden: auf das Mindestmaß von 24 Stunden an Grund- und Mittelschulen und 23 Stunden an den Förderschulen

Dann sollten die Damen und Herren sich einmal daran erinnern, dass gerade im Bereich der Grund-, Mittel- und Förderschulen die Teilzeitmöglichkeiten schon seit den Notmaßnahmen von 2020 extrem eingeschränkt wurden. Die Antragsteilzeit ist damals schon beschränkt worden auf das Mindestmaß von 24 Stunden an Grund- und Mittelschulen und 23 Stunden an den Förderschulen. Eine Notmaßnahme, die im Übrigen dazu geführt hat, dass ein großer Teil der dadurch gewonnen Stunden wieder durch begrenzte Dienstfähigkeit und Dienstunfähigkeit verloren gegangen ist. Diejenigen, die im Kultusministerium hier Verantwortung tragen, wissen das!
Die einzige Möglichkeit noch mehr Teilzeit zu beantragen, bietet lediglich die familienpolitische Teilzeit wegen Kindererziehung und Pflege von Angehörigen. Hier möchte die familienfreundliche Koalition wohl nicht ran - hoffe ich. Davon abgesehen, müsste man dann die familienpolitische Teilzeit für alle Beamtengruppen einschränken. Die Polizistin dürfte also weniger familienpolitische Teilzeit machen, weil der Unterricht an den Schulen gesichert werden muss….interessant.

Die Teilzeit wird gewählt, weil man nicht mehr schafft, weil man nicht mehr leisten kann

Am wichtigsten aber ist die Tatsache, dass die Teilzeit von den Kolleginnen und Kollegen eben nicht gewählt wird, um mehr Zeit auf dem Tennis- oder Golfplatz verbringen zu können. Nein, das haben wir in unzähligen Mails, Gesprächen und Briefen 2020 wieder deutlich vor Augen geführt bekommen. Die Teilzeit wird gewählt, weil man nicht mehr schafft, weil man nicht mehr leisten kann. Die Aufgaben und Belastungen in den Schulen haben ein Maß angenommen, das gerade für diejenigen, die schon lange im Dienst sind, nicht mehr zu schaffen ist. Die Teilzeit wird so gewählt, dass man im Rahmen seiner Möglichkeiten noch weiter arbeiten kann und dabei noch einigermaßen gesund bleibt. Die Zahlen der begrenzten Dienstfähigkeiten und Dienstunfähigkeiten seit 2020 zeigen das mehr als deutlich.

Es droht der Schuss ins eigene Knie

Es ist also unverschämt und zynisch in der derzeitigen Situation, die Schuld bei den Teilzeitkräften zu suchen, um vom eigenen Unvermögen abzulenken. Schränkt man hier weiter ein, wird der Schuss nach hinten losgehen.
Und: Finger weg von der familienpolitischen Teilzeit! Die jungen Mütter oder die Älteren in der Pflege von Angehörigen, die jetzt noch mit 8 oder 10 Stunden in der Schule arbeitet, werden dann in den meisten Fällen einfach zu Hause bleiben! Ebenfalls ein Schuss ins Knie!

// Ein Kommentar von Hans Rottbauer, Leiter der Abteilung Dienstrecht und Besoldung im BLLV

 



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