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Teamlehrkraft? Neuer Name – altes Problem!

Es werden für Grund-, Mittel- und Förderschulen zu wenige Lehrkräfte ausgebildet. Jetzt sollen Teamlehrer, die nur einen Hochschulabschluss benötigen, das Loch stopfen. Ob das sinnvoll ist, fragt sich Jochen Fischer, Leiter FG Förderlehrer.

Hintergrund: Das Kultusministerium strebt für das kommende Schuljahr einen Regelbetrieb unter Hygieneauflagen an. Um das umsetzen zu können, wirbt es jetzt um "Team-Lehrkräfte". Die sollen den Präsenzunterricht einer Stammlehrkraft übernehmen, die das coronabedingt nicht kann. Der Unterricht wird mit der Stammlehrkraft vorbereitet. Gesucht werden Bewerber mit abgeschl. Lehramtsstudium, die 2020/21 kein Einstellungsangebot für den staatl. Schuldienst erhalten haben (auch nicht für einen komm./priv. Schulträger arbeiten), Personen mit anderem abgeschl. Hochschulstudium oder Lehramtsstudierende höherer Semester.

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Langsam muss man sich fragen, welches Stück der bayerische Kultusminister in seiner Rolle als Regisseur aufführen will: Ist es eine Tragödie, ein Drama oder vielleicht eine lustige Komödie? Fakt ist auf jeden Fall: Mit seinen fast im Sekundentakt produzierten Veröffentlichungen, Maßnahmen und Entscheidungen wirkt er wie ein Regisseur, dem die professionellen Schauspieler davonlaufen oder ausgehen und er und seine Inspizienten nun in ihrer Verzweiflung für die anstehende Premiere hektisch alles auf die Bühne beordern, was vor und hinter dem Vorhang aufzutreiben ist – einschließlich dem Publikum!

Man kann solche Stücke dann als moderne, futuristische oder progressive Inszenierungen verkaufen, aber nur, wenn man die Wahrheit über ihre eigentliche Unzulänglichkeit vertuschen will. Die Wahrheit an den bayerischen Grund-, Mittel- und Förderschulen ist, dass es auf lange Sicht zu wenig ausgebildete Lehrkräfte für die Unterrichtsversorgung geben wird, weil seine Vorgänger im Kultusministerium, aber auch bereits er selbst in seiner kurzen Amtszeit, unzureichend geplant, fehlerhaft organisiert und nachlässig geworben haben.

Jahrelang lag der Fokus des Handelns zu sehr auf anderen Bühnen der Schullandschaft (R6, G9-G8-G9…). Der aktuelle Ministerpräsident soll, als er noch als Finanzminister fungierte, seinen damaligen Kollegen im Schulministerium vorgehalten haben, dass es kein anderes Ministerium gibt, welches seinen Personalbedarf sechs Jahre im Voraus planen kann. 

Warum sind jetzt Teamlehrer an Grund- und Mittelschule nötig, wenn es doch Förderlehrkräfte gibt?

Bereits damals zeichnete sich der Mangel an ausgebildeten Lehrkräften ab. Geändert hat sich seitdem die Situation nicht – im Gegenteil. Bei Schülern würde man hier von mangelnder Auffassungsgabe sprechen. Dass es nun soweit kommen musste und lediglich irgendein Hochschulabschluss notwendig ist (= Teamlehrer!), um als Pädagoge und Wissensvermittler vor einer Klasse zu stehen, muss einem den Glauben an eine gute und wirksame Bildungspolitik dieser Staatsregierung für die Grund- und Mittelschulen rauben.

Dabei gäbe es im System der Grund- und Mittelschulen durchaus ausgebildetes Personal, das sogar noch hervorragend pädagogisch und methodisch-didaktisch geschult ist: die Förderlehrkräfte! Sie arbeiten seit über 50 Jahren an diesen Schulen und zeichnen sich besonders durch ihre Qualifikation im Bereich der Kooperation, der Individualisierung und der Differenzierung aus. Allerdings snd sie seit ihrer Einführung nicht über Statistenrollen hinausgekommen. Gerne werden sie auch als Double oder Stuntman für "echte Lehrer" eingesetzt, wie auch jüngst bei den Notmaßnahmen zur Unterrichtsversorgung, als ihr Anteil an der Lehrerversorgung erhöht wurde – natürlich bei gleichbleibender Gage!

Reicht irgendein Hochschulabschluss aus, um Lehrkraft zu sein?

Dafür sind sie den Verantwortlichen im Ministerium gut genug – für die Rolle des neugeschaffenen Teamlehrers scheinbar nicht. Vermutlich wird man es damit begründen, dass Förderlehrkräfte viel zu selten und zu wertvoll sind, als dass man sie mit den Aufgaben eines Teamlehrers betrauen möchte. Oder ist es die Angst, dass sich Förderlehrkräfte in dieser Rolle bewähren könnten, obwohl sie das ja ohnehin schon seit Jahrzehnten als Vertretungslehrkräfte und Lehrerersatz tun, und sie dann daraus ungewollte, aber berechtigte, Forderungen stellen?

Das einst hoffnungsvolle Regisseur-Talent an der Spitze des Kultusministeriums diskreditierte in der gestrigen Darbietung nicht nur alle ausgebildeten Lehrkräfte dieser Schularten hinsichtlich ihrer pädagogischen und methodisch-didaktischen Qualifikation und Professionalität, sondern lässt auch keinen Zweifel daran, dass die Not so groß wie nie sein muss, wenn in seinen Augen irgendein Hochschulabschluss alleine ausreicht, um die Rolle als Lehrkraft zu besetzen. Damit schadet er sich, dem Ansehen von Lehrern und Schulen, aber vor allem den ihm anvertrauten Schülern! Seine Inszenierung sollte bald eine positive Wendung nehmen, denn der Grat zum Schmierentheater-Direktor wird immer schmäler.  

>> Autor: Jochen Fischer, Landesfachgruppe Förderlehrer im BLLV

Am: 22.07.2020