Von wegen „rücksichtslos“Startseite

Wertschätzung und Anerkennung erlebbar machen!

Die Debatte um angebliche Rücksichtslosigkeit von Kindern & Jugendlichen greift BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann zu kurz: „Wir erleben täglich, wie sich Schülerinnen und Schüler füreinander einsetzen. Das müssen und wollen wir an Schule vorleben!"

Die Wellen schlagen hoch in der öffentlichen Diskussion um eine Studie über Großstadtkinder, aus der aufmerksamkeitsheischend eine angebliche „Generation Rücksichtslos“ herausgelesen wird. Dabei sieht der schulische Alltag überwiegend anders aus, stellt BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann klar: „Wir erleben oft, wie Schülerinnen und Schüler sich gegenseitig helfen, unterstützen, aufbauen – da geht einem das Herz auf!“

Dass dies der Normalfall ist, zeigt auch die Studie selbst: Vier Fünfteln der Kinder und Jugendlichen wird Mitgefühl, Solidarität und Gemeinschaftssinn bescheinigt, in mindestens durchschnittlichem Ausmaß. „Dahin sollten wir schauen und uns überlegen, wie wir Kinder und Jugendliche darin bestärken können“, fordert Fleischmann. Den Schulen komme hier eine besondere Rolle zu, denn: „Wenn Schülerinnen und Schüler in einer Atmosphäre von Wertschätzung und gegenseitiger Anerkennung lernen und an Schulen eine Kultur des Miteinander erleben, dann finden sich diese Werte auch in der Gesellschaft von Morgen wieder“, sagt Fleischmann.

Freude am Lernen statt Leistungsdruck

Dabei stehen Lehrerinnen und Lehrer allerdings Herausforderungen gegenüber, die nach Verständnis des BLLV zu hinterfragen sind: „Wenn ein Grundschulkind in der vierten Klasse über Monate hinweg nur noch die nötigen 2,33 fürs Gymnasium im Sinn hat, und dafür schon daheim alle Hobbies und Interessen opfert, dann sind Kopf und Herz in der Schule halt wahrscheinlich auch nicht mehr frei für das, was die Mitschülerinnen und Mitschüler gerade umtreibt und wie es in der Klasse gerade zugeht“, gibt Simone Fleischmann zu bedenken.

Denn nur, wenn beim gemeinsamen Lernen und Leben an Schulen – und auch an allen anderen Bildungsinstitutionen – konstruktive Prozesse tatsächlich im Mittelpunkt stehen, haben Kinder und Jugendliche einen Orientierungspunkt, um eine gemeinsinnige Haltung zu entwickeln. Dafür braucht es aber ein Verständnis von Leistung, das individuell und prozesshaft den Fortschritt jedes einzelnen begleitet, wie der BLLV es fordert.

Zeit für gute Beziehungsarbeit

Dafür muss Lehrerinnen und Lehrern aber die Zeit eingeräumt werden, das Lernen jedes einzelnen Kindes zu begleiten, seine Verstehensprozesse nachzuvollziehen und entsprechend individuell rückzumelden und zu unterstützen.

Das geht dann, wenn Lehrender und Lernender vertrauensvoll miteinander umgehen können: „Nur wer seine Schülerinnen und Schüler genau kennt, weiß, wo sie stehen und wie sie ticken, kann ihr Lernen optimal fördern“, berichtet Simone Fleischmann aus eigener Erfahrung. „Wenn wir als Lehrerinnen und Lehrer mit Herz, Kopf und Hand eine Beziehung zu unseren Schülerinnen und Schülern aufbauen, dann können wir auch wirklich den ganzen Menschen mit all seinen Besonderheiten im Blick haben und unsere Kinder und Jugendliche so bilden, dass sie etwas davon haben“, stellt Fleischmann klar. „Wenn sich ein Kind in der Schule gesehen, beachtet und verstanden fühlt, dann erlebt und erlernt es, andere zu sehen, zu beachten und zu verstehen. Wir brauchen diese Kultur des achtsamen und konstruktiven Sich-Begegnens, und dafür brauchen wir Zeit.“

Beste Prävention: psychologische Arbeit in multiprofessionellen Teams

Dass diese Zeit an Schulen wegen Lehrermangels oft fehlt, erleben Lehrerinnen und Lehrer täglich. Dabei wären multiprofessionelle Teams, insbesondere auch bei Beteiligung von Experten mit soziologischem und psychologischem Hintergrund, das beste Mittel zur Prävention von Vorfällen, wie sie – auch laut Zahlen der aktuell viel diskutieren Studie – die Ausnahme sind. Gerade wegen des Zusammenhangs zwischen prekärem sozio-ökonomischem Status der Familie und der Häufigkeit von Übergriffen sei hier professionelle Unterstützung an Schulen wichtig, sagt Simone Fleischmann dem Bayerischen Rundfunk.

Dabei legen auch Eltern großen Wert auf respektvollen und wertschätzenden Umgang an Schulen: 92% geben Konfliktfähigkeit und friedlichen Umgang mit Konflikten als wichtig oder sehr wichtig an, 93% den Erwerb sozialer Kompetenzen, 91% die Anerkennung gesellschaftlicher Grundwerte sowie Achtung der Menschenrechte und 86% das Einüben von Toleranz. Das zeigte eine forsa-Studie im Auftrag des BLLV-Dachverbands VBE.

Gewalt darf kein Tabu-Thema sein

Die forsa-Studie offenbart dabei sowohl in der Wahrnehmung von Eltern wie auch von Lehrerinnen und Lehrern eine Differenz zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Auch mit Blick auf die Forschungsfrage der nun aktuell diskutierten Studie – „Wie steht es um den Gemeinschaftssinn und das soziale Bewusstsein Heranwachsender in Deutschland“ – stellt Simone Fleischmann daher klar: „Wir sollten das Bild vom sozialen Verhalten an Schulen nicht schwärzer malen als es ist, aber gleichzeitig genau hinschauen, wenn Gewalt verübt wird: Egal ob gegen Lehrkräfte oder zwischen Schülerinnen und Schülern, das darf kein Tabu-Thema sein“, betont Simone Fleischmann.

Der BLLV hat daher gemäß den Ergebnissen einer Umfrage durch VBE & forsa zum Thema Gewalt gegen Lehrkräfte eine Resolution aufgesetzt, die öffentliche Statistiken und eine Verschärfung des Strafgesetzbuches fordert.

„Wenn es darum geht, Kindern und Jugendlichen ein Wertesystem mitzugeben, das sie eine tolerante, vielfältige und demokratische Gesellschaft gestalten lässt, dann sind alle gefragt, die an Schule und an allen anderen Bildungsinstitutionen direkt und indirekt beteiligt sind“, resümiert Simone Fleischmann. „Da helfen weder politische Sonntagsreden, eine mediale Aufregungskultur oder gesellschaftliche Lippenbekenntnisse: Das ist eine Frage der Haltung, das müssen wir alle jeden Tag vorleben.“

Weitere Informationen

Für Lernfreude, Wertschätzung und Transparenz:
„Leistung als Erfolg individueller Lernprozesse verstehen“

Emotionale Intelligenz und demokratische Werte vermitteln:
BLLV fordert Bildung mit Herz. Kopf. Hand.

Pressemitteilung des BLLV-Dachverbands VBE:
„Hinschauen und Handeln: Gewalt darf keine Schule machen“

Bericht Bayerischer Rundfunk: „Studie: Jeder zweite Grundschüler erlebt Gewalt“

Bericht welt.de: „Viele Schüler erleben Ausgrenzung und Gewalt“

Umfrage VBE/forsa zur Werteerziehung: „Mehr Priorität! Mehr Gestaltungsfreiraum! Mehr Zeit!“

Umfrage: „VBE und BLLV fordern Gewaltstatistik“

BLLV-Resolution: „Gewalt gegen Lehrkräfte“

BLLV-Manifest: HALTUNG ZÄHLT