Arnold Seliger (1877 bis 1942)

Ein Steckbrief

Arnold Seliger wird als viertes von sechs Kindern von Clara Seliger am 18. August 1877 in Bad Orb in Hessen geboren. Sein Vater heißt Meyer Seliger. Am 1. Juni 1881 wird Sofie Gutmann, die Seliger später ehelichen wird, als Tochter von Hermann und Regine Gutmann in Creglingen geboren.  

Am 8. Juli 1908 heiratet Seliger in Creglingen Sofie Gutmann. Im gleichen Jahr tritt er seine erste Lehrstelle in Neustadtgödens in Ostfriesland an (heute gehört der Ort zur Gemeinde Sande im Landkreis Friesland in Niedersachen). Fünf Jahre später, am 7. Juli 1913, wird Seligers Sohn Magnus Meir Seliger in Neustadtgödens geboren.  

 

Aus Weener (ebenfalls Ostfriesland) zieht Seliger am 15. Juli 1925 nach Lichtenfels in die Badgasse 110, die später in Judengasse 14 umbenannt wird. Er tritt die Stelle als Lehrer, Kantor und Kultusbeamter der jüdischen Gemeinde in Lichtenfels an. Bis 1939 bleibt Seliger in Lichtenfels.  

Am 29.  März 1933 zieht Arnolds Sohn Magnus nach Bamberg, fünf Monate später, am 25. August 1933 nach Straßburg, um Vorbereitungen für seine Auswanderung nach Palästina zu treffen, die er später im Jahr 1933 umsetzt. In dem Ort Ramat Gan nimmt Magnus Meir später die palästinensische Staatsbürgerschaft an.  

Die Reichspogromnacht am 9. November 1938 bedeutet einen großen Einschnitt im Leben der Familie Seliger. Arnold kommt in Schutzhaft, während Sofie Seliger sich im Gewahrsam der SS befindet. Die Wohnung der beiden wird fast komplett zerstört. Jedoch ist das nicht das Schlimmste, was in dieser Nacht passiert, denn Sofie Seliger wird, sobald Arnold aus der Haft entlassen ist, als vermisst gemeldet.  

Die Leiche von Sofie Seliger wird am 3. Dezember 1938 bei Flussbauarbeiten im Altwasser am Main oberhalb von Reundorf gefunden. Am 4. Dezember 1938 wird sie auf dem jüdischen Friedhof in Lichtenfels beerdigt.  

Voller Verzweiflung schreibt Arnold Seliger seinem Sohn: „Meine Trauer über den Verlust unserer geliebten Mutter ist noch immer grenzenlos und ich meine manchmal, ich könnte das Leben nicht mehr ertragen. […] Im Übrigen haben wir viel verloren. […] Ich muss in meiner Wohnung bleiben und besitze 2 […] Schränke, das Bücherschränkchen ohne Glas, 1 Sofa, 4 Stühle und 1 Bett.“ Arnold versucht nach Bamberg zu ziehen, jedoch wird sein Antrag abgelehnt, obwohl er in ein eigenes Haus ziehen möchte, das er dort besitzt. Am 3. Mai 1939 macht er sich auf den Weg nach Leipzig, wo er in die Funkenburgstraße 25 zieht.Seliger muss in Leipzig zweimal umziehen. Zunächst zieht er nur ein Haus weiter, in die Funkenburgstraße 23. Ein Jahr später zieht er in die Humboldstraße 15.

Seligers Tod ist nicht geklärt. Er soll im Jahr 1942 nach Polen deportiert worden sein, auf einer Gedenkseite in Yad Vashem wird 1943 als Todesjahr angegeben. Nach dem Krieg wurde Arnold Seliger für tot erklärt und das Todesdatum auf den 8. Mai 1945 festgesetzt.


Arnold Seliger wurde während der reichsweiten Judenpogrome in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 in seiner Wohnung neben der Synagoge verhaftet. Die Wohnung wurde zerstört, Seligers Frau Sofie blieb allein und verstört in der Wohnung zurück. Sie soll am Abend noch in der Wohnung gesehen worden sein. Als Seliger wenig später zurückkehrte, traf er seine Frau nicht mehr an und machte sich größte Sorgen. Er gab am 12. November bei der Schutzpolizei Lichtenfels eine Vermisstenanzeige auf. Er hatte in der Zwischenzeit auf der Suche nach seiner Frau alle Verwandten angeschrieben. Gegenüber Hauptwachtmeister Nützel äußerte er angeblich den Verdacht, seine Frau könne sich das Leben genommen haben. Sofie Seliger wurde am Samstag, den 3. Dezember tot im Altwasser des Mains oberhalb von Reunsdorf gefunden. Sie wurde auf dem Jüdischen Friedhof Lichtenfels beigesetzt.

Einen Monat später schreibt er seinem Sohn Magnus nach Palästina:    

„Lichtenfels, den 13. Dezember 1938

Mein l[ieber]  Magnus!

Deinen Brief vom 4. Dezember habe ich erhalten. Meine Trauer über den Verlust unserer geliebten Mutter ist noch immer grenzenlos, u. ich meine manchmal, ich könnte das Leben nicht mehr ertragen. Es ist alles so gekommen, u. ich kann Dir leider nichts ausführliches schildern. Du weißt ja, daß wir neben der Synagoge wohnen. Ob ich es durchhalten kann, weiß ich nicht. Ich esse bei Frau Kohn mittags u. abends. Im übrigen haben wir viel verloren. Ich muss in meiner Wohnung bleiben und besitze 2 reparierte Schränke, das Bücherschränkchen ohne Glas, 1 Sofa, 4 Stühle und 1 Bett. Die l[iebe] Mutter hatte solche Freude an den schönen Sachen. Die jüdischen Familien hier müssen sich sehr einschränken und wohnen vielfach zusammen. Du, l[ieber]  Magnus, mußt alle Hebel in Bewegung setzen, um mich anfordern zu können. Ich werde Dir nicht zur Last fallen, sondern mich zu betätigen suchen. Mein Bronchialkatarrh macht mir allerdings Beschwerden, doch ich denke, daß das warme Klima in Erez mir nicht schaden kann. An Büchern besitze ich nur noch einige, die aber in gar keinem Zusammenhange miteinander stehen und noch etwas Kleider u. Wäsche. Von meinem Gelde muß ich sehr viele Abgaben bezahlen. Es wird mir nicht viel übrig bleiben. Doch ich kann mich über alles hinwegsetzen, nur nicht über den Tod meiner geliebten Sofia, das kann und kann ich nicht. Wir hatten solch schöne Pläne geschmiedet und wollten am 1. Dezember nach Bamberg ziehen; nun mußte ich den Acker für einen geringen Preis verkaufen und das schöne Haus muß ich auch verkaufen. Es war ein prächtiges Haus. Der Mensch denkt, Gott lenkt. Nach Amerika habe ich schon geschrieben; die werden Augen machen, wenn sie hören, daß solch eine tüchtige, herzensgute Mutter nicht mehr unter den Lebenden weilt. Gewiß wer- den sie mir die Schuld geben; aber wir waren noch einen Tag zu vor glücklich und ahnungslos. Du schreibst, ich soll alles ausführlich schildern. Das kann ich nicht. In Erez hat man ja auch nichts zu lachen, aber man kann dort wenigstens in Ruhe leben. Ich verlasse mich ganz auf Dich; Du bist mein einziger Halt, nachdem die l[iebe]  Mutter nicht mehr da ist. Sie war seit einigen Wochen abgängig, am 3. Dezember wurde sie tot aufgefunden u. am 4. Dezember beerdigt. Was muß ich nun tun, wenn Du mich angefordert hast? Erkundige Dich darüber, damit Du Deinen alten Vater beraten kannst. Ich muß mich sehr zusammennehmen, daß ich meinen Verstand nicht verliere, so sehr hat mich der Tod der lieben Mutter an- gegriffen. Wie geht es Dir indessen? Ich würde mich in Erez mit einem trocknen Stückchen Brot begnügen und Du weißt, daß ich keine Ansprüche an das Leben stelle. Meine finanziellen Verhältnisse sind auch ganz verworren, durch diese Sache, allein dies kann ich Dir nur mündlich erzählen. Ich bin wenigstens insofern getröstet, daß Du Dich meiner annehmen willst. Meine Geschwister haben es abgelehnt, da sie viel mit sich zu tun haben und Schwester Lina (?) ist im Herbst 1937 gestorben. Schwester Rosa ist eine alte und kranke Frau. Sigmund hat es entschieden abgelehnt, mich aufzunehmen. Was soll ich machen? Wenn ich noch so viel ausgebe, kann ich mir nicht helfen. Wäsche und Kleidung habe ich nicht viel u. ich muß sehen, daß ich durchkomme. Es freute mich sehr, daß Schulamith solch innigen Anteil an meinem Geschick nimmt. Anbei lege ich Dir die Photographie der seligen Mutter bei. Wenn wir sie nicht bei der Ausstellung der Kennkarte nötig gehabt hätten, so hätte ich sie Dir nicht schicken können. Ich kann Dir leider nicht so oft schreiben, wie Du es Dir denkst, da ich allein bin und das Leben hier ganz anders geworden ist. Lebe wohl, grüße Schulamith herzlich von mir und sei auch Du herzlich gegrüßt u. geküßt von Deinem unglücklichen u. tief gebeugten Vater Arnold NB. Heute war ich in Bamberg. Ich kann Dir nur mitteilen, daß ich alle Nerven zusammennehmen muß, um nicht vollends unterzugehen.“

Quelle: Niedersächsisches Landesarchiv Hannover Nds.110 W Acc 31/99 Nr. 221729, Wiedergutmachung Magnus Seliger nach Arnold Seliger  

Im Frühjahr 1939 verließ Seliger Lichtenfels und ging nach Leipzig. Ein letztes Lebenszeichen übermittelte er mit Hilfe des Deutschen Roten Kreuzes am 2. Februar 1942 an seinen Sohn in Palästina. Im Telegrammstil schrieb er:"Lieber Magnus! Deine lieben Zeilen habe erhalten. Es freut mich, dass Du gesund bist. Auch mir geht es gut. Erhoffe baldiges Wiedersehen. Dein Vater". Kurz darauf wurde Arnold Seliger deportiert.

Quellen

  • ITS Bad Arolsen: Karteikarten der Stadt Lichtenfels, 2.2.2.1 / 74761876
  • Hessisches Hauptstaatsarchiv (HHSTAW): Abteilung 365, Nummer 709, Geburtenregister Bad Orb 1877 (Onlinezugriff)
  • Niedersächsisches Landesarchiv Hannover (NLA Hannover): Widergutmachungsakte Magnus Seliger nach Arnold Seliger
  • Staatsarchiv Bamberg (StaABa):Vorgänge der Reichspogrome in Bamberg und Umgebung K14 Nr. 227
  • Staatsarchiv Leipzig (STaAL): 20031 Polizeipräsidium Leipzig, PP-M 1263
  • Stadtarchiv Creglingen (StACre): Heiratsregister Creglingen Nr. 4/1908
  • Standesamt Sande: Geburtenbuch von 1913  

Abbildungen:

 

Abbildung 1: Passbild von Arnold Seliger, Yad Vashem, zuletzt aufgerufen am 06.11.2016, yvng.yadvashem.org/nameDetails.html


Abbildung 2: Passbild von Sofie Seliger, Yad Vashem, zuletzt aufgerufen am 06.11.2016 yvng.yadvashem.org/nameDetails.html

 

Die Verfasserin Vera Deinlein

Mein Name ist Vera Deinlein und ich bin 18 Jahre alt. Dieses Gedächtnisblatt entstand im Rahmen des Wissenschaftliches Seminars, „Jüdisches Leben in Bamberg und Umgebung“ Die Recherche hierfür war sehr aufwendig, jedoch wage ich zu sagen, dass sich der Zeitaufwand auf jeden Fall gelohnt hat, denn am Ende hat nicht nur ein zu Beginn bedeutungsloser Name sein Leben wiedergefunden, sondern auch ich habe an Erfahrung und Wissen dazubekommen. Darüber bin ich sehr froh und hoffe, dass sich durch intensives Befassen mit Themen wie diesen, die Geschichte nicht noch einmal wiederholen wird.