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Bayerns Grundschulen am Limit?

Übertrittsdruck stresst Schüler, Personalmangel belastet Lehrkräfte: Warum an Bayerns Grundschulen gesellschaftlicher Anspruch und Wirklichkeit auseinandergehen, zeigte die BR-Sendung „Jetzt red i“. Der BLLV war live dabei und bietet Lösungen an.

„Mama, dieses Jahr geht’s um Leben und Tod!“ Diese Aussage eines Schülers nach der ersten Woche in der vierten Klasse ließ Publikum und Experten auf dem Podium erschauern. Der Übertrittsdruck war eins der zentralen Themen in der Sendung „Jetzt red i“, die der Bayerische Rundfunk am 13.2. live aus Sauerlach zeigte, unter dem Titel: „Bayerns Grundschulen am Limit: Gestresste Schüler, geplagte Eltern, geforderte Lehrer“.

Auf dem Podium stellten sich Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) und der Vorsitzende des Bildungsausschusses im Landtag, Markus Bayerbach (AfD), den Bürgerfragen. Weitere Experten, Eltern und Schüler saßen im Publikum. Der BLLV war durch Präsidentin Simone Fleischmann, den 1. Vizepräsidenten Gerd Nitschke und weitere Mitglieder im Publikum gut vertreten.

Bereits in einem Interview in Sauerlach im Vorfeld der Sendung hatte Fleischmann den enormen Druck auf Schüler beklagt: „Wir haben einen sehr scharfen Leistungsbegriff, gerade im Münchner Umland, weil jeder die 2,33 fürs Gymnasium schaffen soll“, sagte Fleischmann dem Oberbayerischen Volksblatt.

Je später, desto besser?

Gäste und Nutzer, die online die Sendung mitdiskutierten, stellten die Frage, warum vor allem in Bayern derart hoher Druck auch die Schüler ausgeübt werde und ob ein späterer Übertritt nicht besser wäre.

Kultusminister Piazolo verwies dazu auf Gegenmaßnahmen wie den Modellversuch Flexible Grundschule, die Option auf Probeunterricht in der gewünschten Schulart trotz zweier Vieren im Zeugnis sowie die Flexibilisierung beim Einschulungskorridor. Insgesamt sei der Elternwille gestärkt worden. „Es ist nach meiner Meinung Druck herausgenommen worden, aber nicht bei jedem Einzelnen“, analysierte er.

Die Frage, ob Noten überhaupt eine sinnvolle Grundlage für eine Übertrittsentscheidung sind, wurde kontrovers diskutiert. Ebenso der Vorschlag, ob nicht auch in der vierten Klasse eher Lernentwicklungsgespräche eingesetzt werden sollten und die Schule auf deren Basis lediglich eine Empfehlung für eine Schulart aussprechen sollte, die letzte Entscheidung dann aber bei den Eltern liegen müsste.

Kinder als „Industrie-Ressource“

Jeglichen Gedanken in diese Richtung erteilte Markus Bayerbach eine Absage. „Wir brauchen die wirklichen Spitzen am Gymnasium“, forderte der AfD-Politiker und nannte Kinder „die Ressource, von der Deutschland und die Industrie lebt.“

Das Publikum bekundete deutliches Missfallen angesichts dieses auf wirtschaftliche Aspekte verengten Bildungsbegriffs, doch Bayerbach legte nach: „Wir haben ein Leistungssystem in der Schule und solange wir das haben, werden wir das schon an den Noten festmachen müssen. Sonst müsste man das komplette System ändern.“

Bildung für kritische, kreative Bürger

Wie das gelingen kann und warum das tatsächlich sinnvoll ist, hat der BLLV in einem Positionspapier zum Thema Leistung dargelegt, das sich an Kompetenzen wie beispielsweise Teamfähigkeit, Selbstständigkeit, Phantasie und Kreativität orientiert. Daraus hat der BLLV einen Lernbegriff für das 21. Jahrhundert entwickelt, der von bloßer Reproduktion zum verständnisorientieren Verinnerlichen fortschreitet.

Auf diese Weise kann langfristig das erreicht werden, was die Allgemeinheit von den Grundschulen erwartet, so BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann im Interview zu Sendung: „Die Gesellschaft will politik- und medienkritische, gesunde, kreative Bürgerinnen und Bürger haben – das ist dann der Anspruch an den einzelnen Grundschullehrer.“

Übertritt im Dialog entscheiden

Kultusminister Piazolo relativierte in der Sendung: „Es gibt kein System ohne Druck, es gibt kein perfektes.“ Er setze daher auf individuelle Förderung und mehr Beratung, vor allem durch Sozialpädagogen und Schulpsychologen, um die geschilderten Extremfälle von Schulangst „frühzeitig abzufangen“.

Uneins war die Runde, woher der Druck auf die Schüler primär komme: von Eltern, vom Schulsystem, aus der Gesellschaft oder aus Gesprächen von Kindern mit Mitschülern. Darum forderte BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann zum Thema Übertritt im aktuellen Interview mit „Schule & Bildung“: „Gut ist das, was das Kind glücklich macht. Je mehr die Menschen dabei in den Dialog kommen, je höher die Qualität der Zusammenarbeit dabei ist, desto besser gelingt es, die richtige Entscheidung im Sinne der Kinder zu treffen.“

Islamunterricht

Sehr kontrovers wurde die Live-Diskussion bei der Frage, wie es mit dem Islamunterricht weitergehen soll, da der Modellversuch im Juni nach 10 Jahren ausläuft:


„Es ist jetzt an der Zeit, das bedarfsorientiert dort einzuführen, wo die Kinder sind“, forderte Simone Fleischmann und stellte den Nutzen klar: „Wenn ein Kind muslimischen Glaubens an seiner Schule ein Angebot bekommt, dann fühlt es sich dort zuhause. Wir sollten doch alle interessiert dran sein, dass sich diese Kinder in unseren Schulen zuhause und beheimatet fühlen.“

Dem widersprach Markus Bayerbach im Namen AfD mit der Begründung, der Islam kollidiere mit dem Grundgesetz. Zudem hätten Schüler, die in den letzten Jahren ins Land gekommen seien, größeren Bedarf an Wissen über „die Regeln der Gesellschaft“ als an Wissen über den Islam. Dafür erntete er im Publikum verständnislose Blicke.

Spalten Sie nicht!

Simone Fleischmann verweigerte sich einer Diskussion über Leitkultur: „Wir befinden uns jetzt auf einer Ebene der Diskussion, auf die ich nicht mitgehen möchte. Mir geht es um Vielfalt an den Schulen. Wir Lehrerinnen und Lehrer reißen uns täglich alle Haxen aus, um alle Kinder mitzunehmen, die Vielfalt zu integrieren. Bitte geben Sie dazu positive Signale und spalten Sie nicht!“

Kultusminister Piazolo zeigte sich von Bayerbachs Ausführungen ebenfalls irritiert und stellte sich hinter den Islamunterricht: „Ich halte dieses Modell, so wie wir es aufgesetzt haben, für ein positives Modell. Es hat eine integrative Wirkung. Und deshalb wird zeitnah eine Entscheidung fallen, es wird eine Lösung geben.“

Lehrermangel & gerechte Bezahlung

Kritik gab es von Eltern im Publikum und Online-Nutzern am ständigen Lehrermangel an den Grundschulen. Gefordert wurde eine saubere Berechnung aufgrund der Geburtenzahlen sowie eine angemessene Bezahlung für Grundschullehrer.

Dazu verwies Piazolo auf Zuwanderung auch aus anderen Bundesländern, die man nicht exakt vorherberechnen könne, und als Gegenmaßnahmen auf die Zweitqualifizierung sowie 700 neue Studienplätze. „Über 50% aller neuen Stellen sind Lehrer im ganzen bayerischen Haushalt der nächsten 2 Jahre“, stellte er heraus.

Volle Kassen, zu wenig kommt an

Gerade die Zweitqualifizierung sieht der BLLV kritisch: „Die Verschieberei ist teuer: Wenn wir längerfristig so ausbilden, können wir gleich das Geld in die Isar kippen“, sagte Präsidentin Simone Fleischmann im Interview zur Sendung. Der Lehrermangel an den Grundschulen sei eklatant: „Dass es brennt, merkt man daran, dass wir Pensionisten überreden weiterzumachen, Studierende nach dem ersten Staatsexamen in die Schulen holen – oder Lehrer anderer Schularten nachqualifizieren. Wir wollen die beste Bildung für alle Schüler im reichsten Bundesland, aber wir erhalten gerade so die Grundversorgung aufrecht.“

Piazolo bemängelte diesbezüglich seinen geringen Spielraum bei den Haushaltsverhandlungen, speziell als kleinerer Koalitionspartner: „In diesem Koalitionsvertrag habe ich nicht alles erreicht, was ich persönlich wollte.“ Er versprach aber: „Ich setze mich weiterhin ein, möglichst viel Lehrer, Psychologen, Sozialpädagogen zu bekommen.“

Am: 15.02.2019