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Lernrückstände aufholen und jeden Schüler mitnehmen geht nicht alleine

Lehrkräfte wissen, was Kinder und Jugendliche in der Corona-Krise bräuchten. Doch individuelle Förderung und Betreuung braucht mehr als einen Lehrer pro Klasse - und derzeit ist nicht mal das gesichert, stellt BLLV-Präsidentin Fleischmann klar.

24.09.2020

Fragen, Ängsten und Nöten von Schülerinnen, Schülern und Eltern stellte sich Simone Fleischmann auf einem „Facebook-Live“ des Nachrichtenmagazins Fokus gemeinsam mit Schülersprecher Alexander Löher und der engagierten Mutter Verena Claudi. Die Teilnehmer aus der Community formulierten die dringliche Sorge, was Corona mit Kindern und Jugendlichen macht und wie es sich auf ihre Bildungschancen auswirkt.

Simone Fleischmann betonte, dass Gesundheitsschutz oberste Priorität hat, und Lehrerinnen und Lehrer auf die Expertise vertrauen müssen, die den behördlichen Vorgaben zugrunde liegt, die an Schulen bestmöglich umgesetzt werden müssen. Nach dem Schock des Lockdowns im letzten Schuljahr, den Kinder und Jugendlich erst verarbeiten müssen, seien Lehrkräfte aber auch in anderer Hinsicht besonders gefordert: „Jeder Lehrer ist ein Stück weit Psychologe und denkt sich in die Köpfe der Kinder hinein“, berichtet die BLLV-Präsidentin. „Du stehst mit den Kindern in einer Beziehung, in der es darum geht, zu fragen ‘Hey, wie geht’s dir denn? Du schaust heute aber nicht gut aus, was ist los?‘ Wir sind nicht bloß Wissensvermittler, die Richtung Vollgasunterricht denken, sondern wir sind Menschen, die in Beziehung treten wollen. Denn das ist das Fundament jeden Lernens.“

Endlich Lehrermangel eingestehen

Dies ist aber im Schulbetrieb unter Pandemie-Bedingungen mit Frontalunterricht ohne Gruppenarbeit, Pausenaktivitäten, Veranstaltungen oder Ausflüge deutlich erschwert, stellt Fleischmann klar: „Schule ist Schulleben: Zusammensein in der Pause, miteinander Rumhängen, sich auch mal blöd Anmachen und Anlachen – all das ist Schule auch. Das fehlt uns jetzt als Lehrerinnen und Lehrer, wenn alle schön brav in der Bank sitzen müssen, und auch noch mit Maske. Da fehlt total etwas. Nicht nur wir Lehrer, sondern auch Kinder- und Jugendpsychiater machen sich große Sorgen um die Ängste der Kinder und um das fehlende Miteinander in den Schulen.“

Viele Fragen der Bildungsinteressierten drehten sich auch um Wissenslücken und versäumten Stoff aus der Zeit des Lockdowns. Eigentlich kein großes Problem, sagt die BLLV-Präsidentin – wenn zur Corona-Krise nicht noch eine weitere käme: „Wenn Lücken entstanden sind, könnten wir Lehrerinnen und Lehrer die schließen, denn wir sind dafür ausgebildet, individuell zu fördern“, stellt Fleischmann klar. „Wir könnten Kinder und Jugendliche individuell begleiten und ihnen da, wo sie stehen, entsprechende Hilfs- und Förderangebote machen. Da gibt es nur ein ganz großes Problem: Wir haben in ganz Deutschland Lehrermangel: Das heißt, wir haben gerade nicht vor jeder Klasse einen Lehrer, es fehlen die Ressourcen. Für zusätzliche Förderangebote brauche ich aber Zeit. Wenn ich alleine eine Klasse habe in meinem Fach, dann kann ich nicht zeitgleich eine kleine Gruppe fördern. Hier prallen zwei Krisen hart aufeinander: die Folgen der Pandemie und der Lehrermangel. Deswegen fordert der BLLV die politisch Verantwortlichen auf: Geben Sie zu, dass wir Lehrermangel haben! Wir können jetzt keine überhöhten Erwartungen stellen.“

Die Grippewelle kommt jedes Jahr

Die jetzt schon extrem angespannte Situation an den Schulen werde sich zudem weiter verschlechtern, wenn die Zahl der einsatzfähigen Kolleginnen und Kollegen in der Grippe- und Erkältungssaison zurückgehe, so die BLLV-Präsidentin. Sollten dann auch noch Klassenteilungen und Distanzunterricht notwendig werden, steigt der Bedarf weiter, auch wenn man konzeptionell gut vorbereitet sei, wie Simone Fleischmann berichtet:

„Natürlich haben wir in den Ferien über Hygienekonzepte und über Unterrichtskonzepte nachgedacht. Denn es ist ein ganz anderes Unterrichten, wenn die halbe Klasse da ist und die andere Hälfte zuhause, wenn du per Screen unterrichtest – und darüber haben sich Kolleginnen und Kollegen in den Ferien schon viele Gedanken gemacht.“

Digitalkompetenz ersetzt keinen Präsenzunterricht

Die öffentlich häufig geäußerte Kritik am Distanzunterricht, auch hinsichtlich vermeintlich mangelnder Digitalkompetenz von Lehrkräften, geht für Schülersprecher Alexander Löher dabei am Kern des Problems vorbei: „Lücken entstehen nicht wegen der Qualität des Online-Unterrichts, sondern weil zuhause einfach der Lerneffekt geringer ist – sei es wegen des Computers oder wegen des allgemeinen Umfelds“, meint der Schülervertreter. „Sollte der zweite Lockdown kommen, wissen wir jetzt zwar sofort, wie wir damit umgehen müssen: Ok, jetzt geht’s halt auf Microsoft Teams weiter. Ob der Lerneffekt dann größer werden wird, wage ich aber zu bezweifeln, weil sich die Rahmenbedingungen nicht geändert haben. Da kann sich der Lehrer noch so bemühen: Bei Schülerinnen und Schülern kommt deshalb weniger an, weil man vor dem Laptop einfach nicht so aufnahmefähig ist.“

Was jetzt – jenseits öffentlichkeitswirksamer politischer Versprechungen – wirklich notwendig ist, damit Bildung auch unter Pandemie-Bedingungen so erfolgreich vermittelt werden kann, wie es dem professionellen Selbstverständnis von Lehrerinnen und Lehrern entspricht, das wird der BLLV auf einer Presskonferenz am 7. Oktober aus einer ehrlichen und detaillierten Bestandsaufnahme der Lage an Bayerns Schulen ableiten.

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