Bild: Kinder ticken nicht nach Fächern, sondern sie fragen sich: Wie entsteht ein Regenbogen? Warum fallen Blätter vom Baum? Den Kindern ist es egal, ob das Physik, Chemie oder Biologie ist. Sie wollen Phänomene verstehen. Ein moderner Lehrplan muss diesem Bedürfnis gerecht werden.
Bei Lehrplan-Diskussion geht's eigentlich um Leistungsbegriff 24.08.2021 Startseite TopmeldungLeistungsdruckLehrplan

Mut zum neuen Lernen

Welche Kompetenzen sollen Kinder in der Schule vermittelt bekommen und welche nicht? In der Pandemie wird der Lehrplan besonders kritisch hinterfragt. Gut so, aber die richtigen Fragen müssen gestellt werden.

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Ein Lkw bräuchte man, so schätzt BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann im Interview mit der Süddeutschen Zeitung (erschienen am 23.8.2021), wenn man die Lehrpläne aller Schularten, aller Fächer und aller Jahrgangsstufen transportieren müsste. Fleischmann kann das gut einschätzen: Vor einigen Jahren war die BLLV-Präsidentin an der Neufassung einiger der bayerischen Lehrpläne beteiligt.

Lehrpläne bilden immer die jeweilige Gesellschaft ab und unterliegen dem gesellschaftlichen Wandel

Durch die Corona-Pandemie stehen die Lehrpläne in gleißendem Rampenlicht. Muss nicht entrümpelt werden? Kann man nicht mal etwas weglassen? Der Minister soll doch endlich etwas rausstreichen! Solche Stimmen werden immer lauter.


An bayerischen Schulen wurden ja schon Inhalte aus dem Lehrplan aufgrund der Lockdowns gestrichen. Da schließt sich die Frage an: Was sollte denn dauerhaft gestrichen werden? Und was sind Themen, die unbedingt hineingehören? Denn es ist klar: Lehrpläne bilden immer die jeweilige Gesellschaft ab und unterliegen dem gesellschaftlichen Wandel. Müsste der Klimawandel nicht zum Beispiel viel zentraler im schulischen Unterricht verankert sein? Oder kann aus Physik und Mathematik oder gar Geschichte was raus? Immer mehr rein und nichts raus, das geht doch auch nicht. Stimmt. Dennoch zu kurz gedacht. Diese Fragen sind nicht die Richtigen.

Ein moderner Lehrplan hilft wenig, wenn in der Gesellschaft ein veralteter Leistungsbegriff vorherrscht

Auch wenn Lehrpläne heute eigentlich mehr Freiheit im Unterricht erlauben als noch vor vielen Jahren, wird diese Freiheit durch die zentralen Abschlussprüfungen, den Druck der Eltern, den veränderten Anforderungen der Wirtschaft und auch einem sehr scharfen Leistungsbegriff torpediert, monieren Lehrerinnen und Lehrer.

Und auch in der Pandemie konnten Lehrerinnen und Lehrer theoretisch das Lerntempo drosseln und auch Hausaufgaben nur in geringer Dosis aufgeben. Wären da nicht die Eltern, die sie darauf hinweisen, dass die Parallelklasse ja schon viel weiter sei und viele Hausaufgaben als weiteren Beweis von anspruchsvollem Leistungsdenken sieht. Simone Fleischmann fasst in der SZ zusammen:  "Ein moderner Lehrplan hilft wenig, wenn in der Gesellschaft ein veralteter Leistungsbegriff vorherrscht." Aber wie war das mit der Henne- Ei-Diskussion?

Dialog ist gefragt, um weiterzukommen

Der Dialog über den eigentlichen Auftrag von Schule ist gefragt – nicht erst seit Corona, aber jetzt noch mal schärfer. Philosophie statt Pythagoras: Ist das das Motto? Resiliente Persönlichkeiten, die stabil in der Welt von morgen stehen, Jugendliche, die lernen, sich in Zeiten von Corona gesund zu verhalten und tolerant mit anderen umzugehen. Demokratische Prozesse leben und sich z.B. im Klassengepräch fragen, warum sich manche Menschen nicht impfen lassen und was das für unser Zusammenleben bedeutet? Solche Fragen müssen wir stellen!

Nochmal zum Lehrplan an sich: Ein Lkw ist in Schweden hingegen nicht nötig.Der 30 Seiten lange Lehrplan passt auch in einen Schnellhefter. Der Lehrplan ist ein Lebensraum und beschreibt die individuellen Kompetenzen eines Menschen auf der Strecke vom Kindergarten bis zum Ende der Schulzeit – auf verschiedenen Ebenen von Lebenskompetenzen.

So muss Unterricht sein: fächerübergreifend, phänomenologisch, verständnisintensiv und kompetenzorientiert

Vorbild ist Schweden auch in seinem Ansatz des phänomenologischen Lernens, ein zentraler Punkt für den Simone Fleischmann sich stark macht: „Wir brauchen phänomenologisches Lernen: Kinder ticken nicht nach Fächern, sondern Kinder fragen sich: ‘Hey, da ist ein Regenbogen. Warum ist denn der Regenbogen da? Hey, da fallen die Blätter von den Bäumen, warum ist das so?‘ Den Kindern ist es egal, ob das Physik, Chemie oder Biologie ist. Sie wollen Phänomene verstehen. Und so wollen wir Lehrerinnen und Lehrer Unterricht aufsetzen!" Fächerübergreifend, phänomenologisch, verständnisintensiv und kompetenzorientiert sollen Lehrkräfte lehren und dann so auch die Leistungen der Schülerinnen und Schüler erfassen.

-> Süddeutsche Zeitung: „Kann das weg?“ (Plus-Artikel, erschienen am 23.8.2021)


Schule in Zeiten der Corona-Pandemie
Die Corona-Pandemie zeigt den hohen gesellschaftlichen Wert von Schule. Damit sie trotz akutem Lehrermangel funktionieren kann, fordert der BLLV in einer politischen Erklärung, die Fürsorgepflicht des Dienstherrn in maximalen Gesundheitsschutz für Lehrkräfte umzusetzen, insbesondere im wichtigen Präsenzunterricht. Entscheidungen und deren Kommunikation müssen regional, klar, verlässlich, frühzeitig und transparent sein und schulische Eigenverantwortung stärken. Fairness muss vor Leistungsdruck gehen, digitale Ausstattung schnell verbessert werden. Jetzt ist nicht die Zeit für einfache Lösungen und Polemik. Aber jetzt ist die Zeit für langfristig tragende Konzepte für Arbeitsbedingungen, Multiprofessionalität und Attraktivität, um so Bildungsqualität auch über Corona hinaus zu sichern. Dazu braucht es einen konstruktiven Diskurs aller an Schule Beteiligten, für den der BLLV bereit steht. » Die politische Erklärung im Wortlaut