Zeugnisse für ViertklässlerStartseite

Übertritt: Bitte endlich kritische Analyse!

Sozial ungerecht und zu viel Druck auf Schüler, Lehrkräfte und Eltern: BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann fordert im Streitgespräch mit Kultusminister Piazolo Änderungen am Übertrittsverfahren, wie er sie als Oppositionspolitiker gefordert hatte.

Heute am 2. Mai erhalten Bayerns Viertklässler ihre Übertrittszeugnisse. Hinter vielen von ihnen liegen arbeitsreiche bis zum Teil sehr belastende Monate, um den geforderten Notenschnitt von 2,33 fürs Gymnasium oder 2,66 für die Realschule in den Fächern Mathematik, Deutsch und Heimat- und Sachkunde zu erreichen. Weil dieses Übertrittsverfahren von Lehrerinnen und Lehrern, Eltern und Wissenschaftlern höchst kontrovers gesehen wird, hat BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann einem Radio-Streitgespräch auf B5 aktuell zugestimmt, in dem Kultusminister Michael Piazolo dazu Stellung bezieht.

Das derzeitige Verfahren setze „Kinder immens unter Druck“, stellt Fleischmann klar. „Manche leiden so stark unter diesem Druck, dass sie gar nicht mehr zeigen können, was sie eigentlich könnten“, beklagt die BLLV-Präsidentin. Sie stellt die Eignung des Notenschnitts für die Entscheidung über eine weiterführende Schule grundsätzlich in Frage und verweist unter anderem auf über 50.000 jährliche Wiederholer. Für sie ist klar: „Dieser Indikator ist nicht verlässlich.“

Nicht alle Eltern können (sich) Nachhilfe leisten

Kultusminister Piazolo spricht dagegen aus seiner Sicht von einer Möglichkeit, die sich bewährt habe und verweist auf die Möglichkeit des Probeunterrichts und die darin verankerte Berücksichtigung des Elternwillens, wenn zwei Mal die Note 4 erzielt wird. Er sieht jedes Kind in „gut funktionierenden Schularten“ gut aufgehoben – ungeachtet dessen, dass die gesamtgesellschaftliche Anforderung, dass Kinder vor allem aufs Gymnasium gehen sollen, ständig steigt, und Lehrerinnen und Lehrer oft das letzte Glied in der Kette sind, mit der dieser Druck weitergegeben wird.

Das gilt für Simone Fleischmann auch mit Blick auf die Eltern, von denen viele gar nicht die Möglichkeit hätten, den Wunsch nach einer Schullaufbahn auf der Realschule oder dem Gymnasium verwirklichen zu helfen. Hier gehe die soziale Schere weit auseinander: „Man kann Kinder präparieren: Was machen Eltern, die viel Zeit und viel Geld haben, sich immens kümmern können, mit Kindern in der 4. Klasse? Sie bieten ihnen alles! Und was machen Eltern, die weder Zeit noch Geld haben? Die können das ihren Kindern nicht bieten. Diese Kinder verlieren wir dann. Ist das bildungsgerecht? Für mich nicht.“

"Viele wissen nicht mehr weiter": Simone Fleischmann im Originalton



Tränen und Familiendramen

Hierzu verweist Kultusminister Michael Piazolo auf das Engagement von Schulsozialarbeitern und Schulpsychologen, sieht aber auch die Lehrkräfte in der Pflicht: „Lehrerinnen und Lehrer, die sehr erfahren sind und die Situation kennen, vermögen, Druck wegzunehmen.“ Für ihn sollen sie auch „deutlich machen, dass keine der Schularten in eine Sackgasse führt.“

Wie ein solches Gespräch mit betroffenen Schülerinnen und Schülern sowie deren Eltern seiner Meinung nach konkret verlaufen soll, führt Piazolo nicht aus. Dass der Bedarf beispielsweise an multiprofessionellen Teams an Grundschulen dabei durchweg höher ist als die Ressourcen und dass Lehrkräften die Zeit für individuelle Förderung und Lerncoaching oft fehlt, bleibt ebenfalls unerwähnt.

Für Simone Fleischmann bedeutet das derzeitige System daher vor allem eins: Stress, und das für alle Beteiligten: „Wir hören jedes Jahr Lehrer, die nicht mehr können in der vierten Klasse“, berichtet die BLLV-Präsidentin. „Wir hören Eltern, die bei beim Schulleiter weinen, weil sie nicht mehr weiter wissen. Wir erleben Familiendramen!“

BLLV fordert Expertenrunde zum Übertritt

Auf die Frage, wie man den beschriebenen Druck reduzieren könnte, sagt der Kultusminister: „Auch ein bisschen, indem man solche Aussagen nicht ständig tätigt. Ich habe viele Rückmeldungen von Lehrerinnen und Lehrern, die ihren Aufgaben sehr wohl gewachsen sind.“ Leistung abzufordern erzeuge natürlich Druck, aber das sei im „Gesamtsystem“, in Schule und Berufsleben, ganz natürlich. Er wolle „ermuntern, es den Schülerinnen und Schülern leichter zu machen.“

Wie er sich das konkret vorstellt, will Simone Fleischmann genauer wissen und macht dem Kultusminister ein Gesprächsangebot: „Als der Minister noch in der Opposition war, im Bayerischen Landtag im Bildungsausschuss, gab es viele Anträge, dieses Übertrittsverfahren kritisch zu reflektieren. Da war er Meinungsführer. Dann soll er das jetzt bitte tun und eine kritische Analyse angehen.“ Dazu schlägt die BLLV-Präsidentin einen Runden Tisch mit Ministern, Kindern, Eltern, Lehrkräften und Wissenschaftlern vor.

Michael Piazolo zeigt sich dazu grundsätzlich gesprächsbereit: „Umfragen zeigen, dass die Zufriedenheit mit dem Übertritt nicht allumfassend ist, aber dass die deutliche Mehrheit der jetzigen Form zustimmt. Das heißt nicht, dass man es nicht noch verbessern kann, und da bin ich Gesprächen aufgeschlossen.“

>> zum Podcast auf B5 aktuell

>> Diskussion um das Übertrittsverfahren auf br.de