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"Wir müssen all die Stolpersteine benennen, nichts schönreden!"

Im aktuellen Statement warnt die BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann vor der Erwartungshaltung, dass Lehrkräfte aus dem Stand ukrainische Kinder in umfassend professioneller Weise auffangen sollen. Dafür fehle es nämlich an personellen Ressourcen.

29.03.2022

„Wir Lehrerinnen und Lehrer zeigen jetzt jeden Tag alles in unserer Macht stehende, beweisen durch unser großes Engagement und unseren unermüdlichen Einsatz in jeglicher Hinsicht Haltung. Dies nicht erst seit der Corona-Pandemie und auch nicht erst seitdem geflüchtete Kinder und Jugendliche aus der Ukraine zu uns nach Bayern gekommen sind. Das macht mich nicht nur als Bürgerin, sondern auch als BLLV-Präsidentin ungemein stolz.

Aber wenn ich nun die Erwartungshaltung wahrnehme, dass immer alles funktionieren muss, dann will ich dringend warnen!

Stolpersteine müssen benannt werden dürfen! 

Es kann nicht sein, dass die Kolleginnen und Kollegen an den Schulen nun alles perfekt vorhalten, alle pädagogischen Konzepte für die geflüchteten Kinder und Jugendlichen schon fertig haben sollen und die Materialien für den Unterricht auf allen Plattformen des Kultusministeriums und weiterer Behörden natürlich bereits perfekt umgesetzt werden!

Der BLLV stellt das infrage.

Wir müssen all die Stolpersteine benennen, nichts schönreden, sondern klar und realistisch formulieren, was es jetzt braucht, damit wir bestmöglich für die geflüchteten Kinder und Jugendlichen und all unsere Schülerinnen und Schüler da sein können!

Wenn wir die aktuellen Lern- und Arbeitsbedingungen an den bayerischen Schulen anschauen, dann müssen wir uns doch ehrlich eingestehen, dass die vorhandenen Ressourcen nicht ausreichen. Schule kann in der uns bekannten Form mit diesen zusätzlichen Belastungen nicht einfach so weitergehen – wir müssen dieses übliche Muster dringend durchbrechen!

Der aktuelle Missstand an personellen Ressourcen kann nicht von uns vor Ort aufgefangen werden, die Verantwortung hierfür liegt woanders.

Wo sollen nun die Menschen herkommen, die jetzt diese Kinder und Jugendlichen unterrichten sollen?

Die Politik muss unsere Fragen beantworten:

Wo sollen nun die Menschen herkommen, die jetzt diese Kinder und Jugendlichen unterrichten sollen? Wie können die Traumata der Kinder und Jugendlichen aufgefangen werden? Was genau brauchen diese Kinder und Jugendlichen jetzt eigentlich wirklich?

Auch unsere Kräfte sind endlich

Eines wissen wir jedoch ganz genau: Auch wenn wir als Pädagoginnen und Pädagogen für die Kinder und Jugendlichen da sein wollen, auch wenn wir eigentlich ganz genau wüssten, was diese Kinder und Jugendlichen bräuchten:

Wir können nur geben, wie viele wir sind! Und auch unsere Kräfte sind endlich!"

Update 19.4.: Bundesverband des BLLV fordert konkrete Pläne

Die Vorsitzende der Kultusministerkonferenz (KMK), Karin Prien, rechnet mit 400.000 Schülerinnen und Schülern, die an deutschen Schulen unterrichtet werden. Daher fordert Udo Beckmann, Vorsitzender des BLLV-Dachverbands VBE, von der Politik nun Taten statt Worte: "Da sich die personelle und räumliche Situation an den Schulen ständig weiter zuspitzt, erwarte ich von der Kultusministerkonferenz, dass sie nicht nur den Bedarf vorrechnet, sondern auch sagt, was sie konkret tun wird. Die Politik darf nicht nach dem Prinzip Hoffnung darauf setzen, dass die Schulen und Kitas das schon alles irgendwie regeln werden."

» zum Bericht auf news4teachers

Medienberichte

Gegenüber Bildung.Table sagt Simone Fleischmann im Wortlaut:

  • "Die Realität ist von Schule zu Schule unterschiedlich. Nicht überall finden Schulleiter ukrainische Willkommenskräfte, nicht überall stehen Förderlehrer zur Verfügung. Die Kollegen machen das so, wie es vor Ort eben geht.“
     
  • "Wenn die Schulpflicht nach drei Monaten greift und noch mehr ukrainische Schülerinnen und Schüler in den Klassen untergebracht werden müssen, wird das nicht jede Schule stemmen können."

Den Bericht von Bildung.Table hat auch Zeit Online aufgegriffen:
"Ukrainische Klassen sind keine Dauerlösung" (frei verfügbar)


Politische Reaktion


Ministerpräsident Söder: „Am Geld wird es nicht scheitern“

Der Bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) lobt laut Bericht von Zeit Online den hohen Einsatz der Schulgemeinschaften bei der Aufnahme ukrainischer Geflüchteter und betont, dass die Angebote nun in „geordnete Strukturen“ gebracht werden sollten. Dazu brauche es Finanzmittel vom Bund – gleichwohl verspricht Söder: „Am Geld wird es nicht scheitern.“

Gleichzeitig räumt Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) ein, dass die Suche nach Personal – besonders bei Lehrkräften, Psychologen und Sozialarbeitern – schwierig sei, da der Arbeitsmarkt „leer gefegt“ ist. Das ist insofern bemerkenswert, als die Politik diesen Arbeitsmarkt, jedenfalls hinsichtlich der Lehrkräfte, maßgeblich mitverantwortet. Der BLLV hat vielfach auf die Problematik des Lehrermangels hingewiesen, der sich beispielsweise auch aus schöngerechneten Zahlen der Kultusministerkonferenz zu perspektivisch verfügbarem neuem Personal auf dem Arbeitsmarkt erklärt.

Aus Sicht des BLLV ist klar: Für die Integration der aus der Ukraine geflüchteten Kinder und Jugendlichen braucht es Menschen vor Ort. Ob die versprochenen Finanzmittel tatsächlich dazu führen werden, dass diese Menschen auch da sind, bleibt abzuwarten.

Weitere Informationen

BLLV-Themenseite: Integration

BLLV-Expertise: gerecht.investieren

BLLV-Manifest: HALTUNG ZÄHLT

Das Menschenbild des BLLV: Bildung mit Herz.Kopf.Hand.

Wie Schulen Krieg und Flucht begegnen: "Ängste ernstnehmen, Mythen enttarnen, Flüchtlinge aufnehmen"

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MUSTER BRECHEN | FRAGEN STELLEN

Mit Herz und Haltung nehmen Lehrkräfte geflüchtete Kinder aus der Ukraine an. Diese Kinder brauchen nicht nur Konzepte, sondern auch Menschen! Wie ehrlich sind Versprechen der Politik? » bllv.de/muster-brechen