Kommentar zum KMS vom 26.2.21 03.03.2021 StartseiteIndividuelle FörderungKompetenzorientierungLeistungsdruckSchülerzentriert

XXL-Leistungsdruck und Notenjagd: Nein danke!

Nur weniger Proben zu schreiben, reicht nicht, um den Druck beim Übertritt zu nehmen. Das große Ziel lautet: Freigabe des Elternwillens. Dass nun die vom BLLV geforderte Eigenverantwortung der Lehrkraft gestärkt wurde, ist der richtige Weg dorthin.

Den Druck rausnehmen aus der 4. Jahrgangsstufen, wirklich faire und entstressende Maßnahmen aufstellen: Ist das mit dem KMS vom 26.2.21 tatsächlich gelungen?

Leistungsdruck beim Übertritt

Keine Frage -  jede Reduzierung der Anzahl der Proben nimmt Stress von den verunsicherten 4. Klässlern, die gerade erst wieder dabei sind, sich im schulischen Setting einzufinden. Ebenso die Reduzierung der Anzahl der Proben pro Woche auf maximal eine Probe nimmt immensen Druck von den Schultern aller Beteiligten.

Weniger Proben bedeutet, jede einzelne gewichtet viel mehr

Ist das wirklich so? Oder heißt es jetzt noch mal mehr Druck: Weniger Proben bedeutet, jede einzelne gewichtet viel mehr. Statt 22 Proben nun 14 oder vielleicht nur 9: Ist das fairer?

Und in der einen Schule schreiben sie 14 und in der anderen nur 10 Proben: Ist das fair?

Na, Hauptsache "normal". Hauptsache festhalten am Übertritt. Dann halt den Probeunterrricht anpassen: Das hat ja letztes Jahr schon optimal funktioniert. Nur das prüfen, was dran war! Ah ja – das ist dann fairer – und vor allem vergleichbarer. Oder nicht?

Die Übertrittsquoten müssen stimmen

Und: Wichtig ist, dass die Quote stimmt. Die Übertrittsquoten waren letztes Jahr stabil und absolut vergleichbar zum letzten Mal. Das ist wichtig. Das ist der Indikator dafür, dass alles normal ist. Und: Jawoll, dann bleibt alles beim Alten im bayerischen Schulsystem und dann ist es fair, begabungsgerecht und wird jedem Kind individuell gerecht. Denkste…!

Oder ist es so: Den Kolleginnen und Kollegen bleibt jetzt mehr Zeit, sich der Aufarbeitung von Defiziten allgemeiner Bildungsinhalte zu widmen. Und den bleibt mehr Eltern Zeit, die Kinder gut einzustimmen und zu begleiten. Hier im Sinne der Schülerinnen und Schüler zu denken, sie zu entlasten und ihnen ein Mehr an Zeit zu geben, um sich auf weniger Proben intensiver und individueller zu konzentrieren, ist begrüßenswert und als ein Erfolg der zahlreichen BLLV-Gespräche zu sehen.

Nicht das Kind muss sich dem System anpassen, sondern wir passen das System der Leistung des Kindes an

Ach so: Wer hätte denn vor zwei Jahren gedacht, dass irgendwas an der Schraube der Übertrittsbedingungen oder Leistungskultur im der ach so heiligen 4. Jahrgangsstufe gedreht werden würde? Keiner! Da hätten wir Freudentänze aufgeführt und dieser BLLV-Erfolg wäre legendär gewesen.

Wer hätte noch vor ein paar Monaten gedacht, dass wir mit einem Flexibilitätsrahmen rechnen dürfen, der uns zugesteht, situationsbedingt eine vorgegebene Probenanzahl im Jahr der Übertrittszeugnisse unterschreiten zu dürfen. Einfach wir – einfach wir als Lehrerinnen und Lehrer vor Ort!

Lehrerinnen und Lehrer sind Experten für Unterricht und für die Belange ihrer Schülerinnen und Schüler! Dieser Tatsache wird hier Rechnung getragen. Das ist echte – und von uns immer schon geforderte – Eigenverantwortung. Bis in den Unterricht hinein.

Jede Lehrkraft ist eine entscheidungsbefugte Expertin: Neue Spielräume unbedingt nutzen!

Die explizit angesprochene Eigenverantwortung der Schule, bzw. der Lehrkraft, Spielräume zu nutzen, wenn es die  Klassen -und/oder Schulsituation erfordert, sollte mutig und selbstbewusst genutzt werden. Jetzt gilt’s: Wir machen es so, wie wir Profis aus den 4. Klassen es für richtig halten. Nicht das Kind muss sich dem System anpassen, sondern wir passen das System der Leistung dem Kind an. Jawoll! Das ist Schule neu denken und machen. Das ist die Eigenverantwortung, wie wir als BLLV sie verstehen: zumindest im Kleinen. Und zumindest jetzt in Corona-Zeiten.

Wir kämpfen dafür, dass das in Zukunft so bleiben kann: eine Illusion? Eine Vision? Nein: ein weiterhin dickes Brett in der Bildungspolitik in Bayern.

Oberstes Ziel: Freigabe des Elternwillens nach kompetenter Beratung und Begleitung durch die Lehrer

Unstrittig bleibt natürlich bei all diesen positiven Ansätzen und Veränderungen, das Ziel nicht aus dem Auge zu verlieren: Das ist die Freigabe des Elternwillens nach kompetenter Beratung und Begleitung durch die Lehrerinnen und Lehrer.

Der BLLV ist mutig und fordert: jetzt die Freigabe des Elternwillens! Wenn nicht jetzt, wann dann! Und ein freiwilliges, individuelles Förderjahr für alle Schülerinnen und Schüler in allen Jahrgangsstufen, wenn die Eltern mit den Kolleginnen und Kollegen zusammen dies für das jeweilige Kind als sinnvoll und notwendig erachten.

Endlich mal Schule vom Kind aus denken und nicht vom System aus: Das ist das Kredo des BLLV jetzt, vor Corona und nach Corona!

>> Ein Kommentar von Birgit Dittmer-Glaubig, Leiterin der Abteilung Berufswissenschaft

>> Zum Download: KMS zum Übertritt


Schule in Zeiten der Corona-Pandemie
Die Corona-Pandemie zeigt den hohen gesellschaftlichen Wert von Schule. Damit sie trotz akutem Lehrermangel funktionieren kann, fordert der BLLV in einer politischen Erklärung, die Fürsorgepflicht des Dienstherrn in maximalen Gesundheitsschutz für Lehrkräfte umzusetzen, insbesondere im wichtigen Präsenzunterricht. Entscheidungen und deren Kommunikation müssen regional, klar, verlässlich, frühzeitig und transparent sein und schulische Eigenverantwortung stärken. Fairness muss vor Leistungsdruck gehen, digitale Ausstattung schnell verbessert werden. Jetzt ist nicht die Zeit für einfache Lösungen und Polemik. Aber jetzt ist die Zeit für langfristig tragende Konzepte für Arbeitsbedingungen, Multiprofessionalität und Attraktivität, um so Bildungsqualität auch über Corona hinaus zu sichern. Dazu braucht es einen konstruktiven Diskurs aller an Schule Beteiligten, für den der BLLV bereit steht. » Die politische Erklärung im Wortlaut



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