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„Gerade für die Sorgen der Jüngsten brauchen wir mehr Fachleute“

Erst Corona, jetzt Krieg, Energieknappheit und Geldsorgen: Mit all dem klarzukommen ist besonders für kleine Grundschulkinder schwer. BLLV-Experte Michael Hoderlein-Rein stellt klar: Es bräuchte deutlich mehr Psychologen als aktuell verfügbar, um zu helfen.

10.01.2023 Von: Boris Sunjic, Leitung Online-Redaktion des BLLV

„Die Kinder sind in sich gekehrt und machen einen traurigen Eindruck.“ So wirken insbesondere die Schulanfänger auf den Schulleiter der Münchner Grundschule Berg am Laim, Michael Hoderlein-Rein. Im Gespräch mit dem Bayerischen Rundfunk, der über „Kinder unter psychischem Druck“ berichtet, schildert der 3. Vorsitzende des Münchner Lehrer- und Lehrerinnenverbandes MLLV, dass die langen und wiederkehrenden Kita-Schließungen den Kindern die Möglichkeit genommen haben, grundlegende Fähigkeiten für den Schullalltag zu trainieren.

Während sich die öffentliche Diskussion oft auf die Leistungsmessung verengt und auf Ergebnisse wie die des IQB Bildungstrends teils mit alarmistischem Aktionismus reagiert wird, müssten viele Kinder überhaupt erst einmal für den Schulalltag fitgemacht werden, betont Hoderlein-Rein. Dabei gehe es um Fragen, wie man aufeinander Rücksicht nimmt, wie man sich in der einen Situation durchsetzt, in einer anderen vielleicht zurücksteckt und wie man mit Frustration umgeht. Diese Vorarbeit, die sonst weitgehend in den Kitas stattfinde und jetzt in den Grundschulen nachgeholt werden müsse, sei sehr zeitintensiv.

Angst, Aggression, Verzweiflung: Schulpsychologen könnten helfen…

Die dramatischen Folgen der coronabedingten Kitaschließungen und der fehlenden Gruppenerfahrungen betont auch der renommiert Kinder- und Jugendpsychologe Gerd Schulte-Körne, mit dem der BLLV wiederholt gemeinsam auf die prekäre Situation der Kinder in multiplen Krisen hingewiesen hat: „Wenn das jetzt in so einer zentralen Entwicklungsphase fehlt, dann kann das dazu führen, dass das – wenn sie in einen strukturierten Rahmen wie jetzt in die Schule kommen – schlechter funktioniert", so Schulte-Körne. Denn während bei älteren Kindern und Jugendlichen durch die aktuellen Krisen eher Depressionen, Angst- und Essstörungen festzustellen seien, würden jüngere Kinder "hauptsächlich mit Ängsten, aber auch mit Verhaltensänderung, mit Aggression, mit Wut, mit Verzweiflung" reagieren.

Aus Sicht des BLLV ist es daher wichtig, den zweiten Schritt nicht vor dem ersten tun zu wollen und bei der bildungspolitischen Diskussion um die Auswirkungen verschiedener Krisen auf das Leistungsvermögen von Schülerinnen und Schülern erst einmal in den Blick zu nehmen, was es für Vorbedingungen braucht, damit überhaupt Lernerfolge erzielt werden können. Dafür braucht es ganz klar mehr Unterstützung durch multiprofessionelle Teams, insbesondere mehr Schulpsychologen. Denn angesichts des eklatanten akuten Lehrermangels müssen sich bayerische Lehrkräfte vielerorts schon enorm strecken, um überhaupt so etwas wie „Normalbetrieb“ aufrechterhalten zu können.

Die absolute Zahl klingt nach viel – doch was pro Schule ankommt, ziemlich traurig

Der Bayerische Rundfunk gibt dazu eine Antwort des Kultusministeriums wieder, das auf 1.850 Beratungslehrkräfte und 1.000 Schulpsychologen verweist, die das System der staatlichen Schulberatung unterstützen würden. BLLV-Experte Michael Hoderlein-Rein rechnet vor, was das konkret für die einzelnen Schulen bedeutet: Mehrere Münchner Schulen teilen sich demnach drei Fachleute. Allein an der Grundschule Berg am Laim sind dabei etwa 600 Kinder …

» zum Artikel „Wütend, traurig, verschlossen: Kinder unter psychischem Druck“

 



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