Bild: (v.r.n.l.) Annegret Harms (3. Bürgermeisterin von Unterschleißheim), Tobias Gotthardt (Freie Wähler), Anna Schwamberger (Grüne), Margit Wild (SPD). Links im Bild BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann, neben ihr Laura Reif (FDP).
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Politiker im Klassenzimmer: Das leistet und braucht der Fachunterricht an der Mittelschule

München – "Pädagogik trifft Politik" (PtP): So heißt das Format, in dem der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) regelmäßig die Politik ins Klassenzimmer holt, um Unterricht live zu erleben. Am 27. April ging es in der Mittelschule Unterschleißheim um das Thema "Fachunterricht" – und darum, was Fachunterricht ist und was er leistet. Nicht zuletzt ging es dabei auch um Bildungsqualität für Schülerinnen und Schüler sowie die Arbeitsbedingungen von Fachlehrerinnen und Fachlehrern. Dazu hatte der BLLV die Mitglieder aus den demokratischen Parteien im Bildungsausschuss an die Schule geladen. Nach Unterrichtsbesuchen mit Einblicken in die verschiedenen Bereiche traf man sich zum Fachgespräch vor Ort. Neben den Leistungen und der hohen Qualität des Fachunterrichts kamen dabei erneut auch die schwierigen Arbeitsbedingungen von Fachlehrkräften zur Sprache.

Der Fachunterricht in Bayern steht für Fächer wie Technik, Musik, Sport, Kunst, Ernährung & Soziales, Wirtschaft & Kommunikation oder Werken & Gestalten. In diesen Fächern laufen viele der Inhalte aus den Kernfächern zusammen. Hier wird auch das Einzelwissen in der praktischen Umsetzung durch Projekte verknüpft. Dennoch ist vieles rund um den Fachunterricht noch wenig bekannt. Was leisten die Fachlehrerinnen und Fachlehrer? Wie wirkt sich der Fachunterricht auf die Bildungsqualität aus? Wie steht es um die Arbeitsbedingungen an den Schulen? Der BLLV wollte Antworten auf diese Fragen geben und die Debatte mit „live-Eindrücken“ bereichern.

„Der Fachunterricht stärkt ganzheitliche Bildung und vermittelt grundlegende Kompetenzen. Davon profitiert jeder einzelne Schüler genauso wie der Arbeitsmarkt und die ganze Gesellschaft. Gleichzeitig sehen wir jeden Tag – auch belegt durch unsere regelmäßigen Umfragen – wie schwierig die Arbeitsbedingungen und wie hoch die Belastungen speziell für Fachlehrerinnen und Fachlehrer sind. Wir fordern deshalb schon seit langem konkrete Verbesserungen und die Abschaffung systematischer Benachteiligungen für diese Berufsgruppe“, so Simone Fleischmann, Präsidentin des BLLV.

Situation der Fachlehrerinnen und Fachlehrer verbessern!

Gefolgt waren der Einladung Tobias Gotthardt (Freie Wähler), Anna Schwamberger (Grüne) und Margit Wild (SPD) aus dem Bildungsausschuss sowie die FPD-Bildungsreferentin Laura Reif. Die Gäste aus der Politik nutzten die Gelegenheit, um mit den Schülern und Lehrkräften ebenso ins Gespräch zu kommen wie mit den Vertreterinnen und Vertretern der beiden Fachgruppen im BLLV („Ernährung und Gestaltung“ sowie „musisch/technisch“) sowie BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann. Vor Ort dabei waren außerdem Christof Knippschild, Schulrat, und Frau Annegret Harms, die 3. Bürgermeisterin von Unterschleißheim.

Die Bildungspolitiker und -politikerinnen konnten an Unterrichtsstunden teilnehmen und erhielten einen direkten Einblick in die Arbeit der Fachlehrkräfte. Im Rahmen des Technikunterrichts entstanden kleine Katapulte aus Holz. „Wenn ich aus dem Technikraum rausgehe, möchte ich direkt Schreiner werden“, sagt Dimitri Telent, Leiter der Fachgruppe musisch/technisch im BLLV. „Wir Fachlehrer und Fachlehrerinnen könnten und sollten hier eigentlich die Grundsteine legen für die Fachkräfte der Zukunft.“ Doch nicht nur Fachkräfte sind dringend gesucht, es mangelt auch an Fachlehrern und Fachlehrerinnen, die durch den praxisnahen Unterricht die Jugendlichen für eine Zukunft zum Beispiel im Handwerk fit machen. Die Vertreter und Vertreterinnen aus Politik und Pädagogik waren sich einig, dass hier nachhaltige Lösungen wichtig sind und diskutierten über Verbesserungsmöglichkeiten bei den Rahmenbedingungen, der Besoldung und in der Fachlehrerbildung. „Meine Ausbildung hat noch sechs Jahre lang gedauert und jetzt soll nach drei bis vier Jahren unterrichtet werden“, berichtet Bettina Ondrusek, stellvertretende Leiterin der Fachgruppe Ernährung und Gestaltung im BLLV. „Wir müssen daran arbeiten, dass die Ausbildung wieder fundierter wird.“

Für Wertschätzung und ganzheitliche Bildung

Immer wieder plädiert der BLLV für die Unterstützung der Fachlehrer und eine Verbesserung der Arbeitssituation. Dazu Simone Fleischmann: „Die seit jeher schwierige Situation hat sich in der Coronakrise weiter verstärkt. Die Liste der Probleme ist lang. Angefangen von zu großen Fachgruppen über mangelhafte Ausstattung bis hin zu einer besonders hohen Anzahl von Unterrichtsstunden im Vergleich mit anderen Lehrkräften, sind Fachlehrer und Fachlehrerinnen systematisch benachteiligt. Bei dieser besonders hohen Belastung werden sie oft noch mit der besonders niedrigen Besoldungsstufe A10 abgespeist – sonst völlig unüblich für andere Lehrkräfte an Grund- und Mittelschulen. Ganz zu schweigen von Realschulen und Gymnasien. Diese Zustände sind nicht länger tragbar!“

Zwar gebe es inzwischen mehr Beförderungsstellen in eine höhere Besoldungsstufe sowie neue Funktionsstellen mit höherer Besoldung. Auch bemühten sich viele kommunale Träger um eine bessere Ausstattung der Fachräume. „Doch trotz einiger Verbesserungen, die auch durch die intensive Arbeit des BLLV auf den Weg gebracht wurden, geht es hier viel zu langsam voran. Von einer Gleichstellung mit anderen Lehrämtern sind die Fachlehrkräfte weit entfernt“, ergänzt Simone Fleischmann.

Schon vor der Pandemie beklagten viele Fachlehrer und Fachlehrerinnen die untragbaren Missstände vor Ort, die eine fachlich fundierte ganzheitliche Bildung im täglichen Unterricht nahezu verhindern. Das zeigte zuletzt eine BLLV-Umfrage unter 2.461 Fachlehrkräften in Bayern Ende 2020. Von der ungleichen Bezahlung über fehlende oder zweckentfremdete Fachräume und fehlende IT-Ausstattung bis hin zum häufigen Einsatz an mehreren Schulhäusern wurde dabei die besondere Belastung mehr als deutlich. Hinzu kommen laut Umfrage weiterhin Gruppengrößen, bei denen oft genug mehr Schüler und Schülerinnen am Unterricht teilnehmen als Arbeitsplätze vorhanden sind.

Dazu Simone Fleischmann: „Die Politik hat inzwischen die Herausforderungen erkannt, aber es liegt noch ein weiter Weg vor uns. Veranstaltungen wie ‚Pädagogik trifft Politik‘ sind für uns ein wichtiger Baustein für ein gemeinsames Verständnis und eine gemeinsame Diskussionsbasis. Der Austausch heute hat gezeigt, dass wir damit auf dem richtigen Weg sind und weiter dran bleiben müssen. Und das werden wir!“

>> Lesen Sie hierzu Arbeitseindrücke: Pädagogik trifft Politik: Was Fachunterricht in der Praxis braucht

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