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Vom roten Tuch zum roten Faden

Schulentwicklung – das auch noch? Schon der Alltag ist ja kaum zu stemmen. Doch wenn nicht jetzt dasjenige aus- oder aufgebaut wird, was Sinn stiftet, ganzheitlich ist und motiviert, werden noch mehr Kinder und Jugendliche auf der Strecke bleiben.

28.03.2022

Nie war so vielen Menschen klar, dass Schule mehr ist als Pythagoras, Preußische Kriege und Periodensystem. Dass Schule wichtig ist für die ganzheitliche Entwicklung. Seit Beginn der Corona-Krise hat sich herumgesprochen: Schule ist Schulleben, Schule ist Lebensraum. Schule muss sich noch viel mehr ganzheitlich aufstellen. Von uns Lehrerinnen und Lehrern vor Ort ist das gefragt und wir können das – eigentlich! Das geht aber natürlich nicht einfach so, so nebenbei. Gleich gar nicht in Zeiten von Lehrermangel und Corona-Krise. Aber wann dann? Zu viel steht auf dem Spiel, als dass wir sagen könnten: Irgendwann. Gerade jetzt ist es an der Zeit, Entwicklungsziele neu zu definieren und gemeinsam stark umzusetzen.

Klar, wir fordern: Nicht immer noch mehr on top! Aber wo soll es enden, wenn wir das Schulprofil, das Schulprogramm und alle wichtigen Schritte der Schulentwicklung aus den Augen verlieren? Wenn wir uns nicht im Team zusammentun, in kollegialen Hospitationen zusammen kommen und auf diese Weise Unterricht weiter entwickeln? Wenn wir uns nicht gemeinsam professionell und nachhaltig Gedanken darüber machen, was Lernen und Leistung im Zeitalter der Digitalität eigentlich bedeutet? Meine These: Wenn Schulentwicklung nicht mehr stattfindet, stattfinden kann, geht längerfristig viel verloren. Zu viel. Eigentlich alles.

Wie das geht, den Lebensraum Schule weiterentwickeln im ganzheitlichen Sinne, dafür gibt es keinen Lehrplan, keine Lernziele. Gut so! Wir wissen doch selbst am besten, was wir wirklich brauchen: Kollegiale Hospitationen, Teamkonferenzen, Fachkonferenzen, Projektkonferenzen, Arbeitsgruppen, Kompetenzteams. Wenn all die Ideenwerkstätten und Innovationsdenkstätten nicht mehr stattfinden, wenn keine Zeit mehr ist für kreative, kollaborative und kommunikative Teamarbeit, dann ergibt das eine Katastrophe. Und das nicht erst in ein paar Jahren, wenn dann auch immer noch weniger junge Leute den Lehrerberuf ergreifen wollen.

Unterrichtsentwicklung, Personalentwicklung, Kreativität im Team, Kooperationen mit außerschulischen Partnern, Zusammenarbeit auf sämtlichen Ebenen – all das fördert unsere Zufriedenheit – und das Renommee unseres Berufs. Bei diesen Tätigkeiten können wir unsere Profession leben, unsere Professionalität zeigen. So macht Schule doch Spaß!

All das weiß ich auch aus eigener Erfahrung als ehemalige Rektorin einer Grund- und Mittelschule. Die Schule, die ich jahrelang geleitet habe, musste sich großen Herausforderungen stellen. Ich habe aber keine Chance ausgelassen, diesen Auftrag – gemeinsam mit allen Beteiligten – anzugehen. Mein Motto damals hieß: Diejenigen, die in der Schule leben, entwickeln ihre Schule. Bei rund 1.000 Schülerinnen und Schülern und einem fast 100köpfigen Kollegium – Lehrerinnen und Lehrer und vielen Externen und Experten in Multiprofessionellen Teams – war es auch damals schon eine Herausforderung, so viele wie möglich zur Mitarbeit, zur Eigenverantwortung und zur kreativen Schulentwicklung zu motivieren. Jeder von uns hat sich zu Schuljahresbeginn für etwa zwei von fast 20 AGs eintragen: Bilingualer Ganztag, Sportfeste, Musische Projekte, Zusammenarbeit mit dem Förderzentrum und der Realschule, Mitwirkung der Schülerinnen und Schüler, Leistungserhebunakzentegen, Kollegiale Hospitation, Pausengestaltung, … für alles gab es Zuständigkeiten.

Ziemlich wichtig war uns, den Lebensraum Schule zu gestalten. Den faden Pausenhof verwandelte die AG Pausenhof gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern in einen ganz besonderen Ort. Da gab es eine „Crazy Corner“, gemeinsam mit der Schulsozialarbeiterin geplant und getragen; es wurde – in Kooperation mit dem Gemeinderat der Ganztag neu konzipiert. Und es entstand zum Beispiel ein Fußballplatz – kein rechtwinkliger, sondern ein runder. Richtig stolz war die Schulfamilie auch auf unser Schiff im Pausenhof: aus Holz, mit richtigen Segeln, gemeinsam mit einem Schreiner aufgerissen und zurechtgezimmert.

Kern des Ganzen war das Prinzip der Führung durch delegierte Verantwortung. Alle Aufgaben der Schulleitung übernahmen – in kleinen Paketen – wir alle. Führen heißt eben auch: Aufgaben teilen, delegieren, moderieren. Delegierte Kolleginnen und Kollegen aus den AG-Leitungen waren verantwortlich dafür, das, was man besprochen hat, allen zugänglich zu machen. Ermüdende Gesamtkonferenzen haben wir uns gespart – die Voten für wichtige Beschlüsse haben wir stattdessen anders – aber freilich sauber – eingeholt. So haben wir es alle zusammen geschafft, unsere Haltung zu ändern: Schulentwicklung wurde von einer lästigen und zeitfressenden Zusatzaufgabe zum Sinn des Ganzen. Sie wurde vom roten Tuch zum roten Faden. Dieses Motto ist heute aktueller denn je. // Simone Fleischmann

Artikel aus der bayerischen schule #2/2022



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