Forum Lesen: Buchtipps im März 29.03.2021 Startseite kleinDiversitätLesenMenschenrechteBeziehungWertebildung

Was im Leben wirklich zählt

Eine Eule, die nicht wie eine Eule aussieht und eine Kuh, die versteckt im Haus einer Familie lebt. Hinter den wunderbar illustrierten März-Buchtipps des Forum Lesens verbergen sich Geschichten mit Tiefgang.

Leopeule

Von Nina Hundertschnee

Illustriert von Pe Grigo

 

  • Verlag: Dragonfly
  • ISBN: 978-3-7488-0026-2
  • Preis: 14,00 Euro
  • Altersempfehlung: ab 4 Jahren

Aus einem Ei der Euleneltern schlüpft ein Junges, das anders aussieht als seine Geschwister. Bald zeigt sich, dass Leopeule – so nennt es Professor Uhu - all die Sachen nicht lernt, die die anderen Vögel beherrschen. Darüber ist die kleine Eule sehr unglücklich. Doch dann stellt sich heraus, dass Leopeule etwas kann, was kein anderes Tier so kann.

Ein schön gestaltetes und erzähltes Bilderbuch zum Thema „Anders sein“, das Kindern kindgemäß und anschaulich näherbringt, dass jeder Einzelne Stärken hat und wichtig, ja etwas ganz Besonderes ist, auch wenn er vielleicht manches nicht so gut beherrscht wie andere.

Inhalt                     

Die Euleneltern bekommen Nachwuchs, aber aus einem gefleckten Ei schlüpft ein Junges, das ganz anders aussieht als die anderen, eine Leopeule, wie Professor Uhu sagt. Sie ist gelb und hat überall dunkle Flecken, die sich auch durch Waschen nicht entfernen lassen. Nicht nur ihr Aussehen ist anders, sie verhält sich auch anders. Vieles, was die anderen Vogelkinder bald können, schafft Leopeule nicht, auch wenn sie sich noch so bemüht und anstrengt. Die anderen versuchen sie zu unterstützen, aber Leopeule wird ganz traurig, denn „sie ist die Einzige, die anders als alle anderen ist. Sie ist die Einzige, die besonders ist, aber nichts Besonderes kann.“ Aber sie bemerkt auch als Einzige den Fuchs und da zeigt sich: Leopeule kann laut und unheimlich brüllen und damit vertreibt sie den hungrigen Fuchs. Jetzt wissen es alle: Leopeule ist ein ganz besonderes Tier und kann etwas Besonderes.

Bewertung

Das Bilderbuch geht auf ein wichtiges und stets aktuelles Thema ein: „Anders sein als die anderen“. Dafür kann es viele Gründe geben: Sei es, dass jemand anders aussieht, oder, dass er sich anders verhält. Ohne dass das Wort „Behinderung“ fallen würde, schwingt stets die Situation mit, in der Eltern sich befinden, die ein Kind mit einer Behinderung bekommen haben. Sie werden nach der Geburt einen Arzt konsultieren und er wird sie wie Professor Uhu im Buch über die Besonderheit ihres Kindes aufklären. Auch ihnen wird schnell schmerzlich bewusst werden, dass ihr Kind anders ist, auch ihr Kind wird feststellen, dass es viele Dinge nicht (so gut) kann wie andere, dass es anders aussieht als andere und dadurch auffällt. Beide, Eltern und Kind, müssen lernen, dies anzunehmen, und sie werden entdecken, dass der Mensch mit Behinderung dennoch - wie jeder Mensch - etwas Besonderes und Einzigartiges ist und Dinge kann, die andere nicht so gut können. Lernen müssen das aber auch die Menschen, mit denen das Kind in seinem Alltagsleben zu tun hat, insbesondere die anderen Kinder – im Buch die anderen Vogelkinder.

Diese Botschaft ist in eine Geschichte verpackt, die kindgemäß und witzig erzählt ist. Wunderbar sind auch die farbenfrohen Illustrationen, denn sie drücken die Gefühle der einzelnen Vögel ausdrucksstark und humorvoll aus.

Ein wunderbares Bilderbuch zum Thema „Anders sein“, das für Familien, für das Vorlesen und Betrachten im Kindergarten oder auch für die Grundschule sehr empfohlen werden kann. So können Kinder für dieses wichtige Thema sensibilisiert werden. Einerseits wird jedem Kind, auch und ganz besonders einem Kind mit Behinderung, vermittelt: Ich bin etwas Besonderes, ich bin einzigartig. Andererseits kann man Kindern bewusst machen, dass dies auch und ganz besonders für Kinder gilt, die mit einer Behinderung leben müssen.

Die Kuh im Pool

Von Sandra Niermeyer

Illustrationen von Caroline Opheys

 

  • Verlag: Magellan
  • Seiten: 219
  • ISBN: 978-3-7348-4151-4
  • Preis: 15,00 Euro
  • Altersempfehlung: ab 8 Jahren

Die Geschwister Rike, Valli und Jannis entdecken eines Tages ein schottisches Hochlandrind in ihrem Swimming-Pool. Kurzerhand beschließen sie, dass es bei ihnen bleiben soll. Liebevoll versorgen sie das Rind, das nun immer in der Nacht in den Saunakeller gebracht wird, damit die Eltern es nicht entdecken. Zeit haben die Kinder ja, da ihre Eltern vielbeschäftigt sind und nie für sie Zeit haben, schon gleich gar nicht dafür, mit ihnen in den Urlaub zu fahren.

Trotz des eigentlich ernsten Hintergrunds, der Stoff zum Nachdenken bietet - es geht um drei Kinder, die von ihren Eltern vernachlässigt werden und sich zumeist selbst überlassen sind - ist der Autorin hier eine wunderbar vergnügliche Geschichte mit viel Situations- und Sprachkomik gelungen.

Inhalt                     

Die Eltern von Rike, Valli und Jannis sind beide berufstätig und verdienen viel Geld. Dafür müssen sie allerdings auch unglaublich viel arbeiten. Meist sind sie unterwegs, und selbst wenn sie einmal kurz zuhause auftauchen, sind sie geistig eigentlich nicht anwesend und bekommen von ihren Kindern kaum etwas mit. Diese haben sich mit der Abwesenheit ihrer Eltern mehr oder weniger abgefunden und sind es gewöhnt, allein zurechtzukommen.

Eines Tages in den Sommerferien entdecken sie im Pool in ihrem kleinen Garten ein schottisches Hochlandrind. Da sie vermuten, dass es vor dem Schlachter geflüchtet ist, beschließen sie, es „Poola“ zu nennen und zu behalten. Um Poola vor den Eltern zu verstecken, verfrachten sie sie Nacht für Nacht kurzerhand in den Saunakeller, der sowieso nie benutzt wird. So geht das eine ganze Zeit und die Kinder gewöhnen sich an ihre neue Hausbewohnerin, um die sie sich liebevoll kümmern. Nun macht es ihnen auch gar nichts mehr aus, dass ihre Eltern in diesem Jahr keine Zeit für eine Urlaubsreise haben. Wenig später gesellt sich zu dem Hochlandrind auch noch die Kuh Hedwig, die die Kinder ebenfalls im Keller unterbringen.

Als sie ihre Eltern schließlich mit der Anwesenheit der beiden Tiere konfrontieren, kommt der ganze Kummer der Kinder darüber, dass sie so vernachlässigt werden und im Leben ihrer Eltern eigentlich keine Rolle spielen, auf den Tisch. Tief betroffen beginnen diese umzudenken.

Bewertung

Rike, Valli und Jannis bewältigen ihren Alltag mehr oder weniger ohne Erwachsene und verhalten sich dabei so, wie es Kinder eben tun, wenn sich keiner um sie kümmert. Dabei sind sie eigentlich recht vernünftig, sieht man davon ab, dass Rike, die Ich-Erzählerin, oft bis tief in die Nacht liest und die Benutzung eines Schlafanzugs für überflüssig hält. Valli als große Schwester übernimmt die Rolle der Erwachsenen. Sie ist sehr gescheit und hat ihre jüngeren Geschwister gut im Griff.

Dass beide Elternteile berufstätig und sehr eingespannt sind, ist eine Erfahrung, die die drei Kinder sicher mit vielen jungen LeserInnen gemeinsam haben, auch wenn dies hier ein wenig überspitzt, aber dadurch umso eindrücklicher dargestellt ist. Angefangen hat es damit, dass ihr Papa seiner Familie ein schöneres Zuhause bieten wollte als eine kleine Etagenwohnung in einem Hochhaus. Um mehr Geld zu verdienen, mussten beide Elternteile mehr arbeiten. Kritisch beleuchtet wird nun, wie sehr sie sich mittlerweile zu regelrechten „Workaholikern“ entwickelt haben und ihre Kinder vernachlässigen. Sehr klar wird dies von Rike beschrieben und kritisiert, dass sie meinen, mit ihrem Geld alles regeln zu können. Sie macht deutlich, dass Geld und Plüschtiere in Hülle und Fülle kein Ersatz für elterliche Zeit und Zuwendung sind.

Trotz dieses eigentlich ernsten Hintergrunds, der Anlass zum Nachdenken bietet, ist der Autorin hier eine wunderbar vergnügliche Geschichte mit viel Situations- und Sprachkomik gelungen. Sehr nah an den kindlichen Lesern ist sie dadurch, dass die Ereignisse aus Rikes kindlicher Perspektive geschildert werden. Mehrmals sind auch längere Passagen in die Handlung eingeschoben, in denen das Hochlandrind Poola das Verhalten der Kinder und der Erwachsenen kommentiert und ihre Sicht auf die Dinge und ihre eigene Situation beschreibt. Hier wird z.B. auch Rikes Verhalten kritisch beleuchtet, nachdem sie berichtet hat, dass sie schon längere Zeit ihre Kleider zum Schlafen nicht gewechselt hat. Fast auf jeder Doppelseite findet sich eine liebevolle Illustration in kräftigen Farben, die oftmals nur ein Detail der Geschichte aufgreift und in Szene setzt.

Ein sehr gelungenes Kinderbuch für lesegeübte Grundschulkinder. Sehr empfehlenswert!

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