Akzente - 3/2022 Politik Akzente Arbeitsbelastung Diversität Gesundheitsschutz

Aber selbstverständlich

Inzwischen sind es drei Krisen, denen Lehrerinnen und Lehrer ausgesetzt sind: Mangel an qualifiziertem Personal, die Pandemie und nun der Krieg in der Ukraine, verbunden mit der Pflicht, Geflüchtete zu integrieren. Krisenmanagement hoch 3.

01.06.2022

Fehlt eine Kollegin an einer Schule, dann lässt sich das schon schwer verkraften. Fehlen mehrere Kolleginnen und Kollegen: dann wird es richtig eng. Dann kommt unweigerlich der Ruf nach der mobilen oder integrierten Reserve. Aber Fehlanzeige! Also stopfen wir vor Ort wie selbstverständlich diese Löcher. Löcher, die durch den seit vielen Jahren existierenden Lehrermangel entstanden sind, den ganz klar die Politik zu verantworten hat. Wie selbstverständlich gleichen wir das aus. Durch Mehrarbeit, Doppelführungen, das eigenständige Rekrutieren von Menschen, die eigentlich gar nicht Lehrer werden wollten und das Coaching dieser Seiteneinsteiger ...

Testen, testen, nochmal testen. Nicht den Lernfortschritt der einzelnen Schülerinnen und Schüler, sondern deren Viralstatus. Nie hätten wir gedacht, dass so etwas einmal zur Normalität an unseren Schulen werden würde. Das komplette Gesundheits-Management rund um die Corona-Krise übernehmen wir – fast wie selbstverständlich. Wir verfolgen Kontakte nach, auf dem Nachtkästchen liegt das Handy, damit wir ja die Poolmeldungen so früh wie möglich erfahren und weitergeben können, wir koordinieren Taxi-Unternehmen zu den Laboren …

Und plötzlich Krieg. Und wieder übernehmen wir Lehrerinnen und Lehrer selbstverständlich umfassende und große Verantwortung: Wir nehmen die Ängste und Sorgen der Kinder und Jugendlichen sehr ernst. Machen diesen Krieg ganzheitlich zum Thema an den Schulen. Und gehen vielfältige Wege, die Kinder und Jugendlichen aus der Ukraine herzlich aufzunehmen – selbstverständlich. Wieder spüren wir unsere große gesellschaftliche Verantwortung und handeln. Wir wissen: Sie brauchen uns. Wir können diesen Kindern an den Schulen ein bisschen Schutz geben, ein bisschen Sicherheit, ein bisschen Normalität. Klar ist aber auch: Wir können nur geben, wieviele wir sind und was unsere Kraft als einzelne Lehrerin, als einzelner Lehrer noch hergibt.

Drei sehr unterschiedliche Krisen, die uns Lehrerinnen und Lehrer zeitgleich und mit großer Wucht treffen. Wir an den Schulen sind mittendrin bei allen dreien. Und wir nehmen die Verantwortung an. Für die Kinder und Jugendlichen. Sie sollen in ihrem Recht auf Unterricht und Bildung nicht enttäuscht werden. Sie sollen sicher und trotzdem stark durch die Pandemie kommen. Und Kinder und Jugendliche, deren Leben zerstört wurde, sollen bei uns Unterstützung bekommen und langfristig Heimat finden. Selbstverständlich. Was wäre denn die Alternative? Uns als BLLV, der ein eindeutiges Menschenbild hat, der die gesellschaftlichen Themen immer aufgreift und ernst nimmt, der freilich auch auf die Gesundheit der Lehrerinnen und Lehrer schaut, uns bleibt nichts anderes, als hier Offenheit zu zeigen und trotzdem unsere Grenzen zu benennen.

Aber: Ich spüre immer wieder, dass Kolleginnen und Kollegen diese Alternativlosigkeit nicht hinnehmen wollen. An dieser Stelle muss es jetzt etwas persönlicher werden: Als ich in mehreren Interviews im März deutlich machte, dass wir die gesellschaftliche Verantwortung annehmen, dass wir diesen Kindern und Jugendlichen an unseren Schulen Heimat geben wollen, bekam ich viel Zuspruch. Aber auch Kritik: Wie kann die Präsidentin des BLLV das so sagen? Wie kann sie einfach verkünden, dass wir auch das noch schaffen? Wir schaffen das nicht! Wir sind nicht genügend Lehrer. Wir sind mitten in der Corona-Krise. Wir können nicht Ukrainisch. Wir können uns nicht zerreißen. Wir reißen uns eh schon alle Haxn aus. Wie bitte soll das gehen?

Selbstverständlich bin ich überzeugt, dass der BLLV beides kann: Die gesellschaftliche Verantwortung der Schulen und der einzelnen Kolleginnen und Kollegen betonen, und zugleich mehr Personal fordern, mehr Unterstützung, mehr Rückendeckung. Also bessere Arbeitsbedingungen an den Schulen. Und vor allem: mehr Vertrauen in die Kolleginnen und Kollegen vor Ort.

Wenn drei Krisen aufeinander prallen, dann stehen wir erst recht zusammen. Und wir fordern jetzt erst recht, was wir schon lange fordern. Nämlich: Echte Multi-Professionalität; vermehrt ausländische Kolleginnen und Kollegen für den Unterricht in einer diversen Gesellschaft; Schulgesundheitsfachkräfte; Förderlehrer zum Fördern, nicht zum Stopfen von Lücken; kleine Gruppen und bessere Arbeitsbedingungen im Fachunterricht; erweitere Teams in der Schulleitung, die sich die Verantwortung teilen; auch mal eine zweite Lehrkraft in der Klasse; den Ausbau der Schulberatung mit Beratungslehrkräften und Schulpsychologen; endlich mal Schulgesundheitsfachkräfte an der Schule vor Ort; Jugendsozialarbeit und Schulsozialarbeit an allen Schulen ...

Solche Forderungen des BLLV wurden lange Zeit als maßlos abgetan. Nun zeigt sich umso härter, wie berechtigt sie waren und sind. Diese Voraussetzungen für guten Unterricht und ganzheitliche Schule von morgen müssen so schnell wie möglich erfüllt werden, wenn wir die drei Krisen professionell bewältigen und dabei gesund bleiben sollen. Die Staatsregierung muss reagieren und machen – da gibt’s keine Ausreden mehr. // Simone Fleischmann

Artikel aus der bayerischen schule #3/2022