Kolumne - So gesehen 23.02.2021 StartseiteLeistungsdruckLeistungsrückmeldungBildungsgerechtigkeitIndividuelle Förderung

Geschenkt

Mit radikalen pädagogischen Ideen schafft man es sogar in die "heute-show“ - wie kürzlich die Sendung im Februar zeigte. Eine Kolumne der etwas anderen Art von Chris Bleher, Redaktionsleiter der bayerischen schule.

Der folgende Kommentar von Chris Bleher, Redaktionsleiter bayerische schule, bezieht sich auf einen Beitrag in der TV-Nachrichtensatire-Sendung "heute-show" (>> zur Sendung, vorscrollen zur Minute 6.07) mit Moderator Oliver Welke.

Schon gehört? Von der Schule abgehängte Kinder und Jugendliche sollen ein Jahr „geschenkt“ kriegen. Den hat diese Lehrer-Präsidentin aus Bayern neulich rausgehau'n. So kam es bei Oliver Welke rüber. In der „heute show“ machte der Mann den Vorschlag zum Thema Bildungsgerechtigkeit während der Coronakrise auf diese Art platt: „,Schen-ken' … hmm. Statt: ,Ihr bleibt sitzen', jetzt also: ,Wir schen-ken euch ein Schuljahr'“. Knipste sein Hallo-Satire-Grinsen an, und in 15 Bundesländern war wieder alles klar: Hah! Diese rückständigen Seppeln im Söderland. Ob Ministeriumsmann, ob Verbandsfrau – Hauptsache aussortieren.

Diejenigen, die es brauchen, sollten individuell gefördert werden, ein ganzes Jahr lang

„Schenken“ - für die Freunde des seichten Formats klingt die Vokabel wie das Glöckchen für Pawlows Hund. Und schon schlagen sie an: Wie kommt denn die Fleischmann auf so was? Ganz einfach: „Schenken“ war die  provozierende Antwort auf den Ministeriumsmann, dem zwischenzeitlich vorgeschwebt hatte, alle Schülerinnen und Schüler in die nächste Jahrgangsstufe vorrücken zu lassen, gratis, ohne sich die weitere Förderung allzu viel kosten zu lassen. In der nächsten Jahrgangsstufe wären sie dann erst recht die Abgehängten gewesen – und selber schuld an ihrem späteren Scheitern. „Schenken“ sollte heißen: Schülerinnen und Schüler sollen ein chaotisches Jahr mit Distanzunterricht, Wechselunterricht oder gar keinem Unterricht freiwillig wiederholen dürfen. Diejenigen, die es brauchen, sollten individuell gefördert werden, ein ganzes Jahr lang. Und das sollte kein Malus sein auf ihrem Bildungsweg.

Abschied vom Notenfetisch

Im ZDF konnten sie diesen Gedanken, anderswo wollen sie ihn nicht verstehen. Wie jetzt? Wo sollen denn die Lehrer für eine solche Förderung herkommen? Schreit die nicht selbst immer: Lehrermangel, Lehrermangel? Kostet doch alles Geld! Woher soll denn die ganze Kohle kommen für so ein Ge-schenk? Da lässt sich's wohlfeil kritisieren: „Schenken“ - kontert man den Ministeriumsmann mit so einer Steilvorlage für die Freitagabend-Kalauerei, wenn der mit sanfter Stimme Wechselunterricht anordnet, weil ja schließlich wieder schriftliche Noten eingeholt werden müssen? Wenn der also doch wieder auf dem Prinzip beharrt, dass es nun mal Verlierer geben muss, Chaos hin oder her? Muss man den dann noch rechts überholen?

Geld für Bildung und Bildungsgerechtigkeit

Wer wollte, konnte das mit dem Schenken als gewagtes aber korrektes Überholmanöver verstehen. Der Frau vom Bavariaring geht es, wie sie ja nimmermüde erklärt, um einen anderen Leistungsbegriff. Um den Abschied vom Noten-Fetisch. Um mehr Geld für Bildung und Bildungsgerechtigkeit. In einem Land, in dem Dreigliedrigkeit und Dreifaltigkeit so manchem gleich heilig erscheinen, mag das unerhört klingen. Aber heilig war bis vor kurzem auch die Regierungsdoktrin von der „schwarzen Null“. Die absorbierte jeden noch so zarten Gedanken an mehr Personal für bessere Förderung schon im Stadium des Keims. Da wurde an öffentlichen Einrichtungen kaputt gespart, was nicht bei drei privatisiert war. Und heute? Sprudeln die Milliarden – wo immer sie herkommen. Warum, im Ernst jetzt, sollte da Eine nicht mal radikal werden? Der welke Witz mit dem Sitzenbleiben – geschenkt!

>> Autor: Chris Bleher, Redaktionsleiter bayerische schule


Schule in Zeiten der Corona-Pandemie
Die Corona-Pandemie zeigt den hohen gesellschaftlichen Wert von Schule. Damit sie trotz akutem Lehrermangel funktionieren kann, fordert der BLLV in einer politischen Erklärung, die Fürsorgepflicht des Dienstherrn in maximalen Gesundheitsschutz für Lehrkräfte umzusetzen, insbesondere im wichtigen Präsenzunterricht. Entscheidungen und deren Kommunikation müssen regional, klar, verlässlich, frühzeitig und transparent sein und schulische Eigenverantwortung stärken. Fairness muss vor Leistungsdruck gehen, digitale Ausstattung schnell verbessert werden. Jetzt ist nicht die Zeit für einfache Lösungen und Polemik. Aber jetzt ist die Zeit für langfristig tragende Konzepte für Arbeitsbedingungen, Multiprofessionalität und Attraktivität, um so Bildungsqualität auch über Corona hinaus zu sichern. Dazu braucht es einen konstruktiven Diskurs aller an Schule Beteiligten, für den der BLLV bereit steht. » Die politische Erklärung im Wortlaut