Neue Maßnahmen gegen Lehrermangel Startseite
Quereinsteiger A13 Arbeitsbedingungen

„Wir brauchen Menschen für diese Kinder“

Sachsen-Anhalt setzt Headhunter ein, um Lehrkräfte zu finden. BLLV-Präsidentin Fleischmann stellt klar, dass sich Studium, Arbeitsbedingungen und Bezahlung verbessern müssen, um Lehrermangel nachhaltig zu bekämpfen – was im Sinne der Kinder unerlässlich ist.

In der freien Wirtschaft ist es wegen des anhaltenden Fachkräftemangels schon lange üblich, und das nicht mehr nur bei profilierten Führungspositionen: Spezialisten sondieren den Arbeitsmarkt, recherchieren auf den gängigen Business-Netzwerken und werben dann gezielt geeignete Kandidatinnen und Kandidaten an. Solche „Headhunter“ genannten Experten setzt nun auch das Bundesland Sachsen-Anhalt ein – und zwar um dem akuten Lehrkräftemangel entgegenzuwirken.

In Berlin werden aus demselben Grund die Gehälter für Lehrkräfte angehoben – auf ein Niveau, das etwa 1.000 Euro über dem eines angehenden Professors liegt, wie BR24 berichtet. In der Hauptstadt ist der Mangel so enorm, dass im Schuljahr 2020/21 60% der an Schulen eingesetzten Menschen kein Lehramtsstudium absolviert hatten, weil sie als Quereinsteiger in den Schuldienst kamen.

Stellen stopfen keine Löcher

Das Problem drängt auch in Bayern seit Langem und verschärft sich durch zusätzliche Schülerinnen und Schüler aus der Ukraine weiter. „Lehrermangel bedeutet, wir sind zu wenige, wir bekommen aber immer mehr Schülerinnen und Schüler“, schildert BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann die Lage im Gespräch mit dem Radiosender Bayern 2. „Und eigentlich sollte man jetzt eins und eins zusammenzählen: Mehr Schüler heißt mehr Lehrer – dem ist aber nicht so“, stellt Fleischmann klar.

Hauptproblem: Selbst wenn zusätzliche Stellen geschaffen werden, wie es das Bayerische Kultusministerium angesichts des zusätzlichen Bedarfs durch den Krieg in der Ukraine durchaus getan hat, gelingt es eben nicht, die Stellen auch zu besetzen. „Die zusätzlichen Lehrer fallen nicht vom Baum“, sagt die BLLV-Präsidentin. Ein Schritt ist dann auch in Bayern, Quereinsteiger zu beschäftigen: „Das heißt, diese Löcher müssen mit anderen Personen gestopft werden“, so Fleischmann.

Was Quereinsteiger für Kinder und Jugendliche bedeuten

Das hat aber Konsequenzen. Sowohl für die Lehrkräfte, die Quereinsteigern Grundlagen der pädagogischen Arbeit an den Schulen vermitteln müssen – zusätzlich zu ihren eigenen Aufgaben . Aber auch für die Schülerinnen und Schüler, wie die BLLV-Präsidentin betont: „Wenn ein Mensch vor einer Klasse steht und dieser Mensch ist kein Lehrer, dann fehlt diesem Menschen natürlich genau das, was wir können. Wir sind Pädagoginnen und Pädagogen, wir sind Psychologen, wir sind Fachwissenschaftler, wir sind Fachdidaktiker. Wir haben unser Geschäft gelernt. So wie ein Maler seinen Beruf gelernt hat, so haben wir als Lehrerinnen und Lehrer unseren Beruf gelernt. Deswegen fehlt natürlich jemandem, der nicht Lehramt studiert hat, ganz viel an Grundkompetenz.“ Das geht dann zu Lasten der Bildungsqualität und mindert in letzter Konsequenz die Lebenschancen von Kindern und Jugendlichen.

Aus Sicht des BLLV sind drei Punkte entscheidend, um mehr „echte“ Pädagoginnen und Pädagogen in die Klassen zu bekommen: Die Rahmenbedingungen der schulischen Arbeit müssen sich verbessern, die Bezahlung muss angemessen und gerecht sein – in Bayern verdienen anders als in Berlin nämlich Grund-, Mittel- und Förderschullehrer weniger als die Kolleginnen und Kollegen an Realschule und Gymnasium – und das Lehramtsstudium muss reformiert werden. So wie die Lage jetzt ist, sieht es mit dem Nachwuchs nämlich desaströs aus.

Selbes Studium, weniger Geld?

„Wir schlagen die Hände über dem Kopf zusammen, wenn wir die Anzahl der Erstsemester für das Lehramt der Mittelschulen anschauen“, sagt Simone Fleischmann. „Das kann ja nicht sein! Wir werden nie und nimmer mit den paar Mantschgerln, die jetzt das Studium anfangen, die Mittelschule langfristig gut aufstellen können“, stellt die BLLV-Präsidentin klar.

Die Bezahlung ist dabei ein offensichtlicher Grund: "Momentan erleben wir eine Generation an jungen Menschen, die sehr wohl darauf schaut, was sie in einem bestimmten Beruf verdient“, sagt Simone Fleischmann im Gespräch mit BR24. „Es ist natürlich auch wichtig, dass die Grundschullehrerin und der Mittelschullehrer eben genauso viel verdient wie der Kollege am Gymnasium.  Niemand kann mir erklären, warum die Lehrerin für die kleinen Kinder kleines Geld verdient und der Lehrer für die großen Kinder großes Geld verdient.“

Jetzt alle Register ziehen

Die Beharrkräfte gegen eine Eingangsbesoldung mit A13 für alle, wie sie der BLLV seit Langem fordert, sind in Bayern enorm. Doch Simone Fleischmann stellt klar: „Wenn den Politikern, die immer sagen, wie wichtig ihnen die Bildung ist, die Bildung wirklich wichtig ist, dann muss man da jetzt alle Register ziehen. Wir brauchen attraktive Arbeitsbedingungen, damit mehr Kolleginnen und Kollegen studieren.“

Ob Headhunter helfen können, die Lage zu entschärfen, ist dabei für BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann nicht entscheidend: „Natürlich bringt uns alles etwas, was junges, qualifiziertes Personal in die Schulen bringt. Und wenn es dann die Headhunter richten, soll es mir auch recht sein. Wir brauchen Menschen für diese Kinder. Die Kinder sind es wert!“

» zum Bericht von BR24: „Mit Headhuntern und höheren Gehältern gegen Lehrkräftemangel“

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