Gewalt an Schulen 25.09.2020 StartseiteArbeitsbedingungenArbeitsschutzCybermobbingHate SpeechRespektLeistungsdruckÜbertrittWertebildung

„Wir dürfen nicht schweigen“

Schulen brauchen bei Fällen von Gewalt und Mobbing ein System aus Unterstützern, etwa von Psychologen und Sozialarbeitern, fordert BLLV-Präsidentin Fleischmann in der BR2-Radiosendung „Tagesgespräch“. Gesellschaftlicher Rückhalt sei jetzt gefragt.

„Gewalt und Mobbing gegen Lehrkräfte nimmt zu: Was läuft da schief?“ Diese Frage stellte die Radiosendung „Tagesgespräch“ heute auf Bayern 2.  BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann erörterte die Frage mit Moderator Achim Bogdan und Anruferinnen und Anrufern.

Anlass sind die Ergebnisse der aktuellen vom BLLV-Dachverband VBE beauftragten Forsa-Umfrage: 61 Prozent der Schulleitungen – und damit deutlich mehr als vor zwei Jahren – melden in den letzten fünf Jahren Fälle von psychischer Gewalt, bei denen Lehrkräfte direkt beschimpft, bedroht, beleidigt, gemobbt oder belästigt wurden. Fälle von Mobbing über das Internet gab es laut einem Drittel der Schulleitungen (32 %) und jede dritte Schulleitung (34 %) berichtet (auch) von Fällen körperlicher Gewalt gegen Lehrkräfte.

Wertschätzung und Respekt beugen Gewalt vor, Mauer des Schweigens schützt Täter

„Wir müssen von der Gesellschaft den Rücken gestärkt bekommen“, appelliert Simone Fleischmann. Keinesfalls dürften Vorfälle verschwiegen werden, denn das schwäche Lehrkräfte auf Dauer enorm. Nach Veröffentlichung der Studienergebnisse sei jetzt wieder spürbar – ob in den Medien oder sozialen Netzwerken – dass das Thema reflexartig kleingeredet werden solle. „Da macht der BLLV nicht mit!“, stellt Fleischmann klar. Eine Tabuisierung dürfe es nicht geben, denn Lehrkräfte trauten sich oft nicht, ihre Fälle selbst publik zu machen, aus Angst, dann als schlechte Pädagogen dazustehen. Daher fordert der BLLV Statistiken, die das Problem anerkennen helfen. „Das Kultusministerium soll entweder unsere Zahlen anerkennen oder endlich selber welche erheben“, fordert die BLLV-Präsidentin.

Dem wiederholten Aufruf von Anrufern, Lehrkräfte müssten in ihrer Arbeit und ihrem Ansehen gestärkt werden, schließt sich Simone Fleischmann an. Polemische Angriffe, wie kürzlich von bayerischen Spitzenpolitikern mit Kanzler-Ambitionen gefahren, die von „Fake-Attesten“ fabulierten, oder Polit-Veteranen im Bund, die pauschal die Einsatzbereitschaft von Lehrkräften in Frage stellten, seien kontraproduktiv und stünden in schlimmster Tradition eines Ex-Kanzlers, der einst einen ganzen Berufstand als „faule Säcke“ diffamierte. Da dürfe man sich nicht wundern, wenn der eigene Bildungssektor eben nicht mit einem Land wie Finnland mithalten könne, das messbar Spitzenergebnisse produziert, weil dort Lehrer mit dem Bild „Kerzen der Gesellschaft“ anerkannt, gewürdigt und gefeiert werden. Wo sich Politik und Gesellschaft konsequent vor Lehrkräfte stellen, sei an Schulen ein völlig anderer, respektvoller Umgang miteinander möglich, konstatiert Simone Fleischmann.

Wenn die Kinderseele unter Druck zerbricht

Eine große Rolle spielt nach Meinung aller Diskussionsteilnehmer der Leistungsdruck auf Kinder und Jugendliche, insbesondere beim Übertritt an weiterführende Schulen. „Wenn die Noten nicht stimmen, wird dem Lehrer die Schuld gegeben“, beklagt Anrufer Ernst Kauer und spricht von „Hauen und Stechen“. Simone Fleischmann bestätigt das und fragt: „Was hat das noch mit Schule, mit Lernfreude zu tun, wenn Papa mit dem Anwalt in die Schule marschiert, um eine Matheprobe zu hinterfragen, weil ich eine 3 hatte? Das ist für Kinder nicht auszuhalten. Das ist doch Wahnsinn!“ Daher plädiert der BLLV schon lange für längeres gemeinsames Lernen und die Freigabe des Elternwillens. „Die Politik sagt an dieser Stelle immer nur, es sei alles in Butter, weil die Übertrittsquoten ja stimmen – aber uns gehen dabei die Kinder drauf!“, kritisiert Simone Fleischmann.

Denn eins sei klar: Kinder, die an Schulen Probleme machen, hätten selbst welche. Leistungsdruck und prekäre familiäre Verhältnisse seien Hauptursachen. Dafür fordert die BLLV-Präsidentin ein Unterstützungssystem aus multiprofessionellen Teams, etwa mit Therapeuten, Schulsozialarbeitern und Jugendpsychologen. „Heutzutage haben Kinder sehr viele unterschiedliche Bedürfnisse – das kann der Lehrer oder die Lehrerin nicht mehr alleine auffangen“, resümiert Fleischmann.

Haltung, Würde und Respekt bei allen ist die beste Prävention

Die BLLV-Präsidentin nimmt das bayerische Schulsystem und die Gesellschaft insgesamt in die Verantwortung: „Schule ist immer Spiegelbild der Gesellschaft“, stellt Fleischmann klar. „Bayern ist stark leistungsorientiert und an den Schulen geht es um Angst, Abschulen, Wiederholen, Aussortieren, Umsortieren und mit Noten zu sagen: ‘Du schaffst es nicht!‘ So erzeugt man keine Lust, keinen Mut, keine Kreativität und kein Lernen Wollen.“

Simone Fleischmann schließt sich auch der Anregung einer Anruferin an, dass Schulen unbedingt den Wechsel des Verständnisse vom reinen Lernraum hin zum Lebensraum in allen Facetten schaffen müssten. Erst recht, da immer mehr Schülerinnen und Schüler den ganzen Tag in der Schule verbringen.

Erschreckende Cybermobbing-Vorfälle sind für Fleischmann aber kein Grund, um in Agonie zu verfallen: „Es gibt eben Smartphones und Soziale Netzwerke – das ist jetzt so! Wir müssen jetzt gucken, wie wir damit umgehen.“ Um einer Verrohung von Sprache und Verhalten in der Gesellschaft wie in digitalen Räumen entgegenzutreten, verweist die Präsidentin auf das BLLV-Manifest „HALTUNG ZÄHLT“: „Demokratische Haltung, offene Haltung, respektvoller Umgang in der Gesellschaft und dann eben auch in der Schule – das muss zusammenkommen, damit wir präventiv diesen zunehmenden Gewalttaten gegenüber Lehrkräften entgegenwirken.“

» die ganze Sendung auf Bayern 2
 

Medienberichte

Simone Fleischmann gegenüber br.de:

  • "Die wollen alle keine Statistiken ..."
     
  • "Wir müssen das öffentlich machen. Wir dürfen nicht schweigen, weil das einfach Grenzüberschreitungen sind!"


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