Gelerntes nicht verlernen - Altes aufbrechenStartseite

BLLV-Thesen zum Ende des Schuljahres 2019/2020

Pressekonferenz des BLLV: "Jetzt mal ehrlich!" Realitäts-Check und was es wirklich braucht, um Erwartungen zu erfüllen: Digitalisierung, Lehrerbildung, Mittelschule, individuelle Förderung, Bildungsverständnis und -gerechtigkeit – der BLLV ist dran!

1. Die Digitalisierung: Wie geht eigentlich eine professionelle Verzahnung des neuen Distanz- mit dem alten Präsenzunterricht?

Die BLLV-Umfrage 2020 zeigt: über 60 % der Befragten sagen, dass die digitale Kommunikation mit Schülern, Kollegen und Eltern auch nach Corona weiter ausgebaut und systematisiert werden muss. Für über 80 % muss der Einsatz digitaler Medien weiter ausgebaut und zu einem festen Bestandteil des Unterrichts werden.

Ministerpräsident Dr. Markus Söder hat auf der Pressekonferenz vom 16. Juni alles Wichtige rund um die Digitalisierung an den Schulen benannt: Die Kommunen müssen die Gelder abrufen, System-Administration durch IT-Fachkräfte ist notwendig, die Digitalisierung muss prinzipiell auf neue Füße gestellt werden, die virtuelle Lernwelt darf keine Notfallunterrichtsmethode bleiben. Es braucht deutliche Investitionen in den Ausbau von Fortbildungen bei Lehrerinnen und Lehrern sowie die Erkenntnis, dass digitale Plattformen individuelle Betreuung über Corona hinaus ermöglichen.

Jetzt mal ehrlich: Der BLLV sagt dazu Ja. Das muss jetzt aber auch umgesetzt werden und den Ansagen des Ministerpräsidenten müssen Taten folgen. Ja zur Aufnahme des Distanzunterrichts – auch wenn der Begriff pädagogisch problematisch, aber wohl rechtlich wichtig ist – in die Schulordnung und Ja zur Gesetzesänderung, dass neben dem Schulbuch das digitale Endgerät für Lehrer und Schüler zur Grundausstattung gehört.

Was es braucht, ist eine professionelle Verzahnung von Präsenz- und Distanzunterricht. Das braucht Zeit für die Kolleginnen und Kollegen. Was Politik, Kommunen und Verlage in den letzten Jahren nicht gestemmt haben, das können wir nun nicht in drei Monaten aufholen. Klar gilt es, jetzt nicht vom Gas zu gehen, aber der Prozess muss nachhaltig sein und alle Kolleginnen und Kollegen müssen mitgenommen werden.

» BLLV-Dossier Digitalisierung: www.bllv.de/themen/digitalisierung
 

2. Die Lehrerbildung: Der Numerus Clausus für das Grundschullehramt funktioniert so nicht! Und was ist mit dem Nachwuchs?

Zu Beginn der Corona-Zeiten hat sich das Image von Lehrerinnen und Lehrern verbessert. Eltern spürten, wie vielfältig und anspruchsvoll die Erwartungen rund um das Lernen sind. Die professionellen Ansprüche des Berufs wurden deutlich, das Image hat dem entsprochen. Jetzt scheint die Stimmung gekippt zu sein. Das Image von Lehrerinnen und Lehrern wird beschädigt. Die öffentliche Diskussion geht stark in die Richtung, dass sich Lehrerinnen und Lehrer nicht, oder eben nicht alle, gebührend engagieren.

Jetzt mal ehrlich: Für den BLLV ist es an der Zeit, dass Politik und Gesellschaft den Wert der Lehrerinnen und Lehrer, ganz im Sinne von „Kerzen in der Gesellschaft“, wie dies in Finnland der Fall ist, wieder hoch halten. Nur wertgeschätzte Lehrer sind starke Lehrer. Nur starke Lehrer machen starke Schule! Wir wollen, dass die Besten Lehrer werden. Wir wollen, dass junge Männer und Frauen sagen, „Ich will Grundschullehrer oder Mittelschullehrerin werden!“. Was wir aber spüren ist: Die Studierendenzahlen gehen beispielsweise für die Mittelschule drastisch zurück.

Für den BLLV steht eines außer Frage: Es geht um attraktivere Arbeitsbedingungen für alle Kolleginnen und Kollegen, die an den Schulen arbeiten. Es geht aber auch um die Gleichwertigkeit der Besoldung. Wir bleiben dran – auch in Zeiten von Corona: A 13 in der Eingangsbesoldung für Grund- und Mittelschullehrer! Hier gilt es „Ur-Altes“ aufzubrechen und jetzt die Chance zu nutzen und eine Reform der Lehrerbildung ins Feld zu setzen.

» BLLV-Dossier Lehrerbildung: www.bllv.de/themen/weitere-themen/flexible-lehrerbildung

3. Die Mittelschule: Was brauchen diese Kinder? Was braucht es für diese Schulen und die Schulleitungen?

Die BLLV-Umfrage 2020 zeigt: Drei Viertel der Befragten waren mit der Informationspolitik des Kultusministeriums nicht zufrieden. Und ebenso drei Viertel der befragten Schulleitungen fanden die Eigenverantwortung in der Krise gut. Über 90 % der Schulleiterinnen und Schulleiter bewerteten die kultusministeriellen Schreiben als zu viele. Fast 90 % der Befragten sagen, dass die Schulen selbst entscheiden sollen, welches Unterrichtsmodell sie umsetzen wollen.

Die sicheren Arbeits- und Gesundheitsschutzmaßnahmen müssen Grundlage aller Entscheidungen sein. Testungen – auf freiwilliger Basis – für alle Lehrerinnen und Lehrer sind eine gute Grundlage. Vor allem, wenn regionale Konzepte umgesetzt werden sollen. Lokale und dezentrale Schulöffnungen bzw. – schließungen sind der richtige Weg. Dazu braucht es maximale Eigenverantwortung bei klarer politischer Ansage und 100% Rückendeckung.

Jetzt mal ehrlich: Der BLLV verfolgt schon seit Beginn der Corona-Situation die Devise: So viel Unterricht live wie möglich – bei großer Eigenverantwortung der Schulen vor Ort! Eigenverantwortung in Krisenzeiten ad hoc zu erwarten, das war Wunschdenken. Aber jetzt die Eigenverantwortung endlich ehrlich und nachhaltig zu leben und politisch zu fördern – das ist das Zeichen der Zeit.

Ein Blick über den Tellerrand: In Deutschland kann nur jede fünfte Entscheidung an der Schule vor Ort getroffen werden. In den Niederlanden werden vier von fünf Entscheidungen autonom an den Schulen vor Ort getroffen. Man könnte meinen, dass große Chancenungleichheit mit viel Verantwortung vor Ort gepaart negativ sei. Nein: Während Corona sind Schülerinnen und Schüler in den Niederlanden besser durch die Krise gekommen, so die OECD-Studie „Schooling disrupted“.

Eigenverantwortung heißt die ganz klare Anerkennung der zentralen Rolle der Schulleitungen. Nicht nur Bekenntnisse zur Wichtigkeit von Schulleitungen und Lobeshymnen sind jetzt gefragt, sondern echte Delegation von Verantwortung an die Schulen vor Ort mit 100% Rückendeckung von „oben“. Echte Eigenverantwortung ist es, was die Kolleginnen und Kollegen wollen. Den Mut dazu haben wir. Die Freiheiten können wir professionell ausfüllen. Die Rückendeckung dazu muss her. Jetzt ist die Chance, Altes aufzubrechen!

» BLLV-Artikel „Schulöffnungen: Eigenverantwortlich, flexibel und pädagogisch“
 

4. Die Förderung, die Individualisierung und die Differenzierung: Wer macht’s?

Die BLLV-Förderlehrkräfteumfrage 2020 zeigt: Fast alle Förderlehrkräfte leisten mindestens 8 oder gar mehr Stunden eigenverantwortlichen Unterricht (90%). Bei einem Teil davon liegt der Anteil zwischen 11 – 14 Stunden (14,7%) oder sogar höher als 14 Stunden pro Woche (8,9%). Obwohl in der Dienstanweisung eindeutig festgelegt ist, dass der Einsatz an einer weiteren Schule nur in begründeten Ausnahmefällen erfolgen soll, unterrichten etliche Förderlehrkräfte an zwei (18,9%), drei (2,2%) oder gar mehr Schulen (0,5%). Durch den aktuellen Lehrermangel und fehlende Mobile Reserven werden auch Förderlehrkräfte verstärkt zu Vertretungen herangezogen. Die in der Dienstanweisung genannte Anzahl von maximal 5 Vertretungsstunden pro Woche wurde im aktuellen Schuljahr bei vielen Befragten bereits mehrfach überschritten (42,8%). Nur etwa ein Drittel der Förderlehrkräfte wird nach Möglichkeit nicht zu Vertretungen herangezogen (34,3%), während über ein Viertel der Teilnehmer erklärt, dass sie „erste Wahl“ bei Vertretungsfällen sind (27,1%).

Jetzt mal ehrlich: In der Coronakrise ging die Schere der Bildungsungerechtigkeit noch weiter auseinander. Die Erwartungen der Eltern, dass die großen Unterschiede in den Kompetenzen der Kinder ab September möglichst schnell ausgeglichen werden, sind hoch. Die schwächsten Schülerinnen und Schüler brauchen genauso Förderung wie die „starken“. Niemand darf verloren gehen! Die einzige Antwort auf eine gestiegene Heterogenität bei den Kindern und Jugendlichen ist die Förderung dieser. Förderung heißt: Schülerinnen und Schüler mit ihren Stärken und Schwächen individuell abholen. Das geht in: individualisierten Lernarrangements, differenzierten Angeboten, und spezifisch auf die einzelnen Kinder abgestellten Förderangeboten. Dazu braucht es: Lehrer, Lehrer, Lehrer! Experten dafür sind: die extra dafür ausgebildeten Förderlehrkräfte. Hier hakt es aber gewaltig. Das zeigt auch die BLLV-Umfrage.

Jeder Versuch, den Mehrwert, den der Dienstherr durch den Einsatz der Förderlehrkräfte abschöpft, geltend zu machen, wurde bisher von den politischen Verantwortlichen durchwegs abgelehnt.  Die Fakten und deren Bewertungen, die sich durch die Umfrage des BLLV ergeben, machen sehr deutlich, dass es längst überfällig ist, den Einsatz und die Leistungen der Förderlehrkräfte anzuerkennen.

» BLLV-Umfrage „Förderlehrkräfte in Bayern“
»
BLLV-Artikel „Fachleute für individuelle Förderung“
 

5. Das Primat der Fachlichkeit: Was ist eigentlich Aufgabe von Schule? Geht es um ganzheitliche Bildung oder nur um Noten, Zeugnisse, Zertifikate?

Die BLLV-Umfrage 2020 zeigt: 97 % der Befragten sagen, dass sich in der Coronakrise vor allem bewahrheitet hat: Kinder brauchen ganzheitliches Lernen mit Herz, Kopf und Hand. 93 % geben an, dass wir künftig noch mehr Wert auf die Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler zu eigenverantwortlichem Lernen legen müssen. 97 % der Befragten sagen, dass das digitale Kommunizieren mit den Kindern während der Corona-Zeit die persönliche Beziehung nicht ersetzen konnte. Es ist also allen klar: Die Basis des Lernens ist die Beziehung. Lernen geht nur auf Grundlage von Herz. Kopf. Hand. Die Kolleginnen und Kollegen haben mit 75 % angegeben, dass sich ihre Rolle als Lehrkraft in der Corona-Zeit deutlich verändert hat. Eine Rollenveränderung im Rahmen einer Krise von heute auf morgen: Das ist nicht zielführend. Wenn wir Aufbrechen wollen zu einem neuen Lernen auf zwei Beinen, dann muss sich die Rolle des Lehrers zwingend ändern. Nun gilt es,  diesen Aufbruch professionell zu begleiten.

Jetzt mal ehrlich: Wenn das professionelle Zusammenspiel von Distanz- und Präsenzunterricht die Zukunft ist, dann muss Lernen ganz neu aufgestellt werden. Beide Formate müssen kooperatives, verständnisintensives und soziales Lernen ermöglichen. Jetzt sind neue und innovative Konzepte gefragt, damit Vereinzelung vermieden wird, Lerneffizienz gegeben ist und die Bildungsgerechtigkeit nicht noch weiter verschärft wird. Einfach den Schalter umlegen, von Präsenz- auf Distanzunterricht geht aber nicht. Es muss ein professionell-pädagogischer Prozess sein. „Altes Lernen“ einfach durch „Digitales Lernen“ zu ersetzen ist nicht effizient!

Das Primat des akademischen, traditionellen, hybriden und fachlichen Lernens muss weichen zugunsten des fächerverbindenden, phänomenologischen, adaptiven und ganzheitlichen Lernens. Die Frage, „Was ist eigentlich Aufgabe von Schule?“, stellen sich nun alle. Jetzt gilt es, den kritischen Blick auf das, was Schule seit Jahrzehnten war und ist, zu schärfen und in einem breiten gesellschaftlichen Konsens Antworten zu definieren. Altes aufbrechen und Neues wagen: Das klingt erstmal gut.

Jetzt mal ehrlich: Der BLLV favorisiert den ganzheitlichen Bildungsbegriff – mit Herz.Kopf.Hand. Und dieses Verständnis von Schule muss nun in einem breiten gesellschaftlichen und professionellen Dialog diskutiert werden. Die Sogwirkung des „Alten“ und des „Normalen“ wird groß sein – der BLLV bleibt dran!

» BLLV-Manifest „Herz.Kopf.Hand. Zeit für Menschen“
»
BLLV: „Für Bildung mit Herz.Kopf.Hand“

Die BLLV-Umfrage 2020 zeigt: Über 60 % geben an, dass Corona die Fragwürdigkeit von Noten gezeigt hat und dass Noten in Zukunft weniger Bedeutung haben sollten. Über 50 % der Befragten gaben an, dass das Sitzenbleiben auf den Prüfstand gehört.

Der Leistungsbegriff wird also stark kritisiert. Also was ist denn eigentlich Funktion von Schule? Ist Schule dafür da, Noten zu geben, Kinder aus- und umzusortieren und sitzenbleiben zu lassen? Und wieviel war eigentlich Lernen in Corona-Zeiten wert? Oder hat sich einmal mehr gezeigt, dass Prüfen, Schulaufgabe und Noten eigentlich wichtiger sind? Sind es die Zertifizierungen, die Schule ausmachen, oder sind es die Kompetenzen, die Schülerinnen und Schüler sich aneignen? Die Sicherung des Status Quo, die immer noch viele in der Gesellschaft wollen, müssen wir kritisch hinterfragen. Was ist Bildung heute eigentlich? Was bedeutet Lernen? Und die Kernfrage: Was soll Schule eigentlich leisten?

Jetzt mal ehrlich: Der BLLV ist seit Jahren der Verband, der eben diesen Lern- und Leistungsbegriff konstruktiv kritisch hinterfragt. Der BLLV sieht die Chance, auf Grundlage der kompetenzorientierten Lehrpläne einen neuen Leistungsbegriff zu implementieren. Wir wollen Gelerntes und Entdecktes nicht Verlernen oder Vergessen. Wir wollen dran bleiben! Dem Sog des Alltags wollen wir uns entgegenstemmen. Das, was wir alle zusammen gelernt haben, wollen wir nicht vergessen. Das Potenzial an Veränderungen ist größer, weil alle in der Gesellschaft betroffen waren: Kinder, Lehrer und Eltern!

» BLLV-Dossier „Leistung“
»
BLLV-Dossier „Verständnisintensives Lernen“
»
BLLV-Artikel „Es ist Zeit, Leistung neu zu definieren“
 

6. Die Bildungsgerechtigkeit: fiel uns in Corona nochmal mehr auf die Füße! Zum Schulstart im September wird es immense Erwartungen der Gesellschaft geben – ist dies zu schaffen?

Die BLLV-Umfrage 2020 zeigt: 96 % der Befragten geben an, dass die Coronakrise sich gerade für Schülerinnen und Schüler mit sozial schwächerem Hintergrund stark negativ ausgewirkt hat. 95 % sagen, dass eben diese Schüler in Zukunft noch mehr Unterstützung als bisher bräuchten. Für den BLLV gilt, sehr kritisch dran zu bleiben. Wer soll denn diese Förderung leisten? Haben wir nicht Lehrermangel im Grund-, Mittel- und Förderschulbereich?

Jetzt mal ehrlich: Chancengerechtigkeit ist verstärkt zum Problem geworden. Das Leistungsspektrum ist noch weiter auseinander gegangen. Der Umgang mit Heterogenität der Lern- und Leistungsvoraussetzungen bei den Schülerinnen und Schülern ist nochmal mehr Kernaufgabe der Schule. Denn in einem selektiven Schulsystem wie in Bayern, das stark auf Zertifizierungen, Klassifizierungen und Ausleseentscheidungen ausgerichtet ist, erfüllt ein System in erster Linie die Funktion, Lebenschancen zuzuweisen. Durch die Corona-Krise wird es gerade für Schülerinnen und Schüler aus sozio-ökonomisch benachteiligten Elternhäusern oder solche mit ohnehin schwierigen Lebenslagen nochmals prekärer, diese Lebenschancen wirklich zu erhalten. Dazu bräuchte es weniger Auslese und Aufteilung, weniger Abschulen, mehr frühe Förderung usw.

Wir Lehrerinnen und Lehrer haben dazu den Schlüssel: Individuelle Förderung ist die Antwort! Wir können das! Gerade jetzt, wenn die Schere noch mal weiter aufgegangen ist, braucht es eines immer mehr: Lehrer, Lehrer, Lehrer! Oder eben pädagogisches Personal, wie Förderlehrer und multiprofessionelle Teams.

Jetzt mal ehrlich: Der BLLV stellt diese Forderungen seit Jahren! Wie wäre es denn aktuell mit 110% Lehrerversorgung?

» Individuelle Förderung in der BLLV-Expertise „Zeit für Bildung – gerecht.investieren“
 

Quellen

  • BLLV-Umfrage „Schule und Corona 2020“: 10.100 BLLV Mitglieder angeschrieben (aktive Lehrkräfte und Schulleitungen aller Schularten in Bayern) vom 19. Juni bis 1. Juli; 3.498 ausgefüllte Fragebögen (Rücklauf: 34,6%).
     
  • BLLV „Förderlehrkräfteumfrage 2020“: 1.320 aktive Förderlehrkräfte angeschrieben im Februar 2020; 820 ausgefüllte Fragebögen (Rücklauf 62,1%)



Am: 16.07.2020