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Lehrermangel in Ingolstadt Startseite
Individuelle Förderung A13

„Eltern, Kinder und Lehrer leiden“

Karin Leibl, Vorsitzende des BLLV-Kreisverbands Ingolstadt, schildert, was die radikalen Kürzungsmaßnahmen des Kultusministeriums vor Ort anrichten. Aus Sicht des BLLV ist klar: Irgendwie Lücken schließen heißt, Kinder systematisch zu benachteiligen.

Lehramtsanwärter abtelefonieren, ob sie auch wirklich wie geplant den Dienst antreten, Nachrücker suchen, Pensionisten zur Rückkehr und Studierende zum Schuleinsatz überreden, dazu irgendwie noch Willkommenskräfte anwerben: So schildert die BLLV-Kreisvorsitzende Karin Leibl im Gespräch mit dem Donaukurier die vom Kultusministerium nahegelegten Maßnahmen, um irgendwie dem akuten Lehrermangel beizukommen. Denn der ist auch hier dramatisch – mit weitreichenden Folgen:

„Die Förderung fällt aus, das ist in der Regel der erste Schritt bei Lehrermangel“, berichtet Karin Leibl. „Gerade Ingolstadt hat an den Grund- und Mittelschulen natürlich besonders viele Kinder mit Förderbedarf und Migrationshintergrund. Das bedeutet: Gerade diese Kinder, die in unsere Gesellschaft integriert werden müssten, fallen hinten runter. Das hat man bereits während der Corona-Pandemie bemerkt. Mit dem Lehrermangel potenziert sich das. Da dazu wohl noch Klassen zusammengelegt werden müssen, haben die Lehrer nicht mehr die Ressourcen, sich um die Kinder einzeln zu kümmern.“

Das ist dann nicht nur pädagogisch hochproblematisch, sondern auch eine enorme psychische Belastung für die betroffenen Lehrkräfte, für die genau das zum professionellen Selbstverständnis gehört und eine Herzensangelegenheit ist.

Raus aus der Dauerschleife!

Leibl räumt ein, dass kurzfristig keine Abhilfe zu schaffen ist: „Aktuell kann man nicht viel mehr machen, weil keine Lehrer da sind.“ Sie weist aber darauf hin, dass der BLLV schon seit Jahren nachhaltige Maßnahmen fordert, um genügend Lehrkräfte für gelingende Bildung beschäftigen zu können: „Gleiche Besoldung für alle Schularten, plus bessere Arbeitsbedingungen!“ Aus Sicht des BLLV muss außerdem die Lehrerbildung deutlich flexibler gestaltet werden.

Das alles hilft zwar nicht, den akuten Notstand zu beheben. Allerdings befindet sich die Staatsregierung schon seit Jahren in einer rhetorisch-taktischen Dauerschleife: Wenn der Lehrermangel akut wird, wird mit schmerzhaften Notmaßnahmen reagiert. Dabei bleibt es dann aber leider auch, anstatt zugleich die genannten notwendigen systemischen Langfristmaßnahmen ins Feld zu setzen, die eine Wiederholung dieser Notlage verhindern würden.

Bitte mehr Einsatz fürs „höchste Gut“!

Dafür hat auch der Schulamtsdirektor des Staatlichen Schulamts der Stadt Ingolstadt, Franz Wagner, kein Verständnis: „Bildung, so heißt es immer so schön, ist unser höchstes Gut“, sagt der Beisitzer des BLLV Kreisverbands Ingolstadt dem Donaukurier und stellt klar: „Dafür muss man aber auch etwas tun. Bildung hat also auch seinen entsprechenden Preis.“

Wagner warnt vor Problemen beim Lehrkräfte-Nachwuchs, Konkurrenz ums Personal zwischen den Schularten und dem Verlust von Bildungsqualität, weil immer öfter Menschen ohne pädagogische Qualifikation vor den Klassen stehen. „Mir graut vor den nächsten Jahren“, sagt der Schulamtsdirektor.

Aus Sicht von Karin Leibl ist die Konsequenz klar, wenn nicht endlich langfristig wirksame Maßnahmen ergriffen werden: „Der Mangel ist da und die Eltern, Kinder und Lehrer müssen nun darunter leiden.“

Medienberichte


Im Gespräch mit Radion IN schildert Karin Leibl die derzeitige Situation und zeigt nötige Gegenmaßnahmen auf:

  • Zum Notfallplan des Kultusministeriums:
    "Das Ministerium hat einen Notfallplan herausgegeben, in dem es eben hieß, man kann „weniger wichtige Fächer“ eingeschränkt unterrichten, und man soll Lehrkräfte suchen bei Studierenden, Pensionären oder eben Uni-Absolventen mit gewissen Fächern, die sich dann entweder umqualifizieren lassen zu Lehrern, besonders für Mittelschulen oder berufliche Schulen oder Förderschulen – denn die Förderschulen haben einen ganz großen Lehrermangel – oder eben aushelfen, befristet für ein Jahr."
     
  • Zu den am stärksten Betroffenen:
    "Es gibt Förderunterricht, damit man einzelne Kinder gezielt fördern kann: Kinder, die nicht gut genug Deutsch können, um dann in den anderen Fächern zeigen zu können, was sie draufhaben, oder aber Kinder, die gewisse Lernschwächen haben. Und dann ist klar: Wenn der Schulleiter sieht, mir fehlen drei Lehrkräfte, und da ist eine Lehrkraft mit einem einzelnen Kind beschäftigt, dann schicken wir den halt zurück in die Klasse, denn so kann ich eine ganze Klasse versorgen. Das heißt die Schwächsten, die wir im Schulsystem habenn, leiden als allererstes darunter."
     
  • Zu geeigneten und ungeeigneten Maßnahmen:
    "Zum einen kann man natürlich an der Besoldung ansetzen. Es ist nach wie vor so, dass Lehrer an Grund- und Mittelschulen weniger verdienen als die Lehrer an anderen Schularten. Das Ministerium hat ja auch auf den Lehrermangel reagiert, indem es Beurlaubungsmöglichkeiten um Pensionierungsmöglichkeiten eingeschränkt hat. Aber das bringt nichts. Wenn eine Lehrkraft pensioniert werden muss, weil sie nicht mehr kann, dann hilft es auch nichts, wenn ich sage, das geht nicht, weil wer nicht mehr arbeiten kann, der kann einfach nicht mehr arbeiten."
     
  • Zur langfristigen Lösung:
    "Langfristig wäre eine Möglichkeit, dass man an der Lehrerbildung arbeitet. Dass man sagt, wir bilden nicht vom ersten Semester an auf eine Schulart oder auf ein Fach  hin aus, sondern man macht ein pädagogisches Grundstudium, vier Semester, sodass ich erst mal alles Handwerkszeug, das ich als Lehrer brauche, habe, und kann mich danach auf eine Schulart sepzialisieren. Weil wenn ich dann, wenn ich fertig bin, als Lehrer und in der Schulart nicht gebraucht werde, dann ist es natürlich wesentlich leichter zu der Schulart, an der Lehrermangel ist, umzuswitchen, als es jetzt der Fall ist."



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