Bild: Sarah Heße, Leiterin der Fachgruppe Sozial- und Erziehungsdienst im BLLV
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Fachkräftemangel in bayerischen KiTas alarmierend

Mit dem „Fachkräfte-Radar für KiTa und Grundschule 2021“ ist eine weitere datenbasierte Betrachtung erschienen, die belegt, dass ein unzureichendes Angebot an pädagogischen Fachkräften in bayerischen KiTas besteht. Dabei gibt es Lösungstrategien.

Als Auslöser für den Fachkräftemangel gilt der seit Jahren sukzessive Ausbau und die Vielzahl an Neueröffnungen der frühkindlichen Bildungseinrichtungen, um den Bedarfen der Familien gerecht zu werden. Die Zahl der Einrichtungen in Bayern hat seit 2011 stetig zugenommen und somit auch die in Kindertageseinrichtungen betreuten Kleinkinder. Im Zuge dessen hat eine enorme quantitative sowie qualitative Entwicklung des frühkindlichen Bildungssystems stattgefunden.

Viele neu eröffnete Kitas, zu wenig neues Fachpersonal = Qualität leidet

Jedoch hat die Attraktivität des Berufs hat in der Vergangenheit gelitten. Dies liegt unter anderen an dem Problem, dass trotz notwendigem Kitaplatzausbau, nach wie vor viele bayerische KiTas ohne qualifiziertes Personal in ausreichender Zahl nicht in der Lage sind ihren Bildungs-, Betreuungs- und Erziehungsauftrag kindgerecht zu erfüllen – vielmehr können sie oftmals nur noch die Betreuung der Kinder gewährleisten (Klusemann/ Rosenkranz/ Schütz 2020).

Der Mangel an Fachkräften beeinträchtigt die Qualität in den Kindertageseinrichtungen. 65% aller Kinder in Kindertageseinrichtungen in Bayern werden mit einem nicht kindgerechten Personalschlüssel betreut. Vielfach entspricht die Personalausstattung im pädagogischen Alltag, laut Analyse, nicht den Anforderungen an professionelle Rahmenbedingungen und erst recht nicht den wissenschaftlichen Empfehlungen für eine kindgerechte Qualität.

Für eine kindgerechte Personalausstattung bei gleichzeitiger Erweiterung des Platzangebotes entsteht laut der Prognose der Bertelsmann Stiftung bis zum Jahr 2030 eine deutliche GAP (Arbeitskräfte-Angebot minus Arbeitskräfte-Bedarf), eine sogenannte Lücke, in Bayern.

Dazu hat die Bertelsmann Stiftung in ihrem Fachkräfte-Radar (2021) sieben unterschiedliche Szenarien entwickelt. Diese Szenarien bieten Orientierungswerte für mögliche Entwicklungen, die in mehrfacher Hinsicht Handlungsbedarfe aufzeigen.

Fachkräftemangel durch Corona-Pandemie verschlimmert

Die Ergebnisse der Analyse überraschen nicht, denn eine absehbare Verbesserung der angespannten Personallage in den Kitas ist nicht in Sicht. Der Fachkräftemangel im Sozial- und Erziehungsdienst ist ein altbekanntes Problem. Allerdings hat sich dieses Phänomen durch die Pandemie nun verstärkt.

In den letzten eineinhalb Jahren wurde das Berufsfeld immer wieder vor große Herausforderungen gestellt. Die Personalnot nahm zu; unter anderem weil Beschäftigte selbst oder Angehörige zu Risikogruppen gehören, andere Beschäftigte wurden wegen einer Schwangerschaft freigestellt oder sind gar selbst erkrankt.

Wegen Personalnot mussten teilweise erstmals sogar Gruppen geschlossen werden oder in Einzelfällen die Zusage für den Kita-Platz zurückgezogen werden.

Wie die Zukunftsperspektive für die Personalausstattung in bayerischen Kitas zeigt, muss es das Ziel sein, die Bildungsqualität und Bildungsgerechtigkeit für alle Kinder zu gewährleisten. Noch mehr: Nicht nur die Qualität zu halten, sondern wünschenswerterweise zu steigern!

Das Phänomen des Fachkräftemangels ist so alt, dass auch die Forderungen bereits allgemein bekannt sind: Die Verbesserung der Rahmenbedingungen sowie die gesellschaftliche Aufwertung des Berufsbildes. Dies ist zu erreichen, indem die Bezahlung erhöht wird und die Maßnahmen zur Gewinnung, Qualifizierung und Bindung von pädagogischen Fach- und Ergänzungskräften in den Blick genommen und intensiviert werden.

Seit langem wird die Verbesserung der Rahmenbedingungen für pädagogische Berufe gefordert. Vielfältige Lösungsstrategien werden u.a. im Fachkräfteradar aufgezeigt:

Ausbildungskapazitäten aufstocken: Dazu müssen genügend Berufsschullehrerinen und -lehrer vorhanden sein. Die Ausbildungsbedingungen sind derzeit nicht attraktiv genug, um ausreichend Nachwuchskräfte zu gewinnen. Die Staatsregierung hat für das kommende Schuljahr 2021/22 eine reformierte Erzieherausbildung beschlossen, die den Forderungen nach Verkürzung und Vergütung nachkommt. Die Umsetzung der neuen Ausbildung sowie die Erfolge sind abzuwarten und zeitnah zu evaluieren.

Mindeststandards für eine bessere Fachkraft-Kind-Relation: Mit Blick auf die Personalausstattung in den KiTas besteht erheblicher Handlungsbedarf. Die hohe Arbeitsbelastung für Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen und Krippen ist durch bessere, gesetzlich verankerte Personalschlüssel zu reduzieren.

Leitungszeit festlegen: Die Kitaleitung spielt eine entscheidende Rolle beim Erhalt und der Weiterentwicklung der Qualität in den Einrichtungen. Deshalb müssen Kitas mit ausreichenden Leitungsressourcen ausgestattet werden. Diese sind einheitlich festzulegen, da in jeder KiTa – unabhängig von der Größe – Führungs- und Leitungsaufgaben erledigt werden müssen und eine wichtige Schlüsselfunktion inne haben.

Bindung von bereits im Berufsfeld tätigen Personals: attraktive, professionelle sowie gesundheitsförderliche Arbeitsbedingungen garantieren, um Fluktuation im Berufsfeld zu minimieren. Die Anforderungen wachsen stetig und die Arbeitsbelastung in diesen Berufsfeldern steigt. Viele Fachkräfte kehren aufgrund der hohen psychischen wie physischen Belastung ihrem Beruf frühzeitig den Rücken. Die hohen emotionalen und körperlichen Belastungen, die fehlende Perspektive auf persönliche Weiterentwicklung, die mangelnde Zeit für die Kinder haben Überlastung zur Folge. Eine persönliche Bindung zum Beruf der Pädagogik und ein hohes Maß an Engagement halten viele Fachkräfte noch in einer Teilzeitstelle, anstatt den Beruf ganz aufzugeben.

Nicht im Fachkräfteradar beschrieben, aber für eine gute Qualität im KiTa-Alltag dringend notwendig:

Verfügungszeiten einführen: Fachkräfte benötigen ausreichend Zeit für Teamsitzungen und Elterngespräche, Vor- und Nachbereitung der täglichen Arbeit mit den Kindern, für ihre Dokumentationspflichten und für notwendige Fort- und Weiterbildungen. Feste Verfügungszeiten wären für sie eine enorme Entlastung in der alltäglichen Arbeit. Aus diesem Grund muss es Ziel sein, einen festen Anteil der täglichen Arbeitszeit für die mittelbaren pädagogischen Tätigkeiten im BayKiBiG zu verankern.

Auch schon an anderen Stellen wurden u.a. von diversen Verbänden und Gewerkschaften folgende Maßnahmen erwähnt und sind unabdingbar:

  • Quereinsteiger qualifizieren: Weiterbildungskonzepte entwickeln
  • Männliche Erzieher und Kinderpfleger gewinnen
  • Studienplätze für Kindheitspädagogik und Soziale Arbeit ausbauen

Letztlich muss langfristig eine ausreichende Anzahl an Fachkräften gewonnen werden, damit Kitas mit einer kindgerechten Personalausstattung arbeiten können. Land, Kommunen und Träger wird die Bildung einer Offensive empfohlen, mit dem Ziel, eine langfristige Handlungsstrategie oder vorerst einen Stufenplan für die Gewinnung und Qualifizierung der Fachkräfte zu entwickeln und umzusetzen. So könnte dem Risiko einer De-Professionalisierung durch den derzeitigen und prognostizierten Fachkräftemangel wirksam begegnet werden.

Der absehbare Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung wird den Mangel an Fachpersonal verschlimmern

Nicht zuletzt ist zu beachten: In den kommenden Jahren wird der Fachkräftebedarf auch aus dem Grund deutlich steigen, wenn der absehbare Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in Bayern kommt.

Alles in allem müssen alle Akteure des zuständigen Ministeriums, von der kommunalen Ebene und den Trägern der KiTas, aber auch den Ausbildungsakademien, gemeinsam und langfristig an dieser Herausforderung arbeiten. Nur dann kann es gelingen, genügend Plätze und eine kindgerechte Qualität für jedes Kind in Bayern zu ermöglichen.

<< Sarah Heße, Leiterin der Fachgruppe Sozial- und Erziehungsdienst im BLLV

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