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Berufsbild Lehrer: Kernauftrag von Schule klären und Rahmenbedingungen schaffen!

Was soll Schule leisten? Das ist für BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann im Gespräch auf ARD-Alpha die Kernfrage, aus der sich ein zeitgemäßes Verständnis des Lehrberufs ableitet sowie Rahmenbedingungen für das Gelingen ganzheitlicher Bildung.

Was macht eine gute Lehrperson aus, was brauchen Kinder und Jugendliche heute, wie gelingt Bildung angesichts neuer Herausforderungen in Schulen?

Diese Fragen erörtert Moderatorin Vera Cornette anlässlich der ARD-Themenwoche „Zukunft Bildung“ gestern auf ARD-alpha im Thema-Gespräch „Lehrer sein – Beruf oder Berufung?“ mit BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann und Prof. Dr. Klaus Zierer, Ordinarius für Schulpädagogik an der Uni Augsburg.

Für Fleischmann ist dabei vor allem eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern entscheidend, weil sie die Voraussetzung für das Gelingen ganzheitlicher Bildung ist, die sich der BLLV zum Ziel gesetzt hat: „Kinder brauchen heute einen ganzen Menschen, von der Haarspitze bis zum kleinen Zeh“, stellt Simone Fleischmann klar. „Er muss mit Herz, Kopf und Hand bei der Sache sein, die Kinder annehmen, wie sie sind, er muss ein gebildeter Mensch sein und ganz viel Herz und das Herz am rechten Fleck haben. Denn Kinder lernen dann ganz stark, wenn sie den Lehrer mögen und wenn sie sagen: Das ist ein fairer Lehrer, der uns mag und ernst nimmt und mit uns in eine echte Beziehung geht.“

Eine Institution für alles?

Mit Prof. Dr. Zierer ist sie sich einig, dass sich die Erwartungen der Gesellschaft an Schule enorm verändert haben, auch weil sich Aufgaben wie die Vermittlung von Werteorientierung, Leitideen und Identität, die früher in Familien wahrgenommen wurden, verlagert hätten, wie Zierer feststellt.

„Immer wenn’s irgendwo brennt, draußen in der Gesellschaft, dann sollen’s die da drinnen in den Schulen richten“, fasst Fleischmann die Erwartungen zusammen, die an Lehrerinnen und Lehrer gestellt werden. „Wenn wir merken, der Populismus nimmt zu, die Demokratie kippt, die Kinder werden zu dick, es passieren viele Fahrradunfälle, dann soll es die Schule sein, die diese ganze Spanne an Aufgaben richtet“, stellt die BLLV-Präsidentin fest.


Einigkeit zum Kernauftrag herstellen


Der Wille dazu sei selbstverständlich vorhanden, die Rahmenbedingungen aber nicht, so Fleischmann: „Wir Lehrerinnen und Lehrer wollen Demokraten erziehen. Wir wollen medienkritische Persönlichkeiten bilden. Wir wollen mit den Kindern in eine Werteerziehung gehen. Aber dann haben wir da noch den kompletten Lehrplan. Denn wir können nicht immer mehr hineingeben in der gleichen Zeit. Wir müssen uns also überlegen, wo wir hinwollen.“

Die BLLV-Präsidentin fordert hier einen breiten Konsens und dann entsprechendes politisches Handeln, damit Bildung gelingen kann: „Wir müssen beantworten: Was soll Schule eigentlich leisten? Ich erlebe selbst viele Diskussionen darüber, unter Kollegen, privat und bei uns im Verband: Was ist der Kernauftrag von Schule? Dazu müssen wir einen Common Sense herstellen zwischen denjenigen, die das leisten, den Lehrerinnen und Lehrern, der Gesellschaft, den Politikern – und vor allem mit der Staatsregierung: Denn die muss dann Schule entsprechend ausstatten!“

Freiräume für neue Aufgaben schaffen

Prof. Dr. Zierer bemängelt dazu bildungspolitischen Reformstau. Die Debatte, warum was überhaupt gelernt werden soll, sei zu lange nicht geführt worden. Statt auf der Frage, was Bildung ausmache, habe der Fokus zu sehr auf der Leistung von Schülern gelegen. Er fordert: „Wir sollten Lehrpläne entrümpeln, Freiräume schaffen für Bildungsprozesse, die vielleicht viel tiefer gehen als das die reine Fachlichkeit ermöglicht. Wir müssen ausgetretene Pfade verlassen und neue, zeitgemäßere Wege gehen.“ Er stimmt mit Simone Fleischmann überein, dass Bildung Freiräume braucht und warnt ebenfalls davor, Schulen mit immer neuen Erwartungen zu überfordern. Wie vielfältig diese sind, beschreibt die BLLV-Präsidentin aus praktischer Erfahrung:

„Wir müssen lernen, mit Kindern mit Migrationshintergrund im Schulleben umzugehen, ihnen im Unterricht Deutsch beizubringen. Wir müssen lernen, mit Inklusionskindern umzugehen – ein autistisches Kind in der Klasse ist definitiv eine Herausforderung, mit der du umgehen können musst. Wir haben die Digitalisierung als Herausforderung, mit der umzugehen wir lernen müssen. Ganz zentral dabei ist: Jedes Medium, das wir im Unterricht verwenden – ob es das Buch ist, die Tafel, der eigene Körper, die Lehrererzählung, das Arbeitsblatt oder das iPad oder eine Lernplattform – muss immer zum Ziel haben, dass das Kind dadurch motivierter lernt und besser lernt. Dazu kommen nun neu die Ganztagsschule und die individuelle Förderung, die mir besonders am Herzen liegt: Wir müssen lernen, wie wir mit jedem Kind einzeln mit seinen Stärken und Schwächen gut ins Lernen kommen. Das nennen wir die ‘Big Five‘, fünf Herausforderungen, die uns einiges abverlangen – die wir aber im Studium nicht alle gelernt haben.“


Zeitgemäße Lehrerbildung als erster Schritt


Daher muss sich auch die Lehrerbildung grundlegend ändern, sind sich Fleischmann und der Schulpädagogik-Experte einig. Fleischmann verweist dazu auf das BLLV-Modell der flexiblen Lehrerbildung: „Schon in der ersten Phase an den Universitäten muss die Lehrerbildung anders aufgebaut und stark modular sein. Integration, Inklusion und Digitalisierung – das muss sich in der ersten Phase abbilden, damit wir dafür gut vorbereitet sind.“

Hier sieht auch Zierer die Politik in der Pflicht: Er warnt davor, das bayerische Schulsystem als gutes zu loben, das keine Veränderung braucht, und so belassen werden kann. Lehrerbildung müsse evidenzbasiert verändert werden. Zierer plädiert dafür, in der Lehrerbildung schon in der ersten Phase auch viel in die Reflexion der eigenen Profession und Persönlichkeit zu gehen – ähnlich wie der BLLV in seinem Modell der flexiblen Lehrerbildung einen Schwerpunkt auf Persönlichkeitsentwicklung setzt.

Reflexion und Supervision

Aber auch im weiteren Verlauf der Lehrtätigkeit muss aus Sicht von Zierer und Fleischmann mehr Raum für Entwicklung geschaffen werden. Für Zierer braucht es eine fortlaufende Reflexion des eigenen Professionsverständnisses. Lehrkräfte müssten sich stets erneut klar machen, wie sie ihren Bildungsauftrag wahrnehmen und ihn zeitgemäß umsetzen.

„Die heutigen Kinder sind ein Spiegel einer veränderten Gesellschaft und das müssen wir annehmen“, ergänzt Simone Fleischmann. „Denn die heutige Welt ist in der Schule wie in einem Brennglas konzentriert und wir stellen uns auf die Kinder von heute ein – denn sie sind herzerwärmend, herausfordernd und sie sind etwas Besonderes!“ In den Schulen könne das beispielsweise sehr gut durch kollegiale Supervision geschehen – wenn dafür Freiräume geschaffen werden, betont Fleischmann: „Der BLLV fordert seit Langem Supervision als verpflichtenden Baustein in der Arbeitszeit: Ich reflektiere mit Kolleginnen und Kollegen über Schülerinnen und Schüler in meiner Klasse, in meinem Unterricht, und werde sensibel dafür, wie wir vorgehen, wie wir Bildung machen, wie wir Kinder erziehen, was an unserer Schule gefragt ist. Wir bilden uns und reflektieren, was wir tun.“


Ein Lehrer pro Klasse = Ungenügend!


Aktuell sei das in der Praxis aber an vielen Schulen angesichts personeller Engpässe schlicht nicht möglich: „Wenn man in der Ganztagsschule von halb acht bis halb fünf im Unterricht ist, wenn Lehrerinnen und Lehrer oft Teilzeit nehmen, um die Herausforderungen überhaupt schaffen zu können, dann zeigt das, dass es an Grenzen geht“, stellt die BLLV-Präsidentin klar und weist erneut auf die brisante aktuelle Lage hin: „Diese Grenzen erleben wir in Bayern gerade sehr scharf, weil wir Lehrermangel haben an den Grund-, Mittel- und Förderschulen und zu wenig Nachwuchs. Das bringt uns an die Grenze der Belastbarkeit, auch der psychischen. Im schlimmsten Fall verlierst du die Lust und das darf nie passieren! Die Kinder sind das Wichtigste, was wir haben. Unser Beruf ist wunderbar! Aber du musst ihn auch erfüllt leben können. Deswegen: Es braucht Zeit für Supervisionsprozesse, es braucht Zeit, um im Team zu reflektieren.“

Aus Sicht des BLLV braucht es daher ein grundlegendes Umdenken in Sachen Unterrichtsversorgung, stellt Präsidentin Simone Fleischmann mit Blick auf das Mantra der Staatsregierung klar, dass doch glücklicherweise vor jeder Klasse ein Lehrer stünde: „Der BLLV fordert ganz eindeutig: Wir müssen endlich aufhören mit diesem Denken ‚Ein Lehrer in einer Klasse reißt alles, ein Lehrer in einer Klasse wird allen Kindern gerecht, ein Lehrer in einer Klasse bildet alle Kinder umfassend.‘ Das kann ein Mensch angesichts der großen Herausforderungen heute nicht mehr leisten.“

Neue Aufgaben multiprofessionell meistern

Die Lösung ist für Fleischmann mit Blick auf erziehungswissenschaftliche Erkenntnisse klar: „Wir wollen in Richtung zwei Lehrer pro Klasse, Differenzierung und Förderung, Kleingruppen für bestimmte Herausforderungen und Multiprofessionalität in den Schulen: die Schulkrankenschwester, den Therapeuten, den Schulsozialarbeiter, den Jugendsozialarbeiter, den Schulpsychologen – es gibt so viele zusätzliche Herausforderungen bei den Kindern, die durch zusätzliches Personal abgebildet werden müssen.“

Prof. Dr. Zierer betont dabei, dass der Erfolg von Ansätzen wie Supervision und Multiprofessionalität von der Abstimmung zwischen den Beteiligten lebt und dafür Freiräume geschaffen werden sollten, beispielsweise über die Reduktion von Stundenanzahlen – diese Zeit solle genutzt werden, um über Bildung ins Gespräch zu kommen und ein gemeinsames Verständnis zu finden.


Zeit für Menschen als Berufung


Einen Paradigmenwechsel vom Einzelkämpfer zum Teamplayer sieht Simone Fleischmann bereits im Gange: „Wir müssen weg von dem Bild der Lehrkraft, die alles kann, alles weiß, nie Probleme mit Kindern oder Eltern hat. Wir müssen lernen abzugeben und zu sagen: ‘Nein, ich kann das nicht, komme mit ihm nicht zurecht. Hilf du mir als Therapeut, hilf du mir als Sozialpädagoge, kannst du als Schulpsychologe mal in die Analyse gehen und das Kind diagnostizieren? Kannst du als Beratungslehrer mit den Eltern in Kontakt treten?‘ Sich für Team Play zu öffnen ist eine Frage der Haltung und des Trainings. Ich bin da optimistisch, weil die Kolleginnen und Kollegen den Bedarf haben.“

Mit Blick auf den Titel der Sendung beschreibt Simone Fleischmann das „Lehrer sein“ definitiv als Berufung für Menschen, die sich für einen beziehungsbasierten, zugewandten Umgang mit Kindern und Jugendlichen begeistern können: „Ich muss die Überzeugung haben, dass ich mit Menschen arbeiten will und nicht nur referieren und Wissen vermitteln – ich muss vor allem Spaß daran haben, mit jungen Menschen in Kontakt zu treten, ich muss Vorbild sein wollen. Und ich muss erkennen, was es für ein wunderbarer Beruf ist mit großem Wert für die Gesellschaft.  Wenn ich das in mir spüre, dann ist es ein Stück Berufung!“

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