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Multiprofessionelle Teams: „Du musst das nicht alles selbst können“

Im Gespräch über Mediation und Multiprofessionalität mit Focus Online plädiert BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann für eine offene, kooperative Schulkultur im Sinne individueller Lern- und Lebenshäuser mit Unterstützung durch externe Profis.

Unter der Rubrik „Bildungsreport“ sucht Focus Online das Gespräch mit Menschen, „die unsere Kitas, Schulen und Universitäten besser machen.“ Im Interview mit BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann stand die Frage im Mittelpunkt, „Warum Schulen und Schüler so überfordert sind – und was helfen kann“.

Für die BLLV-Präsidentin ist die Hilfe multiprofessioneller Experten an Schulen unerlässlich, und eine gute Kooperation entscheidend: „Absoluter Gelingensfaktor ist die Professionalität und Kompetenz der externen Partner“, sagt Simone Fleischmann. „Außerdem muss es ein gemeinsames Konzept geben: Schule, Nachmittagsbetreuung, Schulpsychologien und Mediatoren müssen an einem Strang ziehen. Auf Seiten der Lehrer braucht es die Offenheit, Hilfe annehmen zu wollen.“

Das kann kein Mensch alleine schaffen

Die Zusammenarbeit mit Mediatoren habe hier Signalwirkung, meint Fleischmann: „Eltern und Lehrern wird damit vermittelt: Du musst das nicht alles selbst können. Du darfst um Hilfe fragen, wir lassen Dich nicht allein. Wir merken, dass Lehrer an Schulen, in denen Mediatoren unterwegs sind, anders, lösungsorientierter, über problematische Kinder nachdenken, diese Kinder nicht mehr nur als Störfaktor begreifen, sondern als lösbare Herausforderung. Zu oft ersticken wir Lehrer im eigenen Sumpf – und da können externe Partner eine große Hilfe sein.“

Das gelte insbesondere angesichts immer neuer Herausforderungen, die an Schule herangetragen werden, stellt Fleischmann klar: „Wirtschaftskompetenz, Alltagskompetenz, Mediennutzungskompetenz, Demokratieverständnis, politische Bildung, Verkehrserziehung, psychische Stabilität, Gesellschaftskompetenzen, Umwelterziehung, Klimaschutz: Da sind sehr viele Themen dazugekommen, die in der Schule stattfinden sollen, aber eigentlich in keinem Lehrplan richtig verortet sind, sondern Querschnittsaufgaben sind. Das alles zeigt, dass Politik und Gesellschaft, aber auch die Eltern, Dinge von der Schule erwarten, die die Lehrer in der aktuellen Schulform allein zeitlich nicht mehr stemmen können.“

Für mehr Bildungsgerechtigkeit

Aber auch in sozialer Hinsicht seien Lehrerinnen und Lehrer heute stärker gefordert: „Wenn Kinder spüren, dass zuhause ein Ansprechpartner für psychische Probleme fehlt, suchen sie diesen in ihrem Lehrer“, berichtet die ehemalige Schulleiterin aus eigener Erfahrung. „Wenn zuhause nicht genug Zeit zum Üben und Vertiefen der Lerninhalte ist, brauchen sie mehr Übungszeit in der Schule – die Kinder suchen stärker als früher in der Schule nach moralischer Orientierung“, sagt Simone Fleischmann.

Das gelte besonders in Bayern vor allem für Kinder aus materiell benachteiligten Familien: „Nirgends in Deutschland ist der Zusammenhang zwischen der wirtschaftlichen Situation des Elternhauses und dem schulischen Erfolg der Kinder so ausgeprägt wie in Bayern“, kritisiert die BLLV-Präsidentin. „Gut situierte Familien fördern ihre Kinder selbstständig mit Nachhilfe, Betreuungseinrichtungen oder auch Beratungsstellen; schlechter gestellte Eltern haben diesen Luxus aber nicht. Schulen in Norddeutschland verstehen sich eher als Lern- und Lebenshäuser, in denen die ganze Bandbreite des Kinderlebens stattfindet – mit allen positiven und negativen Erfahrungen, die da dazu gehören.“

Zusätzlich verschärft werde dies durch den enormen Leistungsdruck wegen des Übertrittsverfahrens an bayerischen Grundschulen: „Aktuell wird die Vielfalt der Gesellschaft in den Schulen nach der vierten Klasse nicht mehr gelebt“, analysiert Simone Fleischmann. „Wir sortieren die Kinder faktisch nicht nach ihren Fähigkeiten, sondern nach ihrem Elternhaus – und damit zementieren wir die gesellschaftliche Schere.“

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