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„Die Politik hat die Ausstattung der Mittelschule verpennt“

Die Lehrerbedarfsprognose ist besonders für Mittelschulen düster. Aktuell reagiert das Kultusministerium mit schmerzhaften Notmaßnahmen. Diese sind unverantwortlich und gehen zu Lasten der Kinder und Jugendlichen, stellt BLLV-Präsidentin Fleischmann klar.

03.08.2022 Von: Boris Sunjic, Leitung Online-Redaktion des BLLV

Bis zu 5.000 Lehrkräfte fehlen an bayerischen Mittelschulen bis 2032 gemäß der neuen Prognose des Kultusministeriums. Der allgegenwärtige Lehrermangel trifft die Mittelschulen besonders hart – auch, weil die Aufhebung des Numerus Clausus fürs Grundschullehramt eine Sogwirkung entfaltet hat, die die Lage weiter verschlimmert hat. „Die Mittelschule strauchelt“, analysiert die Website Bildung.Table daher.

Kultusminister Piazolo reagiert auf den akuten Notstand mit Streichungen, Einschränkungen und unterm Streich einem aufs Minimale reduzierte Bildungsangebot, das der BLLV deutlich kritisiert. Piazolo erklärt, für die Situation seien nicht planbare Einflüsse wie die Ukraine-Krise und der Ausfall schwangerer Lehrkräfte „hauptverantwortlich“, obwohl der Lehrermangel ein seit Langem bekanntes systemisches Problem ist, das sich durch die angeführten Gründe zwar verschlimmert hat, es aber nicht ursächlich ausgelöst hat.

Lob ist gut, gute Ausstattung wäre noch wichtiger

Im Fall der Mittelschule kommt ein Problem in der öffentlichen Wahrnehmung hinzu: „Niemand will noch Mittelschullehrer werden, selbst die Kinder wollen nicht mehr dorthin", sagt BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann im Gespräch mit Bildung.Table. Zwar werde diese Schulart in politischen Sonntagsreden für ihre besondere Ausrichtung und Bedeutung im Kampf gegen den Fachkräftemangel mit Lob überhäuft – aber eben nicht auch mit dem nötigen Geld bedacht: „Die Politik hat stetig vorgetragen, die Mittelschule sei eine tragende Säule des bayerischen Schulsystems, hat aber die Ausstattung verpennt“, konstatiert Simone Fleischmann.

Dazu kommt die unfaire Bezahlung, die potenzielle Studierende davon abhält, sich ausgerechnet für die Schulart zu entscheiden, die eine Stufe niedriger besoldet wird als Realschule und Gymnasium – obwohl die pädagogischen, psychosozialen und psychologischen Anforderungen an die Lehrtätigkeit in Mittelschulen besonders hoch sind. Weil für diese Anforderungen die von allen Experten immer wieder geforderte multiprofessionelle Unterstützung fehlt, ist zudem die persönliche Belastung der Lehrkräfte enorm.

Aussitzen auf Kosten derer, die eigentlich besonderen Bedarf haben

Aus Sicht des BLLV braucht es insgesamt attraktivere Arbeitsbedingungen und eine faire Besoldung mit A13 für alle. Außerdem eine flexible Lehrerbildung, damit statt Konkurrenzkampf um Lehrkräfte zwischen den Schularten eben Flexibilität und Durchlässigkeit gelebt werden können. „Die Systemfrage wurde jahrelang umschifft“, stellt Simone Fleischmann klar. Was die Mittelschulen angeht, leiden darunter vor allem die Kinder und Jugendliche, die ohnehin wenig öffentliche Unterstützung finden.