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Ganztagsanspruch: Mehr Bildung mit mehr Lehrkräften statt bloße Betreuung

Laut aktueller Studie kann ein Viertel deutscher Schulen den Ganztagsanspruch nächstes Schuljahr gar nicht bedienen. BLLV-Präsidentin Fleischmann warnt, dass Minimallösungen enorme Bildungschancen verschenken und fordert, den Lehrberuf attraktiver zu machen.

Es fehlt an Räumen und es fehlt an Personal: Eine Forsa-Umfrage zeigt, dass ein Viertel der Grundschulen in Deutschland den ab nächstem Schuljahr für die ersten Klassen geltenden Ganztagsanspruch nicht vollumfänglich anbieten kann. Das heißt, dass viele Schulen bei der Umsetzung des Ganztags, wenn überhaupt, nur eine Minimallösung anstreben können – also eben nicht den für Bildungserfolge der Kinder so wertvollen gebundenen Ganztag, sondern eine Lösung, die rein auf Betreuung, Kritiker sagen „Verwahrung“, ausgerichtet ist.

„Der gebundene Ganztag mit 19 zusätzlichen Lehrerstunden und viel Geld drin war ein lukratives Bildungsmodell, das leider kaputtgespart worden ist“, kritisiert BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann im Gespräch mit dem Bayerischen Rundfunk. „Dabei wäre der gebundene Ganztag das Modell der Wahl: Ich habe das als Schulleiterin eingeführt, das war ein wunderbares Arbeiten mit den Kindern.“

Zwischen starker individueller Förderung und Mittagsbetreuung 

Das bestätigt auch Dr. Michael Hoderlein-Rein, Leiter der Grundschule Berg am Laim in München und 3. Vorsitzender des MLLV gegenüber Bayern 2: „Wir können zusätzlich zum klassischen Unterricht Förderkurse für Deutsch oder Mathematik anbieten, aber eben auch kulturelle Angebote, Kunsterziehung, Sport, Fußball, Basketball, Theater. Wir haben einen Schulchor und ein Orchester. Der Vorteil von Ganztagsschule generell liegt darin, dass wir die Kinder viel besser fördern können, dem Bildungsauftrag der Grundschule viel besser gerecht werden können und so die Gesellschaft von morgen mitprägen können.“

Leider wird aber die Realität im nächsten Schuljahr oft ganz anders aussehen, auch weil sich Landesregierungen und Kommunen gegenseitig die Verantwortung zuschieben. Laut BR-Recherche geht das Institut der Deutschen Wirtschaft von 100.000 komplett fehlenden Ganztagsplätzen aus. Wo der Anspruch irgendwie umgesetzt werden kann, bleibt vielen Schulen in ihrer Raum- und Finanzierungsnot nur die Option, Minimallösungen wie eine Mittagsbetreuung anzubieten. „Das ist oft zu wenig“, kritisiert Simone Fleischmann bei BR24. Für Kinder mit dringendem Förderbedarf reiche ein Platz zum Essen und Spielen nicht, sie brauchen konkrete Hilfestellung und Bildungsangebote.

Es geht auch um Bildungsgerechtigkeit

Zumindest aus der Verantwortung für die Minimallösung darf sich aber der Freistaat nicht herausstehlen, stellt die BLLV-Präsidentin klar: „Es gilt der Rechtsanspruch. Wenn ich möchte, dass mein ganztägig betreut wird – ich möchte gerne sagen ‘gebildet‘ wird! – dann muss ich diesen Anspruch anmelden und den muss ich vom Freistaat Bayern erfüllt bekommen!“

Das Ziel sollte aus Sicht des BLLV aber ohnehin ein höheres sein. Echte Ganztagsbildung bietet enorme Chancen, weil durch diese Rhythmisierung des Lernens gute individuelle Förderung möglich wird und es deutlich besser gelingt, allen Schüler:innen faire Chancen zu bieten und damit echte Bildungsungerechtigkeit zu schaffen. Der gebundene Ganztag fördert das soziale Miteinander, schafft Raum auf die Bedürfnisse jedes einzelnen Kinder besser einzugehen, und beispielsweise auch psychologische Unterstützung anzubieten.

Guter Ganztag braucht mehr Lehrkräfte

Dafür braucht es aber auch mehr gut ausgebildetes Personal. Das bekommt man aber nicht, wenn man die Arbeitsbedingungen erschwert und populistische Debatten über Teilzeit, Beamtenstatus oder Krankschreibungen führt, während Lehrerinnen und Lehrer mit großem Idealismus und enormem persönlichen Einsatz trotz Personalmangels irgendwie den Schulbetrieb am Laufen halten. 

„Wir brauchen beste Lehrerinnen und Lehrer, der Beruf muss attraktiv werden, auch der Beruf der Ganztagslehrerin muss attraktiv werden“, fordert BLLV-Präsidentin Fleischmann daher im Gespräch mit BR24. „Deswegen dürfen sich die Arbeitsbedingungen für Lehrer nicht verschlechtern, sondern sie müssen sich verbessern – damit mehr junge Menschen Lust haben, Lehrerin zu werden!“

>> zum Beitrag bei BR24: „Ganztag an Grundschulen: Rechtsanspruch, aber zu wenig Plätze“