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Werte und Haltungen lassen sich nicht verordnen Startseite Topmeldung
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Hymnenpflicht: „Leben wir das, was wir singen?“

MP Söder will die Hymnenpflicht rasch umsetzen, ohne Diskussionen. BLLV-Präsidentin Fleischmann sieht die Werte, um die es in den Hymnen geht, auch als zentralen Bildungsauftrag. Wie diese vermittelt werden, wissen Lehrkräfte aber auch ohne starre Vorschriften.

Söder ordnet an, Stolz setzt auf Dialog.

Dieses Muster der bayerischen Bildungspolitik wiederholt sich gerade auffällig bei der Debatte um die von der CSU initiierte Hymnenpflicht. Der Ministerpräsident will, dass bei Schulabschlüssen Bayern-, Europa- und Nationalhymne gespielt und gesungen werden. Das klappe ja auch im Fußballstadion und sei super fürs „Teambuilding“.

Eine Diskussion darüber brauche es nicht, lieber einfach gleich singen, regt der Ministerpräsident an und CSU-Fraktionschef Holetschek stellt sogleich eine „rasche unbürokratische Umsetzung“ in Aussicht: Das Kultusministerium könne das auch durch ein offizielles Schreiben bewirken, ohne dass gleich Gesetze geändert werden müssten.

Vielleicht doch einmal kurz nachdenken?

Die zuständige Ministerin tritt indes auf die Bremse: „Die Umsetzung möchte ich gerne mit der Schulfamilie diskutieren, um die besten Ideen zu finden“, kündigt sie im Gespräch Medienvertretern an.

BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann sagt dazu gegenüber Medien wie der Süddeutschen Zeitung, ZEIT und Stern: „Alles ist gut, was zur politischen Bildung, zur Identifikation der Schülerinnen und Schüler mit ihrem Heimatland, mit Bayern, Deutschland und Europa beiträgt“. Werte wie Einigkeit, Recht und Freiheit seien natürlich essenziell. Der Bildungsauftrag dazu sei aber nicht mit brav gemäß Anordnung von oben Runtersingen erledigt, es gehe um die Frage: „Was singen wir – und LEBEN wir das, was wir singen?“, stellt Fleischmann klar.

BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann im Gespräch mit TV München


Ein Liedtext allein schafft keine Realitäten

Denn Gemeinschaftsgefühl entsteht nicht durch Zwang, sondern durch Auseinandersetzung mit Inhalten und gelebte Erfahrung, betont die BLLV-Präsidentin im Gespräch mit dem Bildungsportal news4teachers:  „Um das zu erreichen, braucht es viel mehr als das Singen einer Hymne!“

Denn Identifikation und Wir-Gefühl lassen sich eben nicht vorschreiben, sondern müssen erlebt und gelebt werden, wie die BLLV-Präsidentin in der Debatte bereits zuvor betont hatte: „Es geht darum: Welche Ideale stecken dahinter? Einigkeit, Freiheit – erlebe ich das auch wirklich? Denn was sind das für große Begriffe, wenn du diese als Mensch, der hier in Bayern lebt, als Jugendlicher und als Kind, eben gerade NICHT erlebst – sondern stattdessen Rassismus und Ausgrenzung? Dann müssen wir alle genau darüber reden. Singen kann man den Text natürlich – aber verstehen muss man ihn eben auch. Dann die Haltung dahinter auch wirklich zu leben, das ist nochmal ein Riesenschritt!“

Auch der Ministerin geht es mehr um Werte als Vorschriften

Das sieht die Kultusministerin ganz ähnlich: „Gerade für unsere jungen Leute ist es wichtig, dass sie sich mit den Werten unserer Gesellschaft verbunden fühlen und Zusammenhalt erleben – letztendlich ist es aber nicht entscheidend, dass die Hymnen zu bestimmten Anlässen immer verpflichtend gesungen werden, sondern dass die jungen Leute die Werte, um die es geht, verstehen und verinnerlichen“, betont auch Anna Stolz.

In den Dialog um eine sinnvolle Umsetzung will die Ministerin binnen einiger Wochen einsteigen. Sie bringt auch eine Integration in die Verfassungsviertelstunde oder Wettbewerbe zur besten musikalischen Umsetzung der Hymnen ins Spiel.

Die Würde des Menschen ist ein täglicher Auftrag

Der BLLV hat indes vielfach klargestellt, dass Wertebildung, Demokratiefähigkeit und politische Bildung keine abstrakten Lehrinhalte sind, sondern fester Bestandteil des täglichen Erlebens von Schülerinnen und Schülern sein müssen. Nur wenn sie selbst Verantwortung für ihre Gemeinschaft übernehmen können und reflektiert Regeln mitgestalten und konstruktiv umsetzen, können sie die Haltungen erwerben, die es für eine werteorientierte Gesellschaft braucht.

Das Ziel muss also ein partizipativer Schulalltag nach demokratischen Grundsätzen sein, wie die BLLV-Präsidentin betont: „Schulen brauchen vor allem Freiräume und Zeit für politische Bildung und demokratische Praxis“, sagt Fleischmann im Gespräch mit news4teachers und fordert: „Es muss uns an den Schulen gelingen, eine wirkliche Haltung der Menschenwürde zu leben, auch des Pluralismus. Dazu braucht es aber mehr als eine Verfassungsviertelstunde oder eine Verordnung, dass bei einer Feier gesungen wird. Es braucht Tiefgang in der politischen Bildung!“

» zum Bericht der Süddeutschen: „Söder will Hymnenpflicht bei Schulabschlüssen rasch umsetzen“

Medienberichte

Süddeutsche Zeitung

Söder will Hymnenpflicht bei Schulabschlüssen rasch umsetzen

Zahlreiche Medien wie die SZ berichten über die Hymnenpflicht und nehmen den Hinweis von BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann auf, dass es an Schulen viel mehr um die darin enthaltenden Werte gehen sollte als ums Singen ... weiterlesen