Alles anders 15.12.2020 StartseiteSchulschließungDistanzunterrichtKrisenkommunikationLeistungsdruckLeistungsrückmeldungBildungsgerechtigkeit

„Wir wissen, was Lernen in Corona-Zeiten bedeutet“

Zur Verwirrung um die Aussagen des Kultusministers zum Distanzlernen stellt BLLV-Präsidentin Fleischmann klar: Das Aussetzen des Präsenzunterrichts braucht vor allem angepasste Erwartungen. Massiven Klärungsbedarf gibt es bei der Leistungsmessung.

„Als studierte Pädagogin stelle ich fest: So viele Begriffe für Unterrichtsformen haben wir im ganzen Studium nicht kennengelernt“, kommentiert BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann im Interview mit Antenne Bayern die Anordnung von Kultusminister Piazolo, nur die Schüler der Abschlussklassen im Distanzunterricht zu versorgen und für alle anderen „Distanzlernen“ anzubieten.

Inhaltlich stellt Fleischmann klar: „Das eine bedeutet, dass die Schülerinnen und Schüler alleine zuhause vertiefen, lernen, üben und arbeiten, das wäre Distanzlernen. Distanzunterricht heißt, dass ich mit dem Lehrer in Verbindung stehe, entweder über eine Lernplattform, eine Videokonferenz oder einen Stream – ich bin also in Kontakt mit dem Lehrer. Beim anderen ist es eigentlich so etwas wie Hausaufgaben.“

Egal wie, das Aussetzen von Präsenzunterricht ist ein massiver Einschnitt

Genau Letzteres hat bei vielen Kolleginnen und Kollegen, die sich intensiv auf Distanzunterricht vorbereitet hatten, für Irritationen und Unmut gesorgt. Verständlicherweise, denn die Organisation von Bildung braucht eben eigentlich mehr Vorlauf als die oft sehr kurzfristigen Entscheidungen in Corona-Zeiten zulassen, die dann auch noch zeitversetzt offiziell kommuniziert werden. Simone Fleischmann betont aber, dass die pädagogische Expertise der Lehrkräfte vor Ort entscheidend ist: „Wir können uns auf die Kompetenz der Kolleginnen und Kollegen verlassen, wir kriegen das gemeinsam hin.“

Wichtig ist für Fleischmann dabei aber eine realistische Erwartungshaltung aller: „Es hilft ja nichts, wenn jetzt alle durchknallen, weil der Minister einen neuen Begriff geprägt hat. Entscheidend ist: Wir wissen, was Lernen in Corona-Zeiten bedeutet: Es wird nie so sein wie Präsenzlernen! Daher sollten unbedingt alle die Erwartungshaltung ein wenig runterfahren, darum geht es vor allem.“

Druck raus? Unbedingt! Aber mit verlässlichen Regelungen!

Von Seiten der Politik sieht die BLLV-Präsidentin zudem dringenden Klärungsbedarf zum Umgang mit Leistung. Bisher gebe es nur wenig konkrete Absichtserklärungen der Staatsregierung, den Druck auf Schülerinnen und Schüler nicht zu groß werden zu lassen. Dazu hatten SchülerInnenvertreter und BLLV auf einer gemeinsamen Pressekonferenz bereits vergangenen Woche aber verlässliche Vorgaben gefordert, damit Lehrkräfte eine juristisch haltbare Handlungsgrundlage bekommen.

„Wir brauchen klare, rechtssichere Ansagen zur Leistungsmessung“, fordert Simone Fleischmann gegenüber Antenne Bayern. „Wie gibt man Noten? Wie viele Noten gibt man? Was für Noten gibt man? Wie geht das mit den Zeugnissen? Wie funktioniert der Übertritt? Dazu brauchen wir klare Ansagen. Dazu bitte keine Konstruktionen mit irgendwelchen neuen Begriffen, sondern rechtssichere Vorgehensweisen!“

Die BLLV-Präsidentin plädiert gegenüber dem Münchner Merkur für einen Notennachlass, insbesondere beim Übertrittszeugnis in der vierten Klasse. Zudem müsse wegen ausgefallener Unterrichtstage die vorgeschriebene Anzahl von 18 Proben reduziert werden: „Es muss die klare Ansage her, dass die standardisierte Anzahl von Proben nicht ausschlaggebend ist“, so Fleischmann, die auch eine stärkere Berücksichtigung des Elternwillens fordert.

Zum Umgang mit Leistung in Corona-Zeiten hat der BLLV heuet eine Pressemitteilung herausgegeben: „Es braucht klare Aussagen zu Leistungsmessung und Notengebung“
 


Schule in Zeiten der Corona-Pandemie
Die Corona-Pandemie zeigt den hohen gesellschaftlichen Wert von Schule. Damit sie trotz akutem Lehrermangel funktionieren kann, fordert der BLLV in einer politischen Erklärung, die Fürsorgepflicht des Dienstherrn in maximalen Gesundheitsschutz für Lehrkräfte umzusetzen, insbesondere im wichtigen Präsenzunterricht. Entscheidungen und deren Kommunikation müssen regional, klar, verlässlich, frühzeitig und transparent sein und schulische Eigenverantwortung stärken. Fairness muss vor Leistungsdruck gehen, digitale Ausstattung schnell verbessert werden. Jetzt ist nicht die Zeit für einfache Lösungen und Polemik. Aber jetzt ist die Zeit für langfristig tragende Konzepte für Arbeitsbedingungen, Multiprofessionalität und Attraktivität, um so Bildungsqualität auch über Corona hinaus zu sichern. Dazu braucht es einen konstruktiven Diskurs aller an Schule Beteiligten, für den der BLLV bereit steht. » Die politische Erklärung im Wortlaut



Medienberichte


Simone Fleischmann im Wortlaut:

"Er wollte, dass an den Schulen keiner durchdreht. Alle haben aber verstanden: Es darf keinen Distanzunterricht mehr geben.“

"Ein professioneller Schulleiter macht, was er geplant hat."



Simone Fleischmann im Interview mit dem Bayerischen Rundfunk:

"Wir haben verschiedene Plattformen an den Schulen. Jede Schule hat ihr Medienkonzept geschrieben, schon seit Jahren, und wir haben uns alle auf den Weg gemacht. Es sind nicht alle bei mebis und wenn mebis wie heute früh mal wieder nicht geht, dann ist das nicht der Untergang der Welt."

"Aktueller Stand ist: Man kann Distanzunterricht anbieten, man kann auch Distanzlernen anbieten."

"Die Schulleiter, die Mut haben und professionell sind und es richtig machen, sind die, die immer auf ihre Schule, auf ihre Möglichkeiten, auf ihre Lehrer, auf ihre Kinder schauen und das vorhalten, was bestmöglich an dieser Schule geht, das sehr gut kommunizieren und dann gehen da auch die Eltern mit. Dann können wir die Kirche im Dorf lassen und müssten nicht um Begrifflichkeiten streiten.
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