Zur Integration der ukrainischen Flüchtlinge in Bayern 06.04.2022 Startseite Ukraine Menschenrechte Individuelle Förderung Psyche Multiprofessionalität Leistungsdruck Deutschklasse Interkulturelle Kompetenz

MUSTER BRECHEN | FRAGEN STELLEN

Mit Herz und Haltung nehmen Lehrkräfte aus der Ukraine geflüchtete Kinder und Jugendliche an. Doch brauchen diese Kinder mehr als nur bewährte Konzepte. Vor allem brauchen sie Menschen. Wie ehrlich sind die öffentlichen Versprechungen der Politik?

Reicht es jetzt aus, Konzepte für Integration zu haben, mehrsprachige Lehr- und Lernmaterialien und dafür zu sorgen, dass diese Kinder schnellstmöglich Deutsch lernen? Schließlich haben Lehrerinnen und Lehrer ja bereits 2015 gelernt, Schülerinnen und Schüler, die geflüchtet sind, zu integrieren…

Die Erwartung lautet: Es muss jetzt einfach funktionieren. Pädagoginnen und Pädagogen konzipieren professionelle Angebote und ziehen diese konsequent durch – natürlich nicht erst, wenn drei Monate nach Ankunft die Schulpflicht für Geflüchtete einsetzt, sondern direkt am ersten Tag. Lehrerinnen und Lehrer heißen die Kinder und Jugendlichen willkommen, geben an den Schulen Heimat.

Die Politik verweist dazu unermüdlich auf die vielfältigen Maßnahmen: Vorkurse, Differenzierungsangebote, Intensivierungsstunden, Sprintklassen, Integrationsklassen, Deutschklassen, Deutsch als Zweitsprache, Berufsintegrationsklassen, Beratungslehrer und Schulpsychologen, mobiler Sonderpädagogischer Dienst, Förderlehrer, Sozialarbeiter und viele, viele mehr. Die breite Palette der Konzepte, die vielfältigen Professionen und die zahlreichen Angebote an unseren bayerischen Schulen werden seitens der Politik öffentlichkeitswirksam präsentiert.

So entsteht der Eindruck: Alles da! Alles top! Die Schulen in Bayern sind bestens vorbereitet, haben Profis dafür und stehen das durch. Sie nehmen die geflüchteten Kinder und Jugendlichen auf und schaffen das. Nicht nur die Grundschulen, die Mittelschulen und die Förderschulen sind für diese Kinder da, sondern auch die Gymnasien und Realschulen. So formuliert es der Kultusminister, so erzählt es die Staatsregierung und Abgeordnete aus dem Bildungsbereich drehen Instagram-Videos, um zu zeigen, wie prima es doch läuft. Selbstverständlich bieten alle Plattformen des Ministeriums und der nachgeordneten Behörden dazu nützliche Links und Hotlines. So soll nach dem Willen der Politik, der Staatsregierung das Bild entstehen: Die an den Schulen schaffen das!

Ist das realistisch? Ist das ehrlich?

Ehrlich und wahrhaftig ist die Haltung der Menschen an den Schulen, ihr Menschenbild, mit dem sie aus tiefster Überzeugung die gesellschaftliche Verantwortung übernehmen wollen – ob Schulleiter, Schulverwaltung, Lehrkräfte, Förderlehrer, Fachlehrer oder Verwaltungsangestellte. Aber gibt es an Schulen, die seit zwei Jahren trotz Lehrermangel und dadurch zusätzlicher Ausfälle Corona managen, eigentlich auch das Personal für das Konzepte-Arsenal, mit dem die Politik die öffentliche Erwartung zu bedienen hofft? Gibt es Menschen, die diese Methoden an den Schulen mit Leben füllen können?

Der BLLV stellt das infrage. Der BLLV benennt die Stolpersteine, weil es Lehrerinnen und Lehrern selbst darum geht, es zu schaffen. Weil ihre Haltung eine zutiefst menschliche ist. Dabei gebietet die Professionalität, die Situation nicht mit dem Blick auf öffentliche Erwartungen schönzureden, sondern realistisch zu benennen, was es braucht, damit diese große, lohnende und wichtige Aufgabe gelingen kann. Die Verantwortung für dieses Gelingen der Integration liegt bei Politik und Staatsregierung! Es ist nicht damit getan, zu signalisieren, dass die Menschen an den Schulen es schon immer irgendwie schaffen. Die Politik muss so handeln, dass Konzepte auch umgesetzt werden können. Die Erwartungshaltung muss realistisch und ehrlich sein.

Der BLLV fragt: Wollen alle geflüchteten Kinder in die Schule? Ist es entscheidend, 200 Schulbücher digitalisiert zur Verfügung zu stellen? Geht es all diesen Kindern um den Abschluss? Wollen wir, dass sie in unseren Schulen lernen oder sollen sie möglichst in den Flüchtlingsunterkünften durch ukrainische Lehrerinnen und Lehrer nach dem ukrainischen Lehrplan unterrichtet werden? Was würde eine Art paralleles System bedeuten? Wie ist mit Spannungen zwischen russischen Schülerinnen und Schülern und den geflüchteten Kindern und Jugendlichen in den Schulen umzugehen? Was bedeutet es, dass viele Schullandheime zu Flüchtlingsunterkünften wurden? Wie ist die Reaktion der Eltern auf die veränderte Situation? Wie ist mit gesellschaftlichen Spannungen umzugehen?

Lehrerinnen und Lehrer wissen ganz genau, was es bräuchte, um all dies aufzufangen, zu begleiten und auszugleichen. Sie wissen aber auch: Wir haben die dafür nötigen Lern- und Arbeitsbedingungen aktuell nicht. Wenn tatsächlich bis zu 10% der Schülerinnen und Schüler in den deutschen Schulen bald ukrainische Flüchtlinge sind, dann kann Schule nicht einfach so weitergehen. Dann bedeutet das – schon rein quantitativ - einen deutlichen Wandel des gesamten Schulsystems. Dann heißt es: bekannte Muster durchbrechen.

Der BLLV gibt Antworten: Wir haben ein klares Menschenbild. Wir haben eine klare Haltung. Wir wissen um unsere Verantwortung und wir nehmen sie an. Wir stehen für ein ganzheitliches Menschenbild. Wir wissen, wie wichtig ganzheitliche Bildung ist. Wir stehen auf unserem Manifest Haltung zählt.

Wir wissen, dass viele Kinder und Jugendliche jetzt alles andere brauchen als zusätzlichen Druck. Der Druck im leistungsorientierten bayerischen Schulsystem führt nirgendwohin – schon gar nicht mitten in Corona, im Lehrermangel und für traumatisierte Kinder und Jugendliche. Das brauchen diese Kinder nicht, Eltern nicht, Lehrerinnen und Lehrer nicht.
 

DIE HALTUNG DER GANZHEITLICHEN BILDUNG, DIE HALTUNG, DASS ES JETZT UM DIE SCHICKSALE VON KINDERN UND JUGENDLICHEN GEHT, DIE UNS ALS GANZEN MENSCHEN BRAUCHEN, DIESE HALTUNG WOLLEN WIR LEBEN.


Dabei geht es nicht nur um die Schulen, sondern es geht um die Gesellschaft als Ganzes. Gerade jetzt sind alle gefragt.

Der BLLV betont seit Jahren, dass das bayerische Schulsystem unterfinanziert ist. Er hat zu allen Handlungsfeldern Lösungen aufgelegt und mit der Publikation zur Bildungsfinanzierung „Zeit für Bildung - gerecht.investieren“ klare Antworten gegeben. Wir wissen also ganz genau, was das Schulsystem bräuchte, um Krisen zu bewältigen und professionell zu arbeiten: für Inklusion, Integration, ganzheitliche Bildung, Ganztagsschule, individuelle Förderung, Digitalisierung und vieles mehr. Der BLLV fordert dies weiterhin!

Der BLLV zeigt Haltung, nimmt seine gesellschaftliche Verantwortung wahr und benennt klar, was an den Schulen hier in Bayern nicht mehr möglich ist und was dagegen unternommen werden muss. Das ist unser Auftrag im Dienste einer der wichtigsten Aufgaben dieser Zeit.
 




Statement von BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann

"Die vorhandenen Ressourcen reichen nicht aus", stellt BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann klar und fragt: "Wo sollen nun die Menschen herkommen, die jetzt diese Kinder und Jugendlichen unterrichten sollen? Wie können die Traumata der Kinder und Jugendlichen aufgefangen werden? Wir können den personellen Missstand nicht ausgleichen."
» Das Statement im Wortlaut




Schulen brauchen mehr Unterstützung

Die Robert Bosch Stiftung hat Anfang Mai die Ergebnisse der Umfrage "Das Deutsche Schulbarometer Spezial: Geflüchtete ukrainische Schüler:innen an deutschen Schulen" veröffentlicht. Dazu stellt Udo Beckmann, Vorsitzender des BLLV-Dachverbands VBE (Verband Bildung und Erziehung) klar: "In Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen und Niedersachsen zeichnen sich besondere Herausforderungen ab, da hier derzeit bereits überproportional viele Schülerinnen und Schüler aufgenommen wurden." Er weist zudem darauf hin, dass besonders an Grundschulen geflüchtete Kinder in Regelklassen unterrichtet werden, was angesichts fehlender Übersetzer:innen und ukrainischer Lehrkräfte eine besondere Herausforderung sei, erst recht vor dem Hintergrund der Corona-Folgen:

"Es ist dringend erforderlich, dass die Politik der Gesellschaft ehrlich und transparent vermittelt, was Schulen angesichts der enormen Beeinträchtigungen durch Lehrkräftemangel, Coronapandemie und die aktuelle Flüchtlingsbewegung realistisch leisten können und welche Einschränkungen möglicherweise zu erwarten sind", so Beckmann. "Es kann und darf nicht allein Aufgabe von Schulleitungen und Lehrkräften sein, derartige Zusammenhänge vermitteln und hierdurch entstehende Konflikte bewältigen zu müssen.“

» zur Pressemitteilung des VBE
» zu den Ergebnissen des Schulbarometer Spezial


Medienberichte: stern | Handelsblatt | BR24



Weitere Informationen

BLLV-Themenseite: Integration

BLLV-Expertise: gerecht.investieren

BLLV-Manifest: HALTUNG ZÄHLT

Das Menschenbild des BLLV: Bildung mit Herz.Kopf.Hand.

Wie Schulen Krieg und Flucht begegnen: "Ängste ernstnehmen, Mythen enttarnen, Flüchtlinge aufnehmen"

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BLLV-Dachverband VBE: "Unterschiedliche Bedürfnisse wahrnehmen und anerkennen"
Medienberichte: news4teachers | bildungsklick

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