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Ganztag zwischen Anspruch und Realität

Sabine Bösl, Leiterin der Abteilung Schul- und Bildungspolitik im BLLV, warnt: Ganztag heißt nicht, Kinder "irgendwie" aufzubewahren. Sie fordert personelle, zeitliche und finanzielle Ressourcen für einen qualitativen Ganztag und echte Bildungsgerechtigkeit.

„Der Rechtsanspruch auf Ganztag eröffnet Bildungschancen und könnte ein starkes Signal für mehr Bildungsgerechtigkeit sein. Aber ein Anspruch auf dem Papier schafft noch keine Chancen in der Realität. An vielen Standorten können nur Minimallösungen angeboten werden. 

Qualitativer Ganztag geht auf die heterogenen Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler ein. Er sorgt für Bildungschancen. Beim Ausbau des Ganztags sollte auch Qualität mehr in den Mittelpunkt gerückt werden. Es bringt wenig, die Kinder „irgendwie“ aufzubewahren. Dann ist die Garantie zwar erfüllt, Bildung sieht aber anders aus. 

Als Leiterin der Abteilung Schul- und Bildungspolitik im BLLV und zugleich als Schulleiterin erlebe ich sowohl in bildungspolitischen Gesprächen als auch im schulischen Alltag ganz unmittelbar, wie viel Lehrkräfte bereits heute leisten. Sie planen differenzierten und kompetenzorientierten Unterricht, diagnostizieren Lernstände, entwickeln individuelle Fördermaßnahmen, koordinieren Förder- und Unterstützungssysteme, führen intensive Beratungsgespräche mit Eltern, begleiten Kinder mit besonderen Bedürfnissen und gestalten Schulentwicklung aktiv mit. Gleichzeitig reagieren sie täglich professionell auf soziale, emotionale und gesellschaftliche Herausforderungen im Klassenzimmer.

Diese hohe Verantwortung tragen sie mit großem Engagement – oft an der Belastungsgrenze. Genau deshalb muss der Ausbau des Ganztags so gestaltet werden, dass er nicht zu einer zusätzlichen Überforderung führt. Lehrkräftegesundheit und -resilienz ist keine Nebensache, sondern Voraussetzung für gute Bildung.

Chancen des Ganztags

Gleichzeitig bietet hochwertig gestaltete Ganztagsbildung wie der gebundene Ganztag eine enorme Chance. Er kann Lernzeiten entzerren, individuelle Förderung vertiefen, kulturelle und soziale Teilhabe stärken und gezielt dort unterstützen, wo familiäre Ressourcen begrenzt sind. Dafür muss er mit mehr Lehrkräftestunden unterfüttert werden. Kinder mit erhöhtem Förderbedarf oder diejenigen, deren schulischer Erfolg noch immer stark vom sozioökonomischen Hintergrund abhängt, brauchen besonders eine verlässliche Förderung, multiprofessionelle Teams und Zeit für individuelle Entwicklung. Ganztag bietet hier enormes Potenzial, wenn die Qualität stimmt und ausreichend Plätze zur Verfügung stehen. Aber: Ganztag ist Bildungszeit – nicht bloße Betreuung. Dieses Ziel erreichen wir nur mit durchdachten Konzepten, mehr qualifiziertem Personal, geeigneten Räumen und einer nachhaltigen Finanzierung. 

Daher habe ich eine klare Erwartung an die Politik: Wir brauchen verbindliche Qualitätsstandards im Ganztag, ausreichende personelle und zeitliche Ressourcen und eine langfristige Finanzierung. Minimallösungen erfüllen den Rechtsanspruch, doch sie verfehlen Chancen. Ganztag darf kein politisches Symbolprojekt sein. Er muss ein tragfähiges Fundament für echte Chancengerechtigkeit werden.“

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