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Markus Erlinger
Lehrkräftemangel in Mittelfranken Startseite Topmeldung
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Mittelschulen können Toleranz und Demokratie stärken – wenn genug Personal da ist!

Lehrkräfte aus Mittelfranken wechseln oft ins Nachbarbundesland. Bezirksvorsitzender Markus Erlinger erläutert im Interview die Gründe – und was es für die Arbeit an Grund- und Mittelschulen bedeutet, wenn 800 Lehrerstunden fehlen.

Im Gespräch mit der Fränkischen Landeszeitung zieht Markus Erlinger, Vorsitzender des BLLV Mittelfranken, Bilanz des ersten Schulhalbjahrs, das erneut stark vom Lehrkräftemangel geprägt war: „Zu wenige Lehrerinnen und Lehrer, ergänzt durch Aushilfskräfte mit befristetem Arbeitsvertrag, stehen einer steigenden Zahl an Schülerinnen und Schülern gegenüber“, schildert Erlinger im Interview.

Als besonders kritisch beschreibt der Bezirksvorsitzende die Lage im Schulamtsbereich Ansbach: „Die Nähe zu Baden-Württemberg macht die Sache kompliziert. In Bayern ausgebildete Kolleginnen und Kollegen wandern dorthin ab. Eine Planstelle im benachbarten Bundesland liegt näher als eine im deutlich weiter entfernten Oberbayern. Nach Oberbayern werden viele geschickt, weil dort der Bedarf am größten ist. Wer unverheiratet und ohne Kind ist, muss mit hoher Wahrscheinlichkeit in diese Region. Wenn ich aber jetzt als junge, ausgebildete Lehrkraft von Rothenburg ins 15 Kilometer entfernte Schrozberg nach Baden-Württemberg rüberfahren kann, mache ich natürlich das.“

Regelunterricht fällt aus, AGs gibt’s nicht

Dazu komme, das Studierende aus Nürnberg und Erlangen lieber im dortigen Großraum arbeiten. Die Folge: In Ansbach fehlen trotz einmalig 3.000 € Prämie für Lehrkräfte, die dorthin wechseln, etwa 8.000 Lehrerstunden – mit dramatischen Folgen: „Da bleiben nur Unterrichtsstreichungen und Unterrichtskürzungen. Alles, was über den Pflichtunterricht hinausgeht, kann nicht gehalten werden. Es gibt so gut wie keine Arbeitsgemeinschaften mehr.“

Populistisch diffamierende Ansagen wie „Lifestyle-Teilzeit abschaffen“ aus dem Wirtschaftsflügel der CDU sind dafür kontraproduktiv, kritisiert Erlinger: „Im laufenden Schuljahr hat der Anteil der Teilzeit-Lehrkräfte einen Höchstwert erreicht. In Mittelfranken arbeiten 5500 Lehrerinnen und Lehrer Teilzeit.“

Ohne Teilzeit fehlen noch mehr

Die Gründe laut Erlinger: „Mit Sicherheit nicht, weil Sie die Arbeit scheuen! Sie können nicht mehr anders. Die Arbeitsbedingungen stimmen nicht. Die Aushilfskräfte müssen begleitet werden, die Bürokratie nimmt zu, alles, was im Unterricht und in Elterngesprächen passiert, muss genau dokumentiert werden. Auch der Anteil an verhaltensauffälligen Schülerinnen und Schülern steigt. Da sind Kinder dabei, die noch an den Folgen von Corona leiden, oder solche mit traumatischen Fluchterfahrungen, die integriert werden sollen. In Summe führen diese Anforderungen dazu, dass Lehrerinnen und Lehrer überlastet sind. Krankschreibungen, Teildienstfähigkeiten und Frühpensionierungen wegen Dienstunfähigkeit sind in den vergangenen Jahren wahnsinnig gestiegen.“

Besonders prekär ist die Lage an den Mittelschulen, wo die pädagogischen Herausforderungen am größten sind. Hier geht die Schere zwischen Bedarf und Nachwuchs am weitesten auseinander, erläutert der Vorsitzende des BLLV Mittelfranken: „Momentan haben 17 Personen das Mittelschullehramt in Nürnberg gewählt. In vier bis fünf Jahren sind die fertig, wahrscheinlich wird es noch Studienabbrüche geben. Mittelfranken bräuchte jährlich 150 neue Mittelschullehrkräfte, um den Bedarf zu decken.“

Keine „Schule zweiter Klasse“, sondern wunderbare Schüler:innen mit viel Potenzial!

Das ist aus Erlingers Sicht besonders bitter, weil an Mittelschulen nicht nur die Herausforderungen groß sind, sondern gerade hier auch enorm viel bewegt werden könnte, wie der BLLV kürzlich in einer Pressekonferenz zum Thema deutlich gemacht hat:

„Der Vorteil der Mittelschule ist, dass sie praxisorientiert arbeitet“, betont Markus Erlinger. „Die Schülerinnen und Schüler haben die Möglichkeit, sich in Praktika auszuprobieren. Dadurch, dass viele Kinder mit Migrationsunterricht hier lernen, besteht die Chance, Kulturen und Sprachen zusammenzubringen. Hier kann ein wichtiger Beitrag zu Toleranz und Demokratie geleistet werden! Dass die Mittelschule bei manchen als Schule zweiter Klasse gilt, ist da nicht förderlich. Wir müssten stattdessen über die wunderbaren Schülerinnen und Schüler und deren Potenzial sprechen! Mit geänderten Rahmenbedingungen und zusätzlichen Ressourcen sollten wir diese Kinder fördern.“

» zum Bericht der Fränkischen Landeszeitung (kostenpflichtig): „Zu wenige Lehrerinnen und Lehrer: Niemand will im Landkreis Ansbach arbeiten“