Der bevorstehende Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung ab 2026 wird häufig auf fehlende Plätze reduziert. Aktuelle Studien – unter anderem des Instituts der Deutschen Wirtschaft, aufgegriffen vom Bayerischen Rundfunk – bestätigen diesen Mangel. Doch diese Debatte greift zu kurz. Denn parallel zum Ganztagsausbau erleben wir in Bayern auch tiefgreifende Veränderungen in der Kita-Landschaft, die weit über eine rein quantitative Frage hinausgehen.
Der Ausbau des Ganztags bedeutet nicht nur mehr Zeit für Kinder, sondern erfordert eine neue Professionalisierung der pädagogischen Arbeit. Pädagogische Fachkräfte übernehmen im Ganztag eine Schlüsselrolle: Sie gestalten Bildungs-, Betreuungs- und Erziehungsprozesse über den gesamten Tag hinweg. Sie begleiten Kinder nicht nur nach dem Unterricht, sondern schaffen Lern- und Entwicklungsräume, stärken soziale Kompetenzen, unterstützen Übergänge und sorgen für Stabilität im Alltag der Kinder.
Kooperativer Ganztag stärkt Rolle der Fachkräfte
Gerade in kooperativen Ganztagsmodellen wie in München oder Ingolstadt wird diese Rolle besonders sichtbar: Pädagogische Fachkräfte arbeiten dort eng mit Lehrkräften zusammen und bringen ihre sozial- und frühpädagogische Expertise ein. Sie verbinden formelles Lernen mit Spiel, Beziehungsgestaltung, Förderung und Alltagserfahrungen. Damit werden sie zu Bildungsbegleiter:innen, Kooperationspartner:innen und Brückenbauer:innen zwischen Kita, Schule und Familie.
Vor diesem Hintergrund sind die aktuellen Änderungen in Bayern ambivalent zu bewerten. Positiv ist: Die Erhöhung der Betriebskostenförderung um zehn Prozent sowie die massive Aufstockung des Qualitätsbonus sind längst überfällig gewesen. Viele Träger konnten dadurch drohende Beitragserhöhungen abwenden, Betriebskosten abfedern und zumindest perspektivisch am Personalschlüssel arbeiten - standen die Träger doch aufgrund der Inflation und Tarifabschlüsse unter finanziellem Druck. Dass hier bis 2030 Milliarden investiert werden, ist ein wichtiges Signal an die Kindertagesstätten – und auch an die Beschäftigten, deren Arbeitsbedingungen unmittelbar von diesen Entscheidungen abhängen.
Wegfall von Familien- und Krippengeld ist eine Top-down-Entscheidung
Gleichzeitig bleibt ein bitterer Beigeschmack. Der Wegfall von Familien- und Krippengeld ist für viele Familien ein spürbarer Einschnitt. Dass diese Mittel nun zur Finanzierung von Ausbau, Unterhalt und Qualitätssicherung von Kita-Plätzen herangezogen werden, mag haushaltspolitisch erklärbar sein – politisch ist es jedoch eine klassische Top-down-Entscheidung, die Kitas und pädagogische Fachkräfte in eine unangenehme Rolle bringt. Einrichtungen werden faktisch zu denjenigen, die erklären müssen, warum direkte Leistungen für Familien entfallen, während strukturelle Defizite jahrelang politisch verschleppt wurden. Diese Spannung wird auf dem Rücken der Praxis ausgetragen.
Auch beim Thema Sprache zeigt sich dieses Muster. Die Diskussion um verpflichtende Sprachtests und -förderung hat die Kita-Landschaft und viele Kolleg:innen unnötig verunsichert. Fachkräfte haben zeitweise an ihrer eigenen Professionalität gezweifelt, obwohl Sprachbildung seit jeher selbstverständlicher Bestandteil guter pädagogischer Arbeit ist. Die Kitas haben sich mit dem bürokratischen Mehraufwand abgefunden, die unzähligen verwirrten Eltern aufgefangen und jetzt läuft vieles weiter wie zuvor – faktisch business as usual.
Dass die Sprach-Kitas nur noch selektiv fortgeführt werden und spätestens Ende 2026 auslaufen, ist fachlich sehr bedauerlich, politisch aber konsequent falsch entschieden worden. Durch das Auslaufen der Sprach-Kitas geht viel Know-How verloren. Die Expertise der Praxis wurde damals bei der politischen Entscheidung ignoriert; der Schaden ist angerichtet, auch wenn viele Einrichtungen sich längst mit dem Verlust arrangiert haben.
Qualität entscheidet: Haltung statt reine Organisation
All das zeigt: Der Ganztagsausbau und die Änderungen im Kita-Bereich sind keine rein organisatorischen oder finanziellen Fragen. Sie sind Fragen der Haltung gegenüber pädagogischer Arbeit. Ohne ausreichend qualifizierte, gut unterstützte und ernst genommene pädagogische Fachkräfte droht der Ausbau des Ganztags zu einem Verwahrinstrument zu werden – mit längeren Öffnungszeiten, aber ohne pädagogische Tiefe. Qualität entsteht nicht durch Haushaltsumschichtungen allein, sondern durch Vertrauen in Professionalität, verlässliche Rahmenbedingungen und echte Beteiligung derjenigen, die täglich mit Kindern arbeiten.
Wenn der Rechtsanspruch auf Ganztag mehr sein soll als eine organisatorische Lösung, braucht es ein klares politisches Bekenntnis zur Professionalität pädagogischer Arbeit. Die Qualität des Ganztags entscheidet sich nicht an Quadratmetern oder Öffnungszeiten, sondern an den Menschen, die Kinder täglich begleiten.