Bild: Elke Stein ist Expertin für Neurodivergenz.
Bild: Elke Stein ist Expertin für Neurodivergenz.
Neurodivergenz Themen
Psyche Beziehung Bildungsgerechtigkeit Differenzierung Diversität Fortbildung Individuelle Förderung Sonderpädagogik

Für eine Gesellschaft mit weniger Narben

An Schulen über Neurodivergenz aufzuklären hat sich Referentin Elke Stein auf die Fahnen geschrieben. Warum sie mit so viel Herzblut dafür eintritt, verrät die Fachoberlehrerin für Sonderpädagogik aus Baden-Württemberg im Interview mit der BLLV-Akademie.

Wer mit Elke Stein, Lehrerin und Referentin, redet, der merkt: Sie brennt für das, was sie tut. Auch, weil sie will, dass nicht noch mehr Kinder in der Schule das erleiden müssen, was sie durchlebt hat. Bevor das Gespräch ans Eingemachte geht, klären wir erst einmal die Fakten rund ums Thema Neurodivergenz. 

BLLV-Akademie: Liebe Frau Stein, könnten Sie erklären, was man unter Neurodivergenz versteht? 

Elke Stein: Unter Neurodivergenz versteht man Menschen, deren Gehirn anders arbeitet als es die gesellschaftliche Norm definiert. Das betrifft zum Beispiel die Verarbeitung von Informationen und Reizen – manche sind reizoffener, nehmen also innere oder äußere Eindrücke intensiver wahr. Zu den bekannten Formen von Neurodivergenz zählen ADHS, Autismus, Hochbegabung oder auch Teilleistungsstörungen wie Legasthenie und Dyskalkulie. Wichtig ist: Neurodivergenz ist kein Randphänomen. Man geht davon aus, dass etwa ein Drittel der Gesellschaft neurodivergent ist. Das heißt, es ist keineswegs ungewöhnlich, sondern Teil ganz normaler Vielfalt.

Zur Person: Elke Stein

Elke Stein ist Fachoberlehrerin für Sonderpädagogik und Referentin. Ihr pädagogisches Herzensthema ist die Aufklärung über Neurodivergenz – besonders in Schule und Unterricht. Ihr Ziel ist es, Lehrkräften Wege aufzuzeigen, wie Teilhabe gelingen und Potenziale erkannt und gefördert werden können. Als Gründerin von “Mit Herz und Hirn” ist es ihr Anliegen, fundiertes Wissen praxisnah zu vermitteln – so, dass es Kopf und Herz gleichermaßen erreicht. Mehr über Elke Stein auch auf Instagram unter _mit_herz_und_hirn.

Warum ist es so wichtig, in der Schule darüber aufzuklären? 

Die Schule ist der erste öffentliche Lebensraum, dem Kinder begegnen – deshalb ist Aufklärung über Neurodivergenz dort so wichtig. Der Ansatz der gelebten Teilhabe stellt dabei eine zentrale Frage ins Zentrum: Wie können wir die Rahmenbedingungen so gestalten, dass alle Kinder von Anfang an die Möglichkeit haben, ihr Potenzial zu entfalten? Teilhabe bedeutet nicht, dass einige integriert oder inkludiert werden, sondern dass Schule von Grund auf so gestaltet wird, dass jedes Kind selbstverständlich seinen Platz findet – ohne ständig um Anpassung kämpfen zu müssen. 
Drei Säulen bilden das Fundament für eine lernfreundliche Umgebung, die nicht nur für neurodivergente Kinder, sondern für alle Schülerinnen und Schüler eine Bereicherung darstellt: Erstens: Verstehen. Wissen über Neurodivergenz ist der Schlüssel. Es verhindert Missverständnisse, macht Stärken sichtbar und hilft, Herausforderungen realistisch einzuordnen. Zweitens: Beziehung. Kinder lernen dort, wo sie sich gesehen, gehört und angenommen fühlen. Beziehung öffnet die Tür zum Lernen. Drittens: Gestalten. Lehrkräfte planen Unterricht und Rahmenbedingungen so, dass Teilhabe möglich wird: Struktur, Differenzierung und Nachteilsausgleich sind Grundpfeiler – keine Extras. Diese drei Säulen tragen das Dach der gelebten Teilhabe: Eine Schule, in der Kinder nicht nur mitlaufen, sondern ihre Stärken entdecken, wachsen und aufblühen können.


Online-Seminar mit Elke Stein

Neurodivergenz verstehen - Dienstag, 10.3.2026 (2026D/12) ZUSATZTERMIN

Werfen Sie einen praxistauglichen Blick auf neurodivergentes Verhalten im Unterricht: Sie entwickeln neue Sichtweisen und erhalten Impulse, wie beziehungsorientierter Unterricht gelingen kann. ... weiterlesen

Viele Lehrkräfte würden gern mehr eingehen auf die Kinder, merken aber, dass ihnen dazu leider die Zeit fehlt…

Ja, das sehe ich auch so. Es fehlt nicht nur an Zeit, sondern oft auch an passenden Bedingungen – und am nötigen Wissen über neurodivergente Kinder, die in der Schule vor besonderen Herausforderungen stehen. Dabei ist mein Ansatz keine zusätzliche Methode, die den Unterricht noch komplizierter macht, sondern eine Haltung, die Entlastung und Rückenwind gibt. Lehrkräfte sind im Alltag häufig Einzelkämpfer. In diesem Fahrwasser ist es schwer, Schule zu verändern oder neue Formen von Unterricht zu etablieren. Deshalb ist es mir ein Anliegen, dass wir uns gegenseitig stärken. Ich möchte Multiplikatoren ausbilden, die ihr Wissen in ihre Schulen hineintragen. So können Ressourcen sichtbarer werden, Erfahrungen geteilt und Unterricht gemeinsam weiterentwickelt werden. Denn niemand muss als Lehrkraft alles alleine schaffen.

Oftmals fallen neurodivergente Kinder eher negativ auf im Unterricht. Warum ist es wichtig, sich davon als Lehrkräfte nicht abschrecken zu lassen? 

Weil hinter dem Verhalten oft verborgene Stärken und Schätze liegen, die wir nur entdecken, wenn wir genauer hinschauen. Ich vergleiche es gern mit einem Eisberg: Wer an der Oberfläche bleibt, sieht nur das Offensichtliche. Aber wenn wir tiefer „tauchen“, entdecken wir die Größe und die Schätze, die in einem Kind verborgen sind. Das gelingt nur in Beziehung. 
Ich denke dabei an eine Lehrkraft, die zu den erfahrenen gehört, aber trotzdem offen bleibt, Neues zu lernen. Sie geht bewusst den Weg, ihr Wissen zu erweitern, hinterfragt ihr eigenes Handeln und investiert viel in die Beziehung zu den Kindern. Dadurch hat sich in ihrer Klasse ein außergewöhnliches Klima entwickelt, in dem jedes Kind mit seinen Stärken gesehen wird. Diese Klasse ist in der ganzen Schule bekannt – und viele würden am liebsten selbst dort unterrichten. Natürlich spielen dafür viele Faktoren eine Rolle. Aber entscheidend ist auch, dass hier eine Klassenlehrerin steht, die diese Haltung lebt.

Man merkt bei Ihnen, dass Sie mit viel Herzblut dabei sind, Frau Stein. Erzählen Sie uns bitte, wie Sie zu diesem Thema gekommen sind und warum Sie dafür brennen!

Ich habe auch eine persönliche Geschichte mit dem Thema Neurodivergenz. Ich habe am eigenen Leib erlebt, wie es ist, wenn man nicht gesehen wird. Mein ADHS wurde erst mit 38 Jahren diagnostiziert. Bis dahin habe ich geglaubt, was mir immer wieder gesagt wurde – und was ich irgendwann auch selbst geglaubt habe: dass ich zu impulsiv sei, zu dumm, unzuverlässig oder einfach zu vergesslich. Dabei waren das alles Ausdrucksformen von ADHS. 
Deshalb will ich nicht, dass weitere Kinder solche Erfahrungen machen müssen. Denn aus dem Gefühl, nicht gesehen zu werden, entstehen oft zusätzliche Schwierigkeiten. Schüler und Schülerinnen sollen mit ihrem ganzen Potenzial gesehen werden. Ich wünsche mir, dass jedes Kind in seiner Klasse so sein darf, wie es ist – ohne sich verstellen zu müssen. 
Und auch Lehrkräfte selbst: Viele neurodivergente Menschen werden Lehrkraft. Auch sie sollen in meiner Arbeit erleben, dass sie unterstützt werden und ihr Potenzial wahrgenommen wird. 
Das ist es, was mich antreibt und warum ich für dieses Thema brenne: Ich möchte, dass Schule ein Ort wird, an dem alle – Kinder wie Lehrkräfte – ihre Stärken entdecken und aufblühen können.