Besondere Situation braucht Rückendeckung 04.11.2020 StartseiteMaskenpflichtGesundheitsschutzDistanzunterrichtLuftfilterCO2-AmpelnEigenverantwortungLeistungsdruckIndividuelle FörderungKrisenkommunikation

Virtueller Schulgipfel: Gesundheitsschutz stärken, lokale Strategien ausbauen, Druck reduzieren!

Schulgipfel bekräftigt: Schulen sollen möglichst offen bleiben, entschieden wird vor Ort. BLLV-Präsidentin Fleischmann fordert verstärkten Gesundheitsschutz, zudem müsse Druck reduziert werden. UPDATE 5.11.: Ab Montag bayernweit Maskenpflicht im Unterricht.


Wie vom bayerischen Ministerpräsidenten im Anschluss an die Kabinettssitzung letzte Woche angekündigt, trafen sich auf Einladung der Staatskanzlei heute Markus Söder, Kultusminister Michael Piazolo und Gesundheitsministerin Melanie Huml mit Verbandsvertretern für Lehrer, Direktoren, Eltern, Schüler und Kommunen zu einem virtuellen Schulgipfel.

„Es wurde deutlich, dass ein Strategiewechsel ansteht unter dem Motto ‘Schule offen, außer es geht nicht mehr‘“, berichtet BLLV-Präsidentin daraus im Interview mit dem Bayerischen Fernsehen. Die Staatsregierung habe erneut klar gemacht, dass Schulen so lange wie möglich offen bleiben, und falls ein Shutdown  käme, so schnell wie möglich wieder aufmachen. Damit entspricht sie der Forderung des BLLV nach so viel Unterricht live wie möglich.

Gesundheitsschutz: Jetzt alle Register ziehen!

Für Simone Fleischmann gibt es dabei allerdings ein großes Aber: „Nur, wenn der Gesundheitsschutz zu hundert Prozent gewährleistet ist!“ Daher müssten jetzt alle technischen Lösungen schnellstmöglich in die Schulen, forderte sie in der Videokonferenz. „Es wurde über FFP2-Masken diskutiert,  über Lüftungsanlagen, über CO2-Messgeräte, über Lösungen für Schulbusse – das muss alles passieren, wenn man Schule maximal lang offen halten will!“, stellt die BLLV-Präsidentin klar. Die sei nötig, weil die eigentlich beste Prävention, nämlich Abstand durch geteilte Klassen im Präsenzunterricht wegen akuten Lehrer- und Raummangels nicht möglich sei. „Wir haben beides nicht, also wird auf Maske und Lüften gesetzt“, analysiert sie.

Mit diesem Handwerkszeug könnten Lehrerinnen und Lehrer dann gemäß Hygienekonzepten Unterricht vorhalten. Allerdings liegt die Entscheidung, ob das an den einzelnen Schulen angezeigt ist, nicht bei den Pädagogen, betont Simone Fleischmann: „Es gibt eine klare Ansage Richtung Gesundheitsministerium, dass die Gesundheitsämter vor Ort zu hundert Prozent die Verantwortung tragen. Genau das ist auch die Forderung des BLLV. Wir Schulleiterinnen und Schulleiter setzen dann um – immer so, wie es vor Ort möglich ist.“

Corona hat jede Schule anders verändert

Laut Fleischmann wurde beim Schulgipfel deutlich, dass eine Strategie mit Anspruch auf Einheitlichkeit, die aber Einzelfall-Entscheidungen vor Ort beinhalte, schwierig zu vermitteln sei. „Wir befinden uns in einem Dilemma: Einheitliche Strategie und regionale Entscheidung, das muss man erstmal verstehen.  Das muss jetzt astrein kommuniziert werden, damit die Eltern, die Kinder und die Lehrer und Schulleiter vor Ort nicht vor den Kopf gestoßen werden, sondern verstehen können, was die Staatsregierung eigentlich möchte.“

Überhaupt sei der Ruf nach Einheitlichkeit zwar verständlich, gehe aber an den Fakten vorbei, die die Pandemie an den Schulen geschaffen habe: „Wir hatten in jeder Schule andere Bedingungen: Die einen hatten immer Schule, außer im Lockdown, hatten konsequent ein bestimmtes Fach mit dem gleichen Lehrer; die anderen hat das Fach überhaupt nicht, weil der Lehrer ausgefallen ist, oder die Schule musste länger schließen“, schildert die BLLV-Präsidentin bei BR24. „Im Grundschulbereich hatten wir vielleicht durchweg die gleiche Lehrerin oder die Kinder haben in der dritten Klasse jetzt schon die vierte Lehrerin, weil sie das Pech hatten, dass die eine schwanger war, die andere über 60 und Risikopatientin. Wir haben nirgends mehr die gleichen Bedingungen. Wir müssen anerkennen, dass die Vergleichbarkeit nicht mehr gegeben ist und deswegen die Erwartungshaltung nicht die gleiche sein kann, weder an den Präsenzunterricht, den geteilten oder den Distanzunterricht.“

Gemeinsam Ruhe bewahren

Das müsse sich jetzt auch auf den Umgang mit Lehrplaninhalten und Leistungsmessung auswirken, fordert Simone Fleischmann. Die berechtigte Kritik, dass an einigen Schulen verstärkt Noten erhoben wurden, erkläre sich aus der Notwendigkeit, juristisch wasserdichte Bewertungen vorzunehmen, auch bevor womöglich ein Shutdown kommt. „Wir erleben in den Schulen jetzt auf sehr drastische Art und Weise, wozu ein immens auf Leistung fokussiertes System führt“, erläutert Fleischmann. „Uns wird gerade der Druck von allen Seiten zu hoch. Ich verstehe die Eltern, die Angst haben, dass ihre Kinder jetzt zu Bildungsverlierern werden, deswegen gibt’s nur eine Lösung, nämlich die, die wir schon Ende letzten Schuljahres hatten: die Erwartungshaltung runterschrauben, beruhigen, vor allem für die Abschlussjahrgänge jetzt schon vor Weihnachten Konzepte auflegen.“

Dabei seien an vielen Schulen eben noch Rückstände aus der Zeit des Lockdown aufzuholen, obwohl individuelle Förderung immer zusätzliche Ressourcen braucht, die es nicht gibt. „Wir können nicht gleichzeitig rückwärtsfahren, um das Versäumte aufzuarbeiten, und vorwärts Vollgas geben für die Leistungsmessung, da zerreißt’s das Auto“, stellt Simone Fleischmann klar.

Die BLLV-Präsidentin plädiert daher, auf gegenseitige Schuldzuweisungen unter allen an Schule Beteiligten zu verzichten: „Ich bin der Meinung, wir brauchen jetzt vor allem Ruhe im System. Das ist schwierig, weil die Inzidenzwerte steigen und fallen, sich alles ständig ändert. Da sollten wir uns jetzt nicht auch noch gegenseitig kirre machen. Es bleibt nur der eine Weg: die Erwartungshaltung runterschrauben, die Kinder nicht weiter unter Druck setzen und alles dran setzen, dass diese Jahrgänge auch faire Bedingungen vorfinden. Dazu braucht es Rückendeckung von oben!

» Bericht in der Rundschau des BR: „Schulbetrieb soll verbessert werden“
 

Update 5.11.: MP Söder: "Faires Schuljahr, auch beim Wiederholen", KM Piazolo verfügt generelle Maskenpflicht

Gegenüber Medienvertretern, u.a. der Süddeutschen Zeitung, hat Ministerpräsident Markus Söder nach dem virtuellen Schulgipfel berichtet, dass Schulen und Kitas in Bayern geöffnet bleiben, außer ein Gesundheits- oder Schulamt stellt fest, dass die Infektionsgefahr in einer Einrichtung zu hoch sei. Er stellte, ganz im Sinne des BLLV, klar, dass der Leistungsdruck an Schulen nicht erhöht werden dürfe. Lehrpläne müssten gegebenenfalls ans Infektionsgeschehen angepasst werden. Das Vorrücken in die nächste Klassenstufe solle großzügiger gehandhabt werden und etwaiges Wiederholen nicht auf die Schulkarriere angerechnet werden. Auch hier stimmte der Ministerpräsident BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann inhaltlich zu: "Ziel ist, dass aus einem nicht normalen Schuljahr trotzdem ein faires Schuljahr wird", sagte Markus Söder.

Auch Kultusminister Michael Piazolo hat im Livestream auf BR24 die neue Strategie der Staatsregierung erläutert, klargestellt, dass das laufende Schuljahr ein besonderes sei und einen achtsamen Umgang miteinander erfordere sowie für einen maßvollen Umgang mit Leistungserhebungen geworben.

Bayernweite Maskenpflicht im Unterricht ab Montag

Der Bayerische Rundfunk berichtet zudem, dass das Kultusministerium mit Verweis auf eine Anordnung des Gesundheitsministeriums eine generelle Maskenpflicht an allen Schularten verkündet hat, die pauschal unabhängig vom Inzidenzwert gilt. "Nicht nur auf dem Schulgelände, sondern auch im Unterricht", präzisiert Kultusminister Michael Piazolo. Diese heutige Anordnung, die ab kommenden Montag gilt, war aber überraschenderweise beim Schulgipfel tags zuvor nicht thematisiert worden.
 

Medienschau


Die BLLV-Präsidentin sagte zudem:

"Wir bitten, die Erwartungshaltungen runterzuschrauben. Sonst zerreißt es uns bei dem Druck, den wir vor Ort erleben, und zwar sowohl die Lehrer als auch die Kinder und die Eltern."


Aus dem Interview mit Sat1 Bayern:

"Es ist jetzt die falsche Zeit für Schuldzuweisungen. Wir müssen uns unterhaken, so wurde es in der Videokonferenz formuliert. Wir müssen schauen, wie wir zusammenhalten. Es kann jetzt nicht sein, dass wir in Krisenzeiten einander die Schuld zuweisen: Die Lehrer schimpfen auf die Eltern, die Eltern schimpfen auf die Lehrer, die Lehrer schimpfen aufs Kultusministerium, der Kultusminister auf den Ministerpräsidenten – so werden wir nicht weiterkommen! Wir müssen zusammenrutschen und verstehen, was passiert. Wir kommen nicht weiter, wenn alle durchknallen. Natürlich ist es eine schwierige Situation. Wir haben alle Ängste, wir haben Druck, es ist echt Druck im Kessel in der Schule. Aber wenn wir uns gegenseitig zerfleischen und anschuldigen, werden wir nicht weiterkommen!"

"Wenn Distanzunterricht kommt, wird erwartet, dass das zu 100% funktionieren soll. Aber wie soll das zu 100% funktionieren? In dieser Entwicklung wurden Jahre verpennt, von allen zusammen. Jetzt haben wir uns auf den Weg gemacht, haben Fortbildungen besucht und geben alles. Wir haben auch die Schulen technisch ausgestattet. Wir Lehrerinnen und Lehrer wollen den Distanzunterricht digital gut anbieten, aber wir können auch nicht zaubern."


"Wir müssen uns davon verabschieden, das hat auch der Kultusminister mehrfach gesagt, es sei ein normales Schuljahr. Die Erwartungshaltung muss heruntergeschraubt werden. Wir werden alle miteinander dafür kämpfen, dass es ein faires Schuljahr wird, in dem keiner leiden muss, in dem kein Kind verloren geht. Aber wir können einfach nicht mit der Erwartungshaltung herrangehen, dass alles so ist wie vor März."