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G9 oder doch wieder G8? Das Gymnasium braucht vor allem modernes Lernen!

In Hinterzimmern wird wegen Personalmangels an Gymnasien über eine Rückkehr zum G8 konspiriert. BLLV-Präsidentin Fleischmann stellt klar: Verständnisorientiertes, ganzheitliches Lernen ist zeitunabhängig – und auch am Gymnasium unverzichtbar!

Es wäre doch so eine elegante „Lösung“: Jetzt, wo sich auch an Gymnasien dauerhafter Lehrkräftemangel abzeichnet, würden sich auf einen Schlag jede Menge Lehrerstunden gewinnen lassen, wenn das Ganze doch wieder ein Jahr kürzer dauern würde.

Lange liefen solche Diskussionen hinter vorgehaltener Hand, schließlich sind alle an bayerischen Gymnasien Beschäftigten das Hin und Her um die „richtige“ Lerndauer Leid. Dennoch spricht manch Politiker inzwischen laut aus, dass die klammen Kassen des Freistaats jetzt die nächste Kehrtwende nach Verkürzung auf G8 im Jahr 2004 und Rückkehr zum G9 2018 gut brauchen könnten. Dabei ist gerade erst letztes Jahr der erste G9-Abiturient:innenjahrgang fertig geworden.

Rückkehr zum G8 wäre pädagogisch kontraproduktiv

Indes macht das aus pädagogischer Sicht und mit Blick auf die Herausforderungen, die Abiturient:innen in einem immer dynamischeren Weltgeschehen in Zukunft zu bewältigen haben, überhaupt keinen Sinn, wie BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann im Gespräch mit der der Frankfurter Allgemeinen Zeitung klarstellt: “Wenn man als Gesellschaft sagt, die Kinder haben mehr Bedarfe, wenn wir sagen, wir wollen die Kinder ausbilden, die Deutschland wieder nach vorne bringen, dann geht das nicht mit weniger Lernzeit, sondern mit mehr.“

Sogar der Vorsitzende des Bayerischen Philologenverbandes (bpv), Michael Schwägerl, weist eilig darauf hin, dass „ästhetische Fächer wie Kunst, Musik und Sport von zusätzlichen Stunden profitieren“ und nennt „ganzheitliche Bildung“ und „Persönlichkeitsentwicklung“ als „entscheidend“. Ungewohnte Töne von der Seite, die den BLLV für sein vehementes Eintreten für ganzheitliche Bildung und individuelle Förderung sonst gerne als „Kuschelpädagogen“ diskreditiert. Denn nach deren stets nachdrücklich verkündetem Verständnis muss an Schulen Leistung im Mittepunkt stehen und darf schon auch mal weh tun – das hat schließlich auch dem Bayerischen Ministerpräsidenten einst nicht geschadet, wie dieser oft im Chor und mit Beifall von bpv-Vertretern deklamiert.

Evidenz: Fehlanzeige!

Ist es also ausschließlich eine Frage von ausreichend Zeit, ob Schüler:innen am Gymnasium gut lernen und viel leisten, wie hier zu vermitteln versucht wird?

BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann würde diese Diskussion lieber auf Faktenbasis führen. Doch die Faktenlage bezüglich G8 vs. G9 ist dünner, als man es bei solch tiefgreifenden systemischen Änderungen erwartet: „Bei der Umstellung auf G8 und nun bei der Rolle rückwärts hat die wissenschaftliche Begleitung gefehlt“, kritisiert Fleischmann gegenüber der FAZ. Über Vor- und Nachteile „wissen wir viel zu wenig“, so die BLLV-Präsidentin weiter.

Für die Sanierer klammer Staatskassen ist das durchaus praktisch. Denn so kann man von Sachargumenten ungestört über die finanziell lohnende Rückabwicklung der Rückabwicklung sinnieren.

Rechenspiele zulasten von Jugendlichen und Lehrkräften

Auch der BLLV kennt die prekäre Lage der Staatsfinanzen nur zu gut. Schließlich schlagen sich seine Lehrerinnen und Lehrer täglich mit den Folgen herum: Genau deshalb ist ja seit geraumer Zeit keine solide Personalversorgung bayerischer Schulen gemäß des Stellenwerts möglich, die der Bildung im Freistaat eigentlich zukommen müsste. Nächstes Schuljahr kommt dann noch ein Stellenmoratorium dazu. „Die Rückumstellung auf G9 bedeutet einen Mehrbedarf an den weiterführenden Schulen von 1400 Lehrerinnen und Lehrern bis 2030“, rechnet Simone Fleischmann in der FAZ dazu vor und räumt ein: „Den CSU-Mann, der jetzt wieder Richtung G8 denkt oder der sich fragt, war die Rückabwicklung von G8 wirklich nötig, den kann ich zumindest verstehen.“

Während aber die einen jenseits pädagogischer Kriterien neue Sparpakete zum Preis erneuter systemischer Disruptionen am Gymnasium schnüren wollen und andere reflexartig in den Bestandsschutzmodus mit geborgten Argumenten schalten, plädiert der BLLV für einen Fokus auf Lernerfolge am Gymnasium – am besten auf der Basis empirischer Erkenntnisse, wie diese sich erzielen lassen. „Wir sehen, was hier gerade gespielt wird“, sagt Simone Fleischmann daher und stellt klar: „Umso mehr bleibt der BLLV bei seinem ganzheitlichen Lernbegriff, der auch und gerade am Gymnasium so wichtig ist.“

Fachlich entrümpeln, verständnisorientiert fördern

Denn statt Sparpotenzialen und „Weiter so“ sollten am Gymnasium aus Sicht des BLLV phänomenologisches, fächerübergreifendes und verständnisintensives Lernen die Ziele sein. Zu erreichen ist das durch einen modularen Ansatz gymnasialen Lernens, für den sich der BLLV einsetzt: Nach der sechsten Jahrgangsstufe wird das Lernen individuell organisiert, und zwar in einer Kombination von einerseits Fachmodulen mit den lehrplangemäßen Inhalten einer Jahrgangsstufe, dazu kommen Zusatzmodule für den Ausbau von Stärken, den Ausgleich von Schwächen oder das Nachholen bei Lernzeitverlängerungen sowie schließlich mit Projektmodulen für das tiefe Eintauchen in Themenkomplexe, die fächerübergreifend angeboten werden und Lehrplaninhalte der Sachfächer abdecken.
 
Dieser Ansatz führt weg vom separierten Fachlichkeitswahn hin zum Verstehen komplexer interdisziplinärer Prozesse durch das pädagogisch abgestimmte Zusammenwirken von Lehrkräften aus verschiedenen Bereichen für einen höheren Erkenntnisgewinn der Schülerinnen und Schüler. Er bedeutet zugleich, Leistung nicht als ein Reproduzieren von willkürlich festgelegten Stoffpaketen zu sehen, das sich vermeintlich juristisch wasserdicht abprüfen lässt (obwohl das faktisch KI-Schummeleien Tür und Tor öffnet), sondern als Nachweis von individuellen Verstehensprozessen, aus denen Schüler:innen Kompetenzen entwickeln, die daher auch in kompetenzorientierten Formaten gemessen und rückgemeldet werden.

Wollen wir echte Lernorte oder bloße Prüfungsanstalten?

Ein modulares Gymnasium nimmt nebenbei auch die Entscheidung über die angemessene Lerndauer aus der Hand von sparwütigen Politikern oder Bestandsschutzvertretern und überlässt sie denen, die das am besten beurteilen können: Schüler:innen können in diesem Ansatz ihre Lernmodule verdichten und beispielsweise Klassen so faktisch überspringen – oder, bei erhöhtem Nachholbedarf oder schwierigen persönlichen Situationen im Lauf ihrer Gymnasialbiografie, den Lernzeitraum dehnen – immer auf der Basis des Austauschs mit Lehrkräften, die fortlaufend individuelle und verbindliche Rückmeldung zum persönlichen Leistungsstand geben.

„Es muss am Gymnasium ums Lernen gehen statt ums Belehren und Abprüfen – dafür hat der BLLV ein klares Konzept“, betont BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann daher und mahnt: „Wenn es wirklich um den Bildungserfolg zukünftiger Abiturjahrgänge geht, dann brauchen wir uns nicht um 8 oder 9 Jahre streiten oder Rechenspiele um Personaleinsparungen spielen.“