Wieder einmal läuft die Debatte hochemotional, weil die Hochkultur, vielleicht gar die nationale Identität, bedroht scheint: Goethe und Schiller werden selbst an Gymnasien nicht mehr in ihrer vollen literarischen Sprachmacht rezipiert, sondern in einfacher Sprache, wie der Tagesspiegel berichtet. Kulturpessimisten und Neurologen warnen sogleich vor dem Verlust nationalen Kulturgutes, elementarer geistiger Fähigkeiten und mehr.
Dabei handelt es sich lediglich um ein methodisches Instrument, wie BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann gegenüber Zeitungen der Ippen-Mediengruppe erläutert: „Zusammenfassungen in vereinfachter Sprache, Schaubilder zum Text: das sind didaktische Möglichkeiten, damit Schüler Schiller und Goethe verstehen.“
Didaktik & Methodik: schrittweise Schwierigkeit steigern
Aus pädagogischer Sicht geht es schließlich sehr häufig darum, komplexe Inhalte, Prozesse und Kompetenzen schrittweise zu erarbeiten, also Anspruch und Schwierigkeit sukzessive mit den Verständnisprozessen der Schüler:innen zu steigern. Im besten Fall wird dabei auf die unterschiedlichen Ausgangssituationen eingegangen. „Das ist dann erstmal nur gute individuelle Förderung“, betont die BLLV-Präsidentin dementsprechend.
Wichtig ist dann aber schon auch, dass leistungsstarke Schüler:innen ihre Fähigkeiten ebenfalls entwickeln können. Weil aber individuelle Förderung in beiden Fällen aufwändig ist und an Schulen seit Jahren Personalmangel herrscht, ist aktuell beides schwierig. „Es darf kein allgemeiner Trend werden, das Niveau für alle zu senken – wir müssen die Spitzenkompetenzen bestehen lassen!“, fordert Simone Fleischmann daher.
Goethe oder nicht Goethe: Das ist eine Frage der Grundschulbildung
Die Basis dafür wird aber woanders gelegt als am Gymnasium, an dem sich die Debatte jetzt entzündet hat: nämlich bereits in der Grundschule! „Dort und in der Vorschulbildung müssen wir die Grundlagen für sicheres Lesen schaffen“, fordert die BLLV-Präsidentin daher. „Dann braucht es im Gymnasium auch keine vereinfachte Version von Goethes Faust.“
Zugleich mahnt Fleischmann, dass an den Grundschulen die Heterogenität auch am größten ist, also am meisten differenziert und individuell gefördert werden müsste.
Wer also angesichts des Einsatzes von Klassikern in einfacher Sprache an Gymnasien den Untergang des Abendlandes nahen sieht, sollte sich vielleicht fragen, ob in den letzten Jahren genug in das Schaffen der Grundlagen für die Arbeit am Original investiert worden ist – und ob eine aufgeregte, isolierte Diskussion um die Hochkultur daran irgendetwas ändert.
» zum Bericht der OVB-Medien: „Bedenklicher“ Trend im Deutschunterricht an Gymnasien löst Diskussionen aus“
Debatte um einfache Sprache bei Goethe & Co.
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Klassiker-Lektüre: Individuell fördern, Spitzenkompetenzen erhalten
Große Aufregung, weil Faust an Gymnasien in einfacher Sprache gelesen wird. BLLV-Präsidentin Fleischmann stellt klar: Individuell fördern heißt sowohl Schüler:innen mitnehmen, die Unterstützung in der Sprachkompetenz brauchen, als auch Leistungsstarke zu fordern.