In der aktuellen Folge des Podcasts „Kaffee, extra schwarz“ des Bayerischen Rundfunks fragen die Gastgeber Oliver Mayer-Rüth, ehemaliger ARD-Auslandskorrespondent in Tel Aviv, und Ahmad Mansour, israelisch-deutscher Autor und Psychologe, was gegen Judenhass im Klassenzimmer zu tun ist. Im Gespräch mit BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann wird schnell deutlich, dass Toleranz und respektvoller Umgang miteinander komplexe Bildungsziele sind, die für Lehrkräfte bei den aktuellen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen immer schwerer zu erreichen sind.
Mayer-Rüth erinnert sich in der eigenen Schulzeit an einen sensiblen und bewussten Umgang mit Antisemitismus und fragt, ob Themen wie Holocaust und Shoa heute in Schulen nicht mehr präsent genug sind. Mansour sieht eine starke Verbreitung von antisemitischem Gedankengut auf TikTok und Instagram. Simone Fleischmann räumt ein, dass inzwischen zwar weniger Zeitzeugen berichten können, stellt aber klar: „Ich habe nicht den Eindruck, dass die Erinnerungskultur verloren geht. Die Verankerung in den Lehrplänen ist da, die Wichtigkeit des Themas erst recht. Und wenn Kinder auch in sozialen Medien ‘gebildet‘ werden, müssen wir erst Recht ein Gegengewicht liefern!“
Klares Bekenntnis!
Fleischmann verweist dazu auch auf das Projekt Erinnern des BLLV: „Unser Verband bietet eine Plattform zur Erinnerungskultur, auf der wir viele Materialien einstellen, damit die Kollegin in der siebten Klasse, in der neunten Klasse, in den unterschiedlichen Schularten, Möglichkeiten dafür hat!“
Das Interesse der Jugendlichen sei enorm, zugleich sehen sich Lehrerinnen und Lehrer immer häufiger mit Kritik, Anfeindungen und sogar Denunziation konfrontiert, wenn sie bei politischer Bildungsarbeit auch ihre eigene Position offenbaren. Dabei ist das nicht nur erlaubt, sondern auch dringend nötig, schildert Simone Fleischmann:
„Es gibt Kinder, die fragen zur Kriegssituation: ‘Für wen sind sie denn? Für Israel?‘ Sie konfrontieren die Lehrerin mit ihrer Fragehaltung. Das ist das Beste, was uns passieren kann als Schule, dass eine echte Frage im Raum steht! Dann gibt eine Lehrerin ihre politische Einstellung preis. Das darf sie, das ist nicht verboten. Ich habe selbst als Schulleiterin oft Persönliches von mir erzählt. Denn ich muss nicht neutral sein – aber ich muss eine andere Einstellung daneben stellen, damit sich die Jugendlichen dann ein eigenes Urteil bilden können! Das ist Bildung. Diese Offenheit der Lehrerinnen und Lehrer ist der Schlüssel zu jeglicher Erinnerungskultur, der Schlüssel zu jeglicher politischer Bildung. Denn wenn ich immer nur sage, ich bin neutral, ich sage hier nicht, wie ich ticke, wenn ich nicht zeige, wie meine Einstellung und Haltung ist, dann kommen wir nicht zu tiefen Bildungsprozessen.“
An welchen Fragen hängt unsere Zukunft wirklich?
Entscheidend dabei ist aus Sicht der BLLV-Präsidentin, Schülerinnen und Schülern vorzuleben und zu vermitteln, wie sie mit anderen Einstellungen, Meinungen und Haltungen umgehen können: „Leider gelingt es in der Gesellschaft selten, dass Menschen, die unterschiedliche Haltungen haben, sich ordentlich begegnen. Das ist aber das Ziel von Schule! Und dann hast du da an einer Mittelschulklasse vielleicht einen Migrationsanteil von 80 %. Dann musst du überlegen, was bringt denn der Schüler von zuhause mit, wie wird da gesprochen? Was macht der jetzt, wenn ein Mitschüler eine ganz andere politische Einstellung hat? Wie gehst du um mit Themen wie Antisemitismus? Wie gehst du um mit Sätzen wie ‘Eigentlich müssten die Ausländer hier raus‘? Die kannst du ja nicht verbieten im Klassenzimmer, sondern du musst mit diesen kritischen Einstellungen und den großen geopolitischen Themen der Jugendlichen umgehen, den ganzen Lehrplan beiseiteschieben und sagen: ''So, jetzt setzen wir uns zusammen und jetzt gilt es, mit unseren Kommunikationsregeln in die Tiefe zu gehen.'“
Diese intensiven Dialog- und Bildungsprozesse scheitern indes zu oft an Zeit- und Personalmangel, kritisiert Simone Fleischmann: „Wenn wir nur dieses Thema hätten, wäre es gut, denn dann könnten wir uns vernünftig damit beschäftigen. Wir sollen aber auch noch Hymnen singen, die Verfassungsviertelstunde und die Bewegungshalbestunde machen, den Pythagoras unterrichten, den Kindern das Radfahren beibringen und, und, und. Aber die Frage muss doch sein: Was ist die Kompetenz, die Menschen brauchen, um in dieser Gesellschaft in Zukunft zurecht zu kommen? Wenn ich nicht akzeptiere, dass es Menschen gibt, die woanders herkommen, die eine andere Historie haben, die eine andere Religion haben, eine andere Haltung haben, anders aussehen, anders sprechen, wenn wir nicht den Wert von dem erkennen und in der Schule leben, dann sehe ich schwarz für die Zukunft.“
Respekt und Toleranz vermitteln braucht Haltung, Offenheit und Vorbilder
Judenhass im Klassenzimmer ist das Thema des BR-Podcasts „Kaffee, extra schwarz“. BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann stellt klar, dass Schulen Toleranz und politische Bildung als zentrale Aufträge annehmen und fordert Politik und Gesellschaft als Vorbilder.
Der Podcast in voller Länge
Judenhass im Klassenzimmer – was tun? Gespräch mit Simone Fleischmann, Präsidentin des BLLV
Politik muss Vorbild sein und mutig entscheiden
Daher wünscht sich die BLLV-Präsidentin von der Politik auch keine strikten Vorgaben für Demokratiebildung oder mehr Material, sondern dass diese ihre Vorbildfunktion erfüllt: „Schulen zeigen klare Kante gegen Antisemitismus: Als ich 2016 erlebt habe, was im bayerischen Parlament für Äußerungen über diese Menschen damals losgelassen wurden, hat unser Verband das Manifest HALTUNG ZÄHLT! herausgegeben. Ich erwarte mir als Lehrerin von der Politik nicht, dass sie sich in mein Klassenzimmer einmischt. Leider haben wir in Bayern so einen Ministerpräsidenten, der direkt hineinregiert in die Klassenzimmer. Das ist echt schade, denn wir sind schon selber denkende Menschen und wollen unsere Expertise einbringen. Deswegen erwarte ich von der Politik, Vorbild zu sein in solchen Diskussionen. Wenn sie sich in manche Parlamente setzen, dann ist da nichts von ‘Wir gehen sensibel miteinander um‘. Und das betrifft nicht nur diese eine Partei, sondern auch andere. Ich erwarte Vorbildfunktion in der Politik!“
Zur Kritik von Ahmad Mansour, dass in deutschen Schulen nicht wie in Israel schwerpunktmäßig Medienkompetenz, Robotik, Informatik und Geopolitik unterrichtet werde, regt Fleischmann eine offene Diskussion über die Aufgaben von Schule an. Denn einfach zusätzlich zu den bestehenden Aufgaben, sei das nicht leistbar:
„Wir müssten jetzt hergehen und sagen, wir legen einen weißen Zettel auf den Tisch und klären auf wissenschaftlicher Basis: Was sind die Future Skills? Welche Kernkompetenzen braucht ein Jugendlicher in fünf oder zehn Jahren? Bestimmt nicht Auswendiglernen! Eigentlich haben wir ja schon einen kompetenzorientierten Lehrplan, das ist Wissen angewendet, so müssten wir lernen und prüfen. Aber warum fragen wir stattdessen auswendig gelerntes Wissen ab, an das sich zwei Wochen nach der Schulaufgabe niemand mehr erinnert? Weil das die politische Vorgabe ist. Genau dieser Diskussion müssten wir uns stellen. In Bayern wird eine High Tech Agenda aufgelegt und nicht nachgedacht, dass es vorher eine High TEACH Agenda bräuchte. Wer soll denn sonst das High Tech umsetzen? Wir wollen doch die Kinder bei uns dafür entwickeln. Dieses Gap zwischen High Tech und High Teach müsste geschlossen werden. Das muss die Politik machen. Aber der Mut der Politik, wirklich was Großes zu verändern, fehlt!“
Leistung ja, Differenzierung aber bitte auch!
Auch die Kritik an mangelnder Leistungsorientierung, beispielsweise mit Blick auf die Reform der Bundesjungendspiele oder im Jugendvereinsfußball relativiert die BLLV-Präsidentin: „Der Wettbewerbsgedanke heißt: Ich will gut sein. Jeder von uns will gut sein. Aber wir haben auch Schülerinnen und Schüler, die immer scheitern, die immer Fünfer und Sechser haben, die immer hören: Kannst du nicht, kannst du nicht, kannst du nicht! Und keiner hilft ihnen. Dann gibt es die Guten, die sagen: Ich will eine Eins haben und hatte nur eine Zwei. Da lerne ich jetzt ganz viel. Und dann frage ich den Papa und dann ziehe ich mir noch einen Podcast rein. Das ist eine ziemliche Spreizung. Dieses Kind, das jeden Tag Fünfer und Sechser heimbringt, das verlieren wir dabei. Dafür müssen wir uns andere Möglichkeiten überlegen, wie wir Feedback geben.
Wir haben Kinder, die in der zweiten Klasse drei Sprachen sprechen, aber leider nicht so gut Deutsch, sie sind aber hochintelligent. Aber sie müssen jetzt die Deutschschulaufgabe schreiben. Die Frage ist schon: Wie gehen wir individualisiert mit all diesen Kindern um? Das heißt nicht, dass wir jedem Kind die Eins schenken. Aber eine individuelle Bezugsnorm, wie der Fachbegriff lautet, wäre wichtig: Im Diktat 20 Fehler, das ist immer eine Sechs. Wenn er aber nächstes Mal anstatt 20 Fehler nur zwölf Fehler hat, ist es immer noch eine Sechs. Ist das motivierend? Wir sind nicht gegen Noten geben oder gegen Leistung, aber eine individuelle Bezugsnorm ist manchmal besser. Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, Kinder zu motivieren, Stärken zu bilden und Leistung zu fordern – aber bitte nicht immer von allen immer das Gleiche zum gleichen Zeitpunkt.“
Eltern geben gesellschaftlichen Druck an Kinder und Lehrkräfte weiter
Zudem wirkt sich der gesellschaftliche bedingte Leistungsdruck, den gerade auch Eltern verspüren, genau auf die Problematik von Ausgrenzung und Intoleranz aus, wie Simone Fleischmann schildert: „Wenn in einer Klasse schwierige Kinder sind, dann kommen die Eltern und sagen: ‘Können Sie diesen schwierigen Fratzen in eine andere Klasse setzen? Doch nicht zu meiner Marie-Luise! Die muss hier gut gefördert werden, die muss ja zum Gymnasium.' Wir erleben also eine Spaltung aufgrund von Leistungsansprüchen. Da kommen die Eltern und klagen die Noten ein. Als Schulleiterin habe ich mich mit Rechtsanwälten herumschlagen müssen, dass diese Schulaufgabe richtig konzipiert ist, dass sie die Niveaustufen integriert, dass sie nach dem Lehrplan angelegt ist, dass der Bewertungsmaßstab stimmt, weil die Eltern mir erklären wollten, es ist keine Drei, sondern es ist eine Zwei, weil mein Kind kommt zum Gymnasium.
Wir haben eine Ellenbogengesellschaft nach dem Motto: ‘Wo bin ich stark, wo kann ich hinkommen und wie kann ich die anderen vielleicht ein bisschen rausboxen?’ Eltern sagen zu Hause: ‘Mein Gott, wenn der Mustafa nicht in dieser Klasse wäre!‘ Am nächsten Tag sitzt der Mustafa neben Anne-Sophie. Und du bittest als Lehrerin die Anne-Sophie, Mustafa zu helfen. Anne-Sophie würde dem Mustafa übrigens gerne helfen, weil die Kinder diese Spaltung nicht haben. Aber die Eltern machen Dampf!“
Rote Linien und mehr Rückendeckung
In einem solchen Klima ist es dann auch schwierig, Respekt und Toleranz gegenüber Lehrkräften einzufordern. Zum Fall eines muslimischen Schülers, der seiner Schulleiterin bei der Abschlussfeier aus religiösen Gründen den Handschlag verweigerte oder für Fälle von sexualisierten Beleidigungen gegen Lehrerinnen stellt BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann klar:
„Es gibt einen eindeutigen Bildungs- und Erziehungsauftrag. Wenn wir irgendwas tun wollen, dass diese Gesellschaft nicht noch mehr auseinanderbricht, dann können wir nicht die Ohren zu machen, die Augen zu machen und sagen: ‘Hier ist alles kuschelig.‘ Wenn mich ein Schüler beschimpft, dann sitzt der mit mir im Vieraugengespräch in meinem Büro. Wir diskutieren das aus, es gibt eine Strafe und die Eltern werden einbestellt, volles Programm. Volles Programm heißt allerdings, viel Zeit an diesem Kind arbeiten. Wenn das überhandnimmt, beispielsweise an einer Brennpunktschule, dann bleibt erst Recht nur, mit diesen Kindern an ihrer respektvollen Haltung zu arbeiten, sie zurechtzuweisen, klarzustellen: ‘So redest du nicht mit mir, so gehst du nicht mit mir um!‘ Dann braucht es auch Projekte für Prävention, Intervention, gewaltfreie Kommunikation, also das ganz große Fass. Und die Unterstützung dafür!“
» zum Podcast: „Judenhass im Klassenzimmer – was tun? Gespräch mit Simone Fleischmann, Präsidentin des Bay. Lehrerverbands“