Es ist ermutigend, wenn sich zeigt, dass die Richtung stimmt. Der BLLV wirbt schon lange dafür, Handlungsräume zu öffnen, Eigenverantwortung zu stärken und Lernen stärker als Prozess zu verstehen. Genau solche Gedanken finden sich nun in den angekündigten Veränderungen wieder.
Wenn man Prüfungskultur aber ernsthaft weiterentwickelt, darf man bei den Leistungserhebungen im laufenden Bildungsgang nicht stehen bleiben, dann muss man auch auf die Abschlussprüfung schauen. Dabei geht es nicht darum, die Abschlussprüfung leichter zu machen. Es geht darum, sie so zu organisieren und weiterzuentwickeln, dass Schülerinnen und Schüler ihre Leistung unter fairen Bedingungen zeigen können und dass sichtbar wird, was junge Menschen heute brauchen: verstehen, anwenden, argumentieren, präsentieren, urteilen, Probleme lösen, Verantwortung übernehmen.
Aus Sicht der Fachgruppe Realschule im BLLV sind drei Dinge zentral:
Erstens: Die Abschlussprüfungen müssen deutlich früher stattfinden.
Nicht kosmetisch verschoben, sondern so, dass sie nicht mehr in die besonders heiße Phase am Schuljahresende fallen. Wer in diesen Tagen durch ein Schulhaus geht, weiß, dass das kein theoretisches Problem ist. Nicht klimatisierte Klassenzimmer und mehrere Stunden zentrale Prüfung bei über 30 Grad: Das sind keine fairen Prüfungsbedingungen.
Die Prüfung nach vorne zu schieben schützt jedoch nicht nur die Prüflinge vor der Sommerhitze, sondern entzerrt auch die extreme Arbeitsverdichtung für die Lehrkräfte. Wenn Abschlussprüfung und Notenbildung und Zeugnisvorbereitung der unteren Klassen nicht mehr komplett in den gleichen Zeitraum fallen, bedeutet das eine spürbare und dringend nötige Entlastung.
Zweitens: Die schriftlichen Prüfungen müssen entzerrt werden.
Denn sie liegen an der Realschule insgesamt viel zu dicht beieinander. Besonders deutlich wird das im Französisch-Zweig: Dort finden vier mehrstündige Prüfungen an vier aufeinanderfolgenden Werktagen statt. Aber auch für die anderen Wahlpflichtfächergruppen bleibt die Taktung sehr eng.
Bei Schulaufgaben verbietet die Schulordnung eine solche Häufung aus gutem Grund. Dass ein anderer Weg organisatorisch machbar ist, zeigt die angekündigte Entzerrung bei den zentralen Abschlussprüfungen der Mittelschule, wo ab dem kommenden Schuljahr prüfungsfreie Tage verankert werden. Was dort richtig ist, gilt für die Realschule nicht weniger.
Drittens: Auch die Prüfungsformate müssen weitergedacht werden.
Schule bereitet auf eine Welt vor, in der Menschen erklären, zuhören, argumentieren, präsentieren und gemeinsam Lösungen finden müssen. Diese Kultur der Mündlichkeit ist längst Teil guten Unterrichts. In der Abschlussprüfung bildet sie sich bislang nur begrenzt ab. Deshalb sollten mündliche, anwendungsbezogene und reflexive Elemente stärker berücksichtigt werden: mit klaren Kriterien, Vergleichbarkeit und ohne Absenkung des Anspruchsniveaus.
Die aktuelle Hitzewelle macht die Dringlichkeit besonders sichtbar. Man kann sagen: Abschlussprüfungen waren schon immer anstrengend. Das stimmt. Aber nicht jede Zumutung ist pädagogisch sinnvoll. Ein anspruchsvoller Abschluss bleibt anspruchsvoll, auch wenn er früher stattfindet. Er bleibt anspruchsvoll, wenn zwischen den Prüfungen ein Tag Pause liegt. Und er bleibt anspruchsvoll, wenn neben schriftlicher Leistung auch mündliche und anwendungsbezogene Kompetenzen sichtbar werden.
Die Weiterentwicklung der Prüfungskultur ist angestoßen. Das verdient Anerkennung. Jetzt sollte der nächste Schritt folgen: die bayerische Abschlussprüfung an der Realschule so weiterzuentwickeln, dass sie Qualität sichert, faire Bedingungen schafft und noch besser sichtbar macht, was Schülerinnen und Schüler wirklich können.