PD Dr. Christoph Lindner / Fotograf: Robert Larsen
PD Dr. Christoph Lindner / Fotograf: Robert Larsen
BLLV-Interview mit Privatdozent (PD) Dr. Christoph Lindner

Sport und psychische Gesundheit in der Schule

Im Interview mit dem BLLV spricht Privatdozent Dr. Christoph Lindner über Sportpsychologie, Gesundheitsförderung, Leistungsdruck, Motivation und die Bedeutung seiner Erkenntnisse für die Schule.

I. Um was geht es in der Sportpsychiatrie?

I.1. Als Einstiegsfrage: Was ist der Fokus Ihrer aktuellen Forschung am Max-Planck-Institut für Psychiatrie?

 

Dr. Christoph Lindner: Am Max-Planck-Institut für Psychiatrie beschäftige ich mich aktuell mit Methoden der psychologischen Diagnostik und untersuche unter anderem, wie Veränderungen psychiatrischer Symptome mit Veränderungen der funktionellen Vernetzung im Gehirn einhergehen. Mein eigener Forschungsschwerpunkt reicht aber deutlich weiter zurück und liegt seit vielen Jahren auf den psychologischen Mechanismen selbstkontrollierten Verhaltens in Leistungssituationen. 

Mich interessiert sozusagen, was hinter der psychologischen „Kulisse“ im zeitlichen Verlauf passiert, wenn es Menschen mehr oder weniger gelingt, sich über längere Zeit zu konzentrieren und anzustrengen, um bei einer Leistungshandlung möglichst erfolgreich abzuschneiden. Eine Leistungshandlung kann beispielsweise das fokussierte schulische Lernen am Schreibtisch ebenso wie ein Langstreckenlauf beim Sport sein. Hinter jeder Handlung stecken individuelle Ziele, wie beispielsweise nach einer Stunde 30 Englischvokabeln zu können oder beim Joggen fünf Kilometer zu laufen. Die Frage ist, warum es manchen Menschen häufiger gelingt, solche Ziele zu erreichen, während andere vorher abbrechen oder entsprechende Leistungshandlungen ganz vermeiden. Wenn wir die zugrunde liegenden psychologischen Prozesse besser verstehen, können wir konkrete Fördermaßnahmen sowohl für erfolgreiches schulisches Lernen als auch für die regelmäßige Ausübung von Sport ableiten.

Selbstkontrolle brauchen wir vor allem dann, wenn wir an solchen Zielen festhalten wollen, obwohl die weitere Anstrengung zunehmend unangenehm wird und gleichzeitig attraktivere Handlungsalternativen auftauchen. Beim Lernen müssen wir unsere Aufmerksamkeit auf die Lerninhalte richten und Ablenkungen ausblenden. Beim Laufen müssen wir weiter Anstrengung investieren, unser Tempo und unsere Atmung regulieren. Mit der Zeit kann unsere Aufmerksamkeit leichter abschweifen. Beim Lernen denken wir vielleicht an die neue Serie auf Netflix oder unser Blick wandert zum Smartphone. Beim Laufen wird der Gedanke attraktiver, einfach stehen zu bleiben. Dadurch entstehen während der Leistungshandlung leichter Konzentrationslücken und Fehler und wir müssen zusätzliche Anstrengung aufbringen, um wieder zum eigentlichen Ziel zurückzukehren. Genau daraus kann ein Kreislauf entstehen. Die Tätigkeit wird anstrengender, andere Handlungen erscheinen attraktiver und irgendwann suchen wir Erholung oder eine unmittelbarere Belohnung und wechseln das Handlungsziel.

Interessanterweise kann dieser Prozess bereits beginnen, bevor wir uns bewusst gelangweilt oder erschöpft fühlen. In unseren eigenen Experimenten konnten wir beispielsweise zeigen, dass Menschen nach vorheriger hoher mentaler Beanspruchung stärker durch eigentlich irrelevante Informationen abgelenkt werden.1 Wie lange wir trotzdem weitermachen, hängt auch davon ab, wie wichtig und erstrebenswert uns das Ziel erscheint. Wird die erwartete Belohnung erhöht, können Menschen wieder mehr Anstrengung investieren und ihre Leistung verbessern.2

Ich habe hier natürlich absichtlich dieses eher negative Bild gezeichnet, um die Herausforderungen in Leistungssituationen und vor allem das frühzeitige Beenden einer Leistungshandlung darzustellen. Dabei ist die spannende Frage, warum es manchen Menschen besser gelingt, länger fokussiert zu lernen oder sich immer wieder zu überwinden, laufen zu gehen.

Solche Unterschiede hängen unter anderem mit Persönlichkeitseigenschaften wie der Gewissenhaftigkeit zusammen. Auch Kontrollfunktionen des Gehirns spielen eine Rolle, die uns dabei helfen, Ziele aufrechtzuerhalten sowie Impulse und Emotionen zu regulieren. Hinzu kommen die eingesetzten Strategien, etwa Ablenkungen zu vermeiden, realistische Teilziele zu setzen oder bewusst Pausen einzuplanen. Gerade in der Schule sollten Lerninhalte deshalb Interesse wecken, an die Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler anknüpfen und zum eigenständigen Denken anregen. Gleichzeitig müssen Kinder und Jugendliche lernen, sich selbst sinnvolle Lernziele zu setzen und ihren Lernprozess zunehmend eigenständig zu steuern.

All das spielt natürlich auch eine Rolle bei der Frage, ob Menschen regelmäßig Sport treiben und langfristig dabeibleiben. Und damit sind wir beim Hauptthema des Interviews angekommen. Am Max-Planck-Institut untersuchen wir nämlich auch, welche Rolle körperliche Aktivität und Bewegung für die psychische Gesundheit von Patientinnen und Patienten spielen. Mich interessiert dabei vor allem, wie wir die Selbstkontrolle und Willenskraft von Menschen fördern können, damit es ihnen leichter fällt, regelmäßig Sport zu treiben.

II. Bedeutung von Bewegung für die Psyche

II.1. Wenn wir von psychischer Gesundheit sprechen: Welche Auswirkungen hat regelmäßige Bewegung wissenschaftlich nachweisbar auf unser Gehirn und unsere Psyche?

 

Dr. Christoph Lindner: Regelmäßige körperliche Aktivität kann unser Gehirn auf unterschiedlichen Ebenen verändern. Dabei verändern sich die Bedingungen, unter denen Nervenzellen arbeiten, sich miteinander verschalten und an neue Anforderungen anpassen. Diese Anpassungsfähigkeit bezeichnet man als Neuroplastizität.

Bewegung kann dafür mehrere biologische Prozesse anstoßen. Dazu gehört die Ausschüttung von Wachstumsfaktoren im Gehirn, die den Erhalt und die Anpassung von Verbindungen zwischen Nervenzellen unterstützen. Gleichzeitig verbessert körperliche Aktivität die Durchblutung und Gefäßversorgung des Gehirns und beeinflusst Botenstoffsysteme wie Dopamin, Serotonin und Noradrenalin. Diese chemischen Signalstoffe ermöglichen die Kommunikation zwischen Nervenzellen und sind unter anderem für Aufmerksamkeit, Motivation und Stimmung wichtig. Hinzu kommen Wirkungen auf die Regulation unseres Stresssystems und auf entzündliche Prozesse. Entscheidend ist, dass es dabei nicht den einen Mechanismus gibt. Bewegung wirkt über mehrere miteinander verknüpfte biologische Systeme auf das Gehirn.

Auf der psychologischen Ebene zeigen große Übersichtsarbeiten, dass regelmäßige körperliche Aktivität Symptome einer Depression oder Angststörung lindern und das psychische Wohlbefinden verbessern kann.3 Wenn wir von Sport sprechen, kommen zu der Bewegung außerdem Ziele, Regeln, Leistung und oft auch das gemeinsame Erleben mit anderen hinzu. Dadurch entstehen zusätzliche psychologische Erfahrungen.

Beim Sport merke ich sehr unmittelbar, dass ich mich durch Übung verbessern, Anstrengung bewältigen und nach Rückschlägen weitermachen kann. Das kann das Kompetenzerleben und die Selbstwirksamkeit stärken, also die Überzeugung, durch das eigene Handeln etwas bewirken zu können. Sport verlangt außerdem, Aufmerksamkeit, Emotionen und Anstrengung zu regulieren. Er macht einen Menschen deshalb nicht automatisch resilient, kann aber Fähigkeiten und Erfahrungen fördern, die beim Umgang mit Belastungen helfen. Beim gemeinsamen Sport kommen soziale Unterstützung und Zugehörigkeit hinzu.

 

II.2. Gibt es bereits nachgewiesene Unterschiede zwischen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen hinsichtlich der Wirkung von Bewegung? Wenn ja, welche?

 

Dr. Christoph Lindner: Positive Wirkungen von Bewegung finden wir grundsätzlich bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Was wir bisher aber nicht seriös sagen können, ist, dass eine Altersgruppe generell stärker profitiert als eine andere. Dafür gibt es zu wenige Studien, in denen die Wirkung von Bewegung direkt zwischen verschiedenen Altersgruppen verglichen wird.

Was sich unterscheidet, sind eher die Bereiche, in denen Wirkungen besonders gut untersucht und nachgewiesen sind. Bei Kindern befindet sich das Gehirn noch stark in Entwicklung. Bewegungsprogramme zeigen hier zum Beispiel kleine positive Effekte auf das Arbeitsgedächtnis und die Fähigkeit, neue Probleme zu lösen. Für Aufmerksamkeit und schulische Leistungen insgesamt sind die Ergebnisse dagegen weniger eindeutig.4

Bei Kindern und Jugendlichen sehen wir außerdem positive Zusammenhänge mit der psychischen und sozialen Entwicklung. Sport ist unter anderem mit höherem Selbstwert und größerer Lebenszufriedenheit, stärkerer sozialer Zugehörigkeit sowie weniger Symptomen einer Depression oder Angststörung verbunden.5

Auch Erwachsene profitieren psychisch deutlich von körperlicher Aktivität. Hier gibt es eine sehr breite Studienlage dazu, dass Bewegung Symptome einer Depression oder Angststörung und allgemeine psychische Belastungen verringern kann.3 Im höheren Erwachsenenalter kommt ein weiterer Aspekt hinzu. Bewegung kann offenbar dazu beitragen, altersbedingte Veränderungen des Gehirns abzumildern. Eine aktuelle Meta-Analyse deutet beispielsweise darauf hin, dass Bewegung vor allem dabei hilft, Hirnvolumen zu erhalten und dass dieser Effekt bei älteren Menschen stärker ausfällt.6

III. Gesundheitsförderung in der Schule

III.1. Kinder und Jugendliche verbringen einen Großteil ihres Tages in der Schule. Welche Verantwortung und welche Chancen hat Schule aus Ihrer Sicht für die psychische Gesundheit?

 

Dr. Christoph Lindner: Schule hat hier eine große Chance, aber auch Verantwortung. Wie Unterricht gestaltet ist, wie Schülerinnen und Schüler miteinander umgehen und welche Unterstützung sie bei Belastungen erhalten, kann ihre Lebenszufriedenheit, ihr Wohlbefinden und ihre psychische Gesundheit wesentlich mitprägen. Die PISA-2025-Ergebnisse zeigen nicht nur, dass die Kompetenzwerte der 15-Jährigen in Deutschland in Naturwissenschaften, Lesen und Mathematik so niedrig wie nie zuvor sind. Sie zeigen auch, dass die durchschnittliche Lebenszufriedenheit der Jugendlichen seit 2015 deutlich zurückgegangen ist. Sie hat sich zwar wieder etwas erholt, liegt aber weiterhin unter dem Niveau vor der Pandemie und aktuell auch unter dem OECD- und EU-Durchschnitt. Lebenszufriedenheit ist natürlich nicht mit psychischer Gesundheit gleichzusetzen, sie steht aber mit psychischer Gesundheit in engem Zusammenhang. Gerade vor diesem Hintergrund ist besonders problematisch, dass laut PISA 2025 etwa ein Drittel der 15-Jährigen nicht einmal ausreichende Basiskompetenzen im Lesen erreicht. Sprache und Texte sicher verstehen zu können, ist nicht nur eine grundlegende Voraussetzung für Bildungserfolg und spätere berufliche Chancen, sondern auch für soziale Teilhabe und damit für Bedingungen, die eng mit Wohlbefinden zusammenhängen. Sprachförderung muss deshalb bereits in der Kita ansetzen.7

An diesen Voraussetzungen für Wohlergehen und gesellschaftliche Teilhabe setzt auch eine Stellungnahme der Leopoldina an. Die Leopoldina ist die Nationale Akademie der Wissenschaften in Deutschland und berät Politik und Öffentlichkeit auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse. Eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe hat sich über zwei Jahre damit beschäftigt, wie das Wohlergehen und die Entfaltungsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen gestärkt werden können. Eine zentrale Rolle schreibt sie dabei den Selbstregulationskompetenzen zu, weil diese sowohl für psychische und körperliche Gesundheit als auch für Bildung und soziale Teilhabe bedeutsam sind. Zu diesen Selbstregulationskompetenzen gehört auch die Selbstkontrolle, über die ich vorhin am Beispiel des Lernens und Laufens gesprochen habe. Selbstregulation geht aber darüber hinaus und umfasst kognitive, emotionale, motivationale und soziale Fähigkeiten, die uns helfen, persönliche Ziele zu erreichen und uns an wechselnde Anforderungen anzupassen.8

Laut Leopoldina sollte die Förderung von Selbstregulationskompetenzen bereits in Kitas beginnen und fest in Bildungs- und Lehrplänen, Schulentwicklung und der Ausbildung pädagogischer Fachkräfte verankert werden.8 

Im Schulalltag sollten aus meiner Sicht deshalb Achtsamkeitsübungen zur Förderung der Aufmerksamkeitssteuerung, Übungen zur Wahrnehmung und Regulation von Emotionen sowie Trainings sozialer Kompetenzen einen festen Platz bekommen. Schülerinnen und Schüler sollten außerdem in der Lage sein, eigene Lernziele zu setzen, geeignete Strategien auszuwählen, ihren Lernfortschritt zu überprüfen und ihr Vorgehen anzupassen. Gerade in einer digital geprägten Lebenswelt bedeutet das zudem, dass Schülerinnen und Schüler Kompetenzen erwerben müssen, um digitale Werkzeuge gewinnbringend für das eigene Lernen einzusetzen.

Ebenso wichtig ist es, Wissen über psychische Gesundheit und psychische Erkrankungen zu vermitteln und Stigmatisierung abzubauen. Das bayerische Schulprojekt BASTA bringt beispielsweise Schülerinnen und Schüler direkt mit Personen in Kontakt, die selbst eine psychische Erkrankung erlebt haben. Zusätzlich kommen behandelnde Ärztinnen und Ärzte sowie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten in den Unterricht und leisten Aufklärungsarbeit. Solche Angebote können Vorurteile und Berührungsängste verringern und dazu beitragen, eigene psychische Belastungen oder Symptome früher einzuordnen und sich rechtzeitig Hilfe zu suchen.9

Wenn wir uns nun fragen, welche Rolle Lehrkräfte dabei übernehmen sollten, ist für mich vor allem eine klare Grenze wichtig. Sie sollten Veränderungen bei Schülerinnen und Schülern wahrnehmen und ansprechen können, aber keine Diagnosen stellen müssen. Dafür brauchen Schulen feste Ansprechpersonen und klare Wege zur Schulpsychologie, Beratung oder Behandlung. Ein enger Schulterschluss zwischen Schule und Eltern ist zudem nötig. Gleichzeitig darf die Verantwortung dafür nicht bei einzelnen Lehrkräften abgeladen werden. Es braucht Zeit, qualifiziertes Personal und verlässliche Unterstützungsstrukturen.

Gerade deshalb darf die Förderung von Selbstregulation aber nicht bei den Schülerinnen und Schülern enden. Die Leopoldina empfiehlt ausdrücklich, auch die Selbstregulationskompetenzen der im Bildungssystem Tätigen zu stärken.8 Das ist gerade bei Lehrkräften wichtig, weil sie selbst zu einer psychisch stark belasteten Berufsgruppe gehören. Hohe Arbeitsbelastung, Zeitdruck und emotionale Anforderungen können ihre psychische Gesundheit beeinträchtigen. Deutsche Lehrkräfte weisen im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung eine schlechtere psychische Gesundheit auf.9

Ich habe im vergangenen Sommersemester an der Universität Hamburg mit Studierenden des Grundschul- und Sonderschullehramts am Ende ihres Studiums ein Seminar zur Förderung von Selbstregulation und Resilienz durchgeführt. Viele standen kurz vor dem Übergang in den Vorbereitungsdienst und die schulische Praxis. Wir haben unter anderem Übungen zu Achtsamkeit, Emotionsregulation und sozialen Kompetenzen durchgeführt und anschließend gemeinsam reflektiert. Viele berichteten, dass die Förderung ihrer eigenen Selbstregulation und psychischen Gesundheit in ihrem bisherigen Lehramtsstudium kaum eine Rolle gespielt hatte. Wenn wir erwarten, dass Lehrkräfte solche Kompetenzen später bei Kindern und Jugendlichen fördern und psychische Belastungen früh erkennen sollen, dann müssen entsprechende psychologische Inhalte bereits in ihrer eigenen Ausbildung stärker verankert sein.

 

III.2. Wie kann gerade die Schule ein geeigneter Ort sein, um Bewegung als Gesundheitsförderung zu verankern?

 

Dr. Christoph Lindner: Der große Vorteil der Schule ist, dass wir dort nahezu alle Kinder und Jugendlichen erreichen, und zwar über viele Jahre und unabhängig davon, ob Bewegung im Elternhaus eine große Rolle spielt oder ein Kind Mitglied in einem Sportverein ist. Bewegung kann dadurch zu einem selbstverständlichen Teil des Alltags werden, statt auf einzelne Projekte oder Aktionstage beschränkt zu bleiben.

Ich finde deshalb den Ansatz der gesundheitsfördernden Schule sinnvoll, der die gesamte Schule einbezieht. Dazu gehören der Sportunterricht, kurze Bewegungsphasen im Unterricht, bewegte Pausen, ein entsprechend gestalteter Schulhof, Angebote im Ganztag und möglichst auch ein aktiver Schulweg.9

Entscheidend ist, Bewegung nicht als zusätzliche Aufgabe zu behandeln, die Lehrkräfte irgendwie unterbringen müssen. Schule sollte vielmehr so gestaltet sein, dass Bewegung an verschiedenen Stellen des Tages möglich und selbstverständlich wird. Welche Maßnahmen geeignet sind, sollte jede Schule an ihre räumlichen, personellen und sozialen Bedingungen anpassen können.

 

III.3. Viele denken bei Bewegung zuerst an den Sportunterricht. Reicht das aus?

 

Dr. Christoph Lindner: Nein. Der Sportunterricht ist wichtig, weil er Bewegung mit Zielen, Regeln, Leistung und sozialen Erfahrungen verbinden kann. Wenn es um Gesundheitsförderung geht, reicht es aber nicht, nur an die Sportstunden zu denken. Schon körperliche Bewegung an sich kann viele der biologischen Anpassungsprozesse anstoßen, über die wir gesprochen haben.

Kinder und Jugendliche verbringen viele Stunden am Tag bei sitzender Tätigkeit. Deshalb braucht es auch außerhalb des Sportunterrichts Bewegung. Wie nötig das ist, zeigen die deutschen HBSC-Daten von 2022. Nur 10,8 Prozent der Mädchen und 20,9 Prozent der Jungen zwischen 11 und 15 Jahren erreichten die tägliche Bewegungsempfehlung.10

 

III.4. Welche Auswirkungen kann zusätzliche tägliche Bewegung auf Konzentration, Lernfähigkeit und psychisches Wohlbefinden haben?

 

Dr. Christoph Lindner: Wie ich vorhin schon beschrieben habe, kann regelmäßige Bewegung auch das psychische Wohlbefinden fördern und mit weniger Symptomen einer Depression oder Angststörung einhergehen.5 Wenn wir aber konkret auf zusätzliche Bewegung während des Schultages schauen, sollten wir die Erwartungen an unmittelbare Effekte auf Konzentration und Lernleistung realistisch halten.

Kurze Bewegungspausen können lange Sitzphasen unterbrechen und einzelne kognitive Funktionen geringfügig unterstützen. Dass Kinder nach fünf oder zehn Minuten Bewegung generell konzentrierter sind oder unmittelbar bessere schulische Leistungen zeigen, ist bisher aber nicht überzeugend belegt.11

Aus lernpsychologischer Sicht gibt es aber noch einen anderen interessanten Ansatz. Wir lernen neue Inhalte nicht ausschließlich über Sprache und abstrakte Zeichen, sondern können sie auch mit Bewegungen und räumlichen Erfahrungen verbinden. In der Forschung spricht man von Embodiment, also vereinfacht von Lernen mit dem Körper. Entscheidend ist, dass die Bewegung zum Lerninhalt passt.

Das zeigt das Tübinger Projekt „Mathe mit der Matte“ sehr anschaulich. Grundschulkinder lernten mathematische Strukturen über eine Tanzmatte, auf der Einer und Zehner mit unterschiedlichen Bewegungen dargestellt wurden. Die Kinder bewegten sich also nicht nur zusätzlich beim Rechnen. Die Bewegung bildete selbst einen Teil des mathematischen Inhalts ab.12

Für mich ist deshalb die Unterscheidung wichtig. Eine Bewegungspause ist zunächst gesund und kann einzelne geistige Funktionen etwas unterstützen. Wenn Bewegung sinnvoll mit einem Lerninhalt verbunden wird, kann sie selbst Teil des Lernprozesses werden.

IV. Leistungsdruck und Motivation

IV.1. Die Bildungsministerkonferenz hat im Juni 2026 beschlossen, dass die Bundesjugendspiele in der 3. und 4. Klasse wieder stärker leistungsorientiert gestaltet werden können. Neben positiver Resonanz wurde auch Kritik wegen eines möglichen zusätzlichen Leistungsdrucks laut. Wovon hängt es ab, ob Bewegung oder Sport als positiv oder belastend erlebt werden?

 

Dr. Christoph Lindner: Ob Bewegung oder Sport positiv oder belastend erlebt werden, hängt nicht allein davon ab, wie anstrengend oder leistungsorientiert eine Aktivität ist. Entscheidend ist vielmehr, wie Kinder die Situation bewerten. Eine Anforderung kann motivierend sein, wenn ein Kind sie sich grundsätzlich zutraut und erlebt, dass es durch Übung und eigene Anstrengung etwas erreichen kann. Dieselbe Situation kann belastend werden, wenn sich ein Kind den Anforderungen nicht gewachsen fühlt oder wenig Möglichkeiten sieht, etwas am Ergebnis zu verändern. Genau diese Passung zwischen wahrgenommenen Anforderungen und den eigenen Möglichkeiten ist auch in der Sportpsychologie zentral.13

Das lässt sich an einem Lauf gut zeigen. Ein Kind kann ihn trotz Anstrengung und Nervosität positiv erleben, wenn es sich die Strecke zutraut und merkt, dass sich Training auszahlt. Ein anderes Kind kann dieselbe Situation als belastend erleben, wenn es schon vorher erwartet zu scheitern oder wegen seiner Leistung abgewertet zu werden. Anstrengung, Frust oder auch einmal eine Niederlage sind dabei nicht automatisch negativ. Entscheidend ist, welche Bedeutung Kinder diesen Erfahrungen geben.

Auch die Art der Motivation spielt eine Rolle. In der Sportpsychologie zeigt sich, dass eine Orientierung an der eigenen Aufgabe und an persönlichen Fortschritten eher mit Freude und Kompetenzerleben verbunden ist. Wenn dagegen hauptsächlich zählt, besser als andere zu sein, rückt der soziale Vergleich stärker in den Mittelpunkt.14

Gerade deshalb ist auch das soziale Umfeld wichtig. Unterstützung, Anerkennung und Zugehörigkeit können dazu beitragen, dass Sport positiv erlebt wird. Beschämung, Ausgrenzung oder übermäßiger Druck können dagegen aus derselben sportlichen Situation eine erhebliche Belastung machen.

 

IV.2. Inwiefern kann Schule ein solch positives Erleben von Sport fördern?

 

Dr. Christoph Lindner: Schule kann nicht dafür sorgen, dass jedes Kind jede Sportart gerne macht. Sie kann aber die Bedingungen so gestalten, dass möglichst viele Kinder dabei Kompetenz und persönliche Fortschritte erleben können.

Besonders wichtig finde ich die Art der Leistungsrückmeldung. Natürlich gibt es im Sport objektive Leistungsunterschiede. Schule sollte aber nicht zusätzlich den ständigen Vergleich mit anderen verstärken. Sinnvoller ist es, stärker die individuelle Entwicklung zu berücksichtigen und die aktuelle Leistung eines Kindes auch mit seinen eigenen früheren Leistungen zu vergleichen. Gerade bei leistungsschwächeren Schülerinnen und Schülern kann ein stark wettbewerbsorientierter Vergleich Motivation und Wohlbefinden beeinträchtigen.

Wenn ein Kind beim Weitsprung zwei Meter springt und ein anderes drei Meter, bleibt dieser Leistungsunterschied bestehen. Wenn das erste Kind vorher aber nur 1,60 Meter geschafft hat, hat es einen deutlichen persönlichen Fortschritt gemacht. Genau diesen Fortschritt sollte eine Lehrkraft sichtbar machen. Aus der Sportpsychologie wissen wir, dass eine stärkere Orientierung an der eigenen Aufgabe und persönlichen Entwicklung die Freude am Sport fördern und die Erfahrung unterstützen kann, dass sich Anstrengung und Übung auszahlen.14

Dazu gehören realistische und unterschiedlich schwierige Aufgaben, erreichbare Teilziele und konkrete Rückmeldungen dazu, was bereits besser gelingt und woran noch gearbeitet werden kann. Solche eigenen Erfolgserfahrungen sind eine wichtige Grundlage dafür, dass Kinder Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten entwickeln.

Ebenso wichtig ist der soziale Umgang miteinander. Kinder dürfen nicht wegen schwächerer Leistungen bloßgestellt oder abgewertet werden. Hier kann Schule soziale Kompetenzen und grundlegende Regeln eines respektvollen Umgangs fördern und muss bei Ausgrenzung oder Mobbing klare Grenzen setzen.

 

IV.3. Welche Bedeutung haben sportliche Erfolgserlebnisse für das Selbstwertgefühl von Kindern und Jugendlichen?

 

Dr. Christoph Lindner: Sportliche Erfolgserlebnisse können den Selbstwert stärken, weil sie eine Reihe positiver Erfahrungen über die eigene Person anstoßen können. Wenn ein Kind beispielsweise durch Übung etwas schafft, was vorher noch nicht gelungen ist, erlebt es zunächst, dass es durch das eigene Handeln etwas bewirken kann. Wiederholen sich solche Erfahrungen, kann sich daraus zunehmend die Überzeugung entwickeln, im sportlichen Bereich kompetent zu sein. Diese positivere Wahrnehmung der eigenen körperlichen Fähigkeiten kann schließlich auch zum allgemeinen Selbstwertgefühl beitragen.14

Eine einzelne gute sportliche Leistung reicht dafür aber nicht aus. Entscheidend sind wiederholte Erfahrungen von Kompetenz und eigener Wirksamkeit beim Sport.

V. Empfehlungen für Lehrkräfte und Eltern

V.1. Kann Bewegung im Schulalltag langfristig sogar zur Entlastung der Lehrkräfte beitragen?

 

Dr. Christoph Lindner: Das ist durchaus denkbar, bisher aber nicht direkt nachgewiesen. Für Bewegungspausen gibt es Hinweise, dass Schülerinnen und Schüler anschließend stärker bei der Sache sind.15 Das könnte auch Lehrkräfte entlasten, denn Klassenführung und dauerhaft störendes Unterrichtsverhalten gehören zu ihren beruflichen Belastungsfaktoren.9 Ob ein bewegungsreicherer Schulalltag langfristig tatsächlich Stress oder Arbeitsbelastung von Lehrkräften reduziert, ist bisher aber meines Wissens nicht untersucht.

Entscheidend ist außerdem, wie Bewegung umgesetzt wird. Wenn Lehrkräfte dafür ständig neue Übungen vorbereiten, zusätzliche Programme organisieren und noch mehr Aufgaben übernehmen müssen, kann der Effekt genau in die andere Richtung gehen. Entlastend kann Bewegung deshalb nur dann werden, wenn sie einfach umsetzbar, routiniert und strukturell im Schulalltag verankert ist.

 

V.2. Welche Fehler sollten vermieden werden, wenn Bewegung stärker in den Unterricht integriert wird? Welche einfachen Maßnahmen lassen sich ohne großen organisatorischen Aufwand umsetzen?

 

Dr. Christoph Lindner: Ein Fehler wäre, Bewegung so in den Unterricht einzubauen, dass für Lehrkräfte zusätzlicher Vorbereitungs- und Organisationsaufwand entsteht. Die Forschung zur Umsetzung von bewegtem Lernen zeigt, dass knappe Zeit und zusätzliche Vorbereitung häufig zu den Hindernissen für eine regelmäßige Umsetzung gehören.16

Deshalb würde ich mit sehr einfachen Dingen anfangen. Nach längeren Sitzphasen für zwei oder drei Minuten aufstehen und sich bewegen, kurze Aufgaben im Stehen bearbeiten, einen Austausch zu zweit im Gehen durchführen oder Lernstationen im Raum verteilen. Eine weitere einfache Möglichkeit wäre achtsames Gehen. Die Schülerinnen und Schüler stellen sich mit etwas Abstand hintereinander auf und gehen zwei oder drei Runden schweigend durch den Klassenraum. Dabei richten sie ihre Aufmerksamkeit ganz bewusst auf das Gehen, etwa darauf, wie der Fuß im Schuh den Boden berührt, wie sich der Untergrund anfühlt, wie sich das Anheben des Beins im Knie bemerkbar macht, wie die Kleidung auf der Haut liegt oder wie der Atem fließt. Solche Übungen könnten im Sportunterricht zunächst ausführlicher eingeführt und eingeübt werden, sodass die Schülerinnen und Schüler später im Unterricht bereits eine gewisse Routine mitbringen und zwei oder drei Runden ohne große Erklärung als kurze Bewegungs- und Aufmerksamkeitsübung nutzen können. 

Solche kleinen Routinen brauchen kaum Vorbereitung und lassen sich leichter dauerhaft in den Schulalltag integrieren als aufwendige Einzelaktionen. Vermeiden würde ich außerdem Situationen, in denen Kinder bei solchen zusätzlichen Bewegungsangeboten wieder vor der Klasse zeigen müssen, wie sportlich sie sind. Die Übungen sollten möglichst so gestaltet sein, dass alle Kinder unabhängig von ihren körperlichen Voraussetzungen teilnehmen können.

 

V.3. Welche Botschaft möchten Sie Lehrkräften mitgeben, die täglich erleben, wie unterschiedlich belastet ihre Schülerinnen und Schüler sind?

 

Dr. Christoph Lindner: Meine wichtigste Botschaft wäre, Unterschiede zwischen Kindern zunächst ernst zu nehmen und Verhalten nicht vorschnell zu bewerten. Unruhe, Rückzug, Gereiztheit oder ein plötzlicher Leistungsabfall können sehr unterschiedliche Gründe haben. Lehrkräfte müssen daraus keine Diagnose ableiten. Sie sollten Veränderungen wahrnehmen, mit dem Kind und wenn nötig auch mit den Eltern ins Gespräch kommen und wissen, wann weitere Unterstützung nötig ist.

Ebenso wichtig sind klare Zuständigkeiten. Schülerinnen und Schüler sollten wissen, an wen sie sich wenden können. Lehrkräfte brauchen verlässliche Wege zur Schulpsychologie oder Beratung. 

Mir ist wichtig, die Verantwortung nicht immer weiter bei den Lehrkräften abzuladen. Gute Gesundheitsförderung braucht Zeit, qualifiziertes Personal und funktionierende Unterstützungsstrukturen. Lehrkräfte können enorm wichtige Bezugspersonen sein, aber nicht gleichzeitig jede familiäre, soziale oder psychische Belastung auffangen. Ein Bildungssystem, das die psychische Gesundheit von Schülerinnen und Schülern ernst nimmt, muss deshalb auch die Arbeitsbedingungen und die psychische Gesundheit der Lehrkräfte ernst nehmen.

 

V.4. Wenn Sie abschließend den Zusammenhang zwischen Bewegung und psychischer Gesundheit in einem Satz zusammenfassen müssten, welcher wäre das?

 

Dr. Christoph Lindner: Regelmäßige Bewegung kann die psychische Gesundheit unterstützen, wobei gerade bei Kindern nicht nur entscheidend ist, dass sie sich bewegen, sondern auch, wie sie Bewegung und Sport erleben.

 

Literatur und Quellen

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2. Herlambang, M. B., Taatgen, N. A. & Cnossen, F. (2019). The role of motivation as a factor in mental fatigue. Human Factors, 61(7), 1171-1185. doi.org/10.1177/0018720819828569

3. Singh, B., Olds, T., Curtis, R., Dumuid, D., Virgara, R., Watson, A., Szeto, K., O'Connor, E., Ferguson, T., Eglitis, E., Miatke, A., Simpson, C. E. M. & Maher, C. (2023). Effectiveness of physical activity interventions for improving depression, anxiety and distress: an overview of systematic reviews. British Journal of Sports Medicine, 57, 1203-1209. doi.org/10.1136/bjsports-2022-106195

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Christoph Lindner ist habilitierter Psychologe sowie Privatdozent an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg. Er arbeitet am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München psychotherapeutisch mit jungen Erwachsenen sowie in der Forschung bei Professor Peter Falkai im Department Clinical Translation. Als Promotionsstudent und Postdoc war er über acht Jahre am Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN) in Kiel in der Abteilung Pädagogische Psychologie bei Professor Olaf Köller tätig. Zudem war er beim IT-Dienstleister des öffentlichen Sektors Dataport als Business Development Manager für die digitale Transformation im Bildungswesen zuständig und gehörte dem Themenbeirat „Digitalisierung im Bildungswesen“ der Bundes-Arbeitsgemeinschaft der Kommunalen IT-Dienstleister e.V. an, wo er sich mit der evidenzbasierten Entwicklung und dem Einsatz digitaler Systeme für Lehren, Lernen und Diagnostik im Bildungswesen beschäftigte.