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Politische Bildung

Dachauer Forum stellt Biografien ehemaliger KZ-Häftlinge vor, darunter vier Lehrkräfte

Zum Jahrestag des Konzentrationslagers Dachau werden bewegende Lebensgeschichten ehemaliger Häftlinge vorgestellt. Besonders erschütternd ist das Schicksal von Lehrer Ludwig Frank. Denunziation und Verfolgung bestimmten seinen Alltag.

Am 22. März 2026 fand anlässlich des 93. Jahrestags der Errichtung des Konzentrationslagers Dachau die jährliche Präsentation sog. Gedächtnisblätter statt. BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann nahm für den BLLV an der Gedenkstunde teil. „Diese Form der Erinnerung an die Judenverfolgung und den Holocaust ist sehr bewegend, da die Autoren die Biografien einzelner vergessener Opfer des Nationalsozialismus in oft mühsamer Arbeit recherchieren und in eindrucksvoller Form darstellen. Sie entreißen diese Menschen damit der Vergessenheit und machen sehr konkret bewusst, was Ausgrenzung, Verfolgung und Mord bedeuten. Ich bin dankbar dafür, dass wir als BLLV diese Form der Erinnerungsarbeit unterstützen und auch Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit geben, solche Biografien unter fachlicher Begleitung zu erarbeiten“, stellte Simone Fleischmann fest. 

Der Trägerkreis Gedächtnisbuch präsentiert jährlich in einer feierlichen Gedenkstunde in der Kirche des Karmel Heilig Blut in unmittelbarer Nachbarschaft der KZ-Gedenkstätte Biografien ehemaliger KZ-Häftlinge. Darunter befinden sich jedes Jahr auch Biografien jüdischer Lehrer und Lehrerinnen, die im Rahmen des Projektes Erinnern des BLLV von Schüler:innen aus W-Seminaren bayerischer Gymnasien verfasst wurden. Dieses Jahr entstanden vier Biografien jüdischer Lehrer von Schülerinnen des Theolinden Gymnasiums in München. Es handelt sich um den Mathematik- und Physiklehrer Ludwig Frank, die Französischlehrerin Irma Reh, die Sprachlehrerin und Frau des bekannten Münchner Pädagogen Aloys Fischer, Paula Fischer-Thalbach und den Religionslehrer Max Grünzeug.

Ludwig Frank - Opfer einer Denunziation

Besonders bewegend ist die Geschichte von Ludwig Frank. Frank, geboren 1876 in Münnerstadt (Unterfranken), hatte an der Technischen Hochschule München Maschinenbau studiert und danach an der Ludwig Maximilians Universität in München Mathematik und Physik für das Lehramt am Gymnasium. Da die Note im ersten Staatsexamen nicht ausreichend war, erhielt er keine feste Anstellung. Er arbeitete mehrere Jahre als angestellter Lehramtsassistent in Kitzingen, Fürth und Kempten. Erst nach Wiederholung der 1. Staatsprüfung erhielt er 1912 eine feste Anstellung an der Realschule in Pirmasens (Pfalz, zu Bayern gehörig). Dort konnte er jedoch nicht lange bleiben. Er wurde 1916 während des 1. Weltkriegs nach München an die Bayerische Bauschule versetzt, wo er Kriegsinvalide in Maschinenbau unterrichtete. 1920 schließlich erhielt er eine feste Anstellung als Beamter an der Rupprecht-Kreisoberschule in München. 

Doch sein Schicksal nahm eine schlimme Wendung. Einer seiner Kollegen mit Namen Hans Simmer war überzeugter Nationalsozialist und fanatischer Antisemit. Um seinem jüdischen Kollegen zu schaden, denunzierte er ihn bei der Schulleitung wegen unsittlichen Verhaltens gegenüber einer Schülerin – er hätte ihr auf einem Schulausflug „unter den Rock gegriffen“. Diese Anschuldigung brach jedoch nach Befragen mehrerer Zeugen in sich zusammen. Simmer aber ließ nicht locker. 1935 wurden die „Nürnberger Rassengesetze zum Schutz des deutschen Blutes“ verabschiedet. Nun zeigte Simmer Ludwig Frank erneut an. Er habe ein Verhältnis mit einer deutschen Frau, was unter Strafe stand. Das Polizeiverhör ergab jedoch keine Anhaltspunkte für einen Verstoß gegen die Nürnberger Rassengesetze. 

Zum 1.1.1936 versetzte man Ludwig Frank aufgrund des Reichsbürgergesetzes vom 14.11.1935 zwangsweise in den Ruhestand. Simmer zeigte ihn nun beim Leiter Judenreferat der Münchner Gestapo wegen „Rassenschande“ an. Ludwig Frank musste am 30.1.1939 erneut vor dem Polizeipräsidium München aussagen zusammen mit seiner Hauswirtin Käthe Gutmann, mit der er häufig in die Berge zum Wandern ging. Doch auch diesmal konnte man ihn nichts anhaben. Angesichts dieser Schikanen entschied Frank sich, Deutschland den Rücken zu kehren und nach Palästina auszuwandern. Doch es war zu spät. Am 23.11.1939 verhaftete ihn die Gestapo, brachte ihn ins Gefängnis nach Leipzig, von wo er am 19. Februar 1940 ins Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert wurde. Dort starb er zwei Monate später, nach Feststellung des Lagerstandesamtes an einer „Schwellung beider Beine und an Kreislaufschwäche“. Mit hoher Wahrscheinlichkeit aber wurde er Opfer der unmenschlichen Haftbedingungen, in der Hunger, Gewalt und Kälte vielen Häftlingen das Leben kostete.

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