Erinnerungsprojekt.png
Zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar 2026 Startseite
Politische Bildung Wertebildung

Schulprojekt erinnert an verfolgte und ermordete jüdische Lehrkräfte

Erinnerungskultur, die Spuren hinterlässt und eine offene, demokratische Gesellschaft fördert: Schülerinnen und Schüler befassen sich ein Jahr lang intensiv mit der Biografie einer verfolgten und ermordeten Lehrkraft und machen deren Geschichte sichtbar.

Am 20. November 1940 bestieg der Volksschullehrer Ferdinand Kissinger zusammen mit 998 anderen Münchner Juden in Milbertshofen im Norden Münchens einen Deportationszug nach Kaunas. In den dicht gedrängten Abteilen der Waggons befanden sich auch einige seiner Schüler aus der jüdischen Ohel Jakob Schule in München. Wenige Tage nach der Ankunft in Kaunas wurden alle Deportierten erschossen. Diese erschütternde Biografie von Ferdinand Kissinger hat Katharina Steinegger im Rahmen eines W-Seminars des Grafinger Gymnasiums recherchiert und nachgezeichnet. Sie liegt zusammen mit anderen Biografien ehemaliger KZ-Häftlinge im Gedächtnisbuch des Dachauer Forums in der Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte aus. 47 Biografien jüdischer Lehrerinnen und Lehrer sind im Rahmen dieses Erinnerungsprojektes des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV) in den letzten 15 Jahren entstanden. Einige von ihnen sind auf der Website einzusehen. 

Biografien bewegen Jugendliche emotional

„Die Idee zu dieser Erinnerungsarbeit entstand vor über 15 Jahren. Als BLLV suchten wir eine Form der Erinnerung an die Schrecken der Judenverfolgung und des Holocaust, die junge Menschen nicht nur oberflächlich erreicht,“ berichtet die Präsidentin des BLLV, Simone Fleischmann. „Schüler recherchieren unter fachlicher Begleitung in historischen Wissenschaftsseminaren am Gymnasium über einen Zeitraum von einem Jahr die Biografien verfolgter jüdischer Lehrer in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mit dieser Form der Erinnerung erreichen wir zweierlei: Zum einen werden verfolgte und ermordete Pädagogen der Vergessenheit entrissen. Zum anderen werden diese tragischen Lebensläufe selbst Teil der Biografie der heutigen Jugendlichen. Wer sich über ein Jahr mit der Biografie eines Menschen beschäftigt, der kommt diesem Menschen auch emotional sehr nahe. Die Schüler begreifen auf diese Weise, welche unmenschlichen Folgen Diskriminierung, Verfolgung, erzwungene Emigration und Deportation haben. Diese Erfahrung hinterlässt nachhaltig Spuren bei den Jungen.“ 

Die 19-jährige Eva Sommer vom Theodolinden-Gymnasium in München zum Beispiel hat die Biografie der jüdischen Lehrerin Irma Reh rekonstruiert. Sie schreibt folgendes über ihre Biografiearbeit: „Während der Recherchen entwickelt man eine Art Beziehung zu der Person, sie lässt einen nicht mehr los.“ Eva Sommer berichtet, dass Irma Reh ihre Heimat Deutschland 1939 gerade noch verlassen konnte. Durch die Hilfe eines deutschen Ehepaars konnte sie nach Nordirland und später nach Israel emigrieren. Für das Lehramt in Englisch und Französisch hatte sie erfolgreich an der Universität in München studiert. Mit der Machtergreifung der Nazis allerdings verlor sie ihre Arbeit als Lehrerin in Neuburg an der Donau. Nach ihrer Emigration konnte sie ihren Berufstraum nie mehr verwirklichen. Die meiste Zeit musste sie als Hausgehilfin arbeiten. „Bei meiner Recherche wurde mir richtig bewusst, was Antisemitismus und Verfolgung bedeutet“, berichtet Eva Sommer. „Es war schlimm zu erfahren, wie Irma Rehs Leben als Jüdin im Nazideutschland immer mehr eingeschränkt wurde, bis sie schließlich ihre Heimat und ihre Mutter verlassen musste. Für mich war es richtig schlimm zu sehen, wie auch das Leben der jüdischen Überlebenden komplett zerstört wurde.“

Datenbank mit 669 jüdischen Pädagog:innen

Grundlage dieses Erinnerungsprojektes des BLLV ist eine Datenbank bayerischer jüdischer Pädagog:innen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die vom BLLV in Auftrag gegeben wurde. Sie umfasst inzwischen 669 Lehrerinnen und Lehrer und ist öffentlich zugänglich. In der Datenbank finden sich neben den biografischen Grunddaten auch, soweit wie möglich, Kurzbiografien. Weitere etwa 200 Personendaten sind noch in Arbeit. In der Datenbank sind alle Jüdinnen und Juden erfasst, die als Beruf Lehrer:in angeben. Darunter befinden sich zahlreiche Religionslehrer:innen, die an den kleinen jüdischen Schulen insbesondere in Franken unterrichteten. 

Voraussetzung für erfolgreiche Erinnerungsarbeit 

Die BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann berichtet, dass das Interesse der Schülerinnen und Schüler an Themen des Nationalsozialismus und des Holocaust keineswegs gering sei. Ganz im Gegenteil. Allerdings sei es dringend erforderlich, dass die Lehrerinnen und Lehrer in den Schulen mehr Zeit bekommen, um sich sowohl mit dem Holocaust als auch mit dem grassierenden Antisemitismus auseinanderzusetzen. Leider werde dies durch ein Übermaß an Prüfungen und einen einseitigen Leistungsbegriff sehr schwer gemacht. Schulen seien die einzige gesellschaftliche Institution, so Simone Fleischmann, die alle Kinder und Jugendlichen erreiche. Sie sind in einem Alter, in dem ihr Weltbild noch formbar sei. Für den Zusammenhalt einer offenen, demokratischen Gesellschaft in Deutschland sei die Beschäftigung mit Holocaust, Antisemitismus und Diskriminierung in den Schulen aus ihrer Sicht deshalb fundamental. 

Für viele Lehrerinnen und Lehrer allerdings stelle dies eine enorme Herausforderung dar, so die BLLV-Präsidentin, da der Antisemitismus inzwischen wieder in vielen Kreisen der Bevölkerung verbreitet sei. Besonders schwierig sei die Situation an Schulen mit einem hohen Migrationsanteil. Unter islamisch geprägten Jugendlichen sei Antisemitismus besonders ausgeprägt. „Das ist die traurige Wahrheit, auch wenn sie oft verschwiegen wird. Vielen dieser Jugendlichen fehlt komplett der Bezug zur deutschen Geschichte. Die Beschäftigung mit dem Holocaust ist deshalb ein wichtiges Mittel, die menschenverachtenden Auswirkungen des Antisemitismus und jede Form der Ausgrenzung andersdenkender Menschen zu thematisieren.“ Von der Schulverwaltung fordert Fleischmann schulhausinterne Fortbildungen von Kollegien zum Thema „Umgang mit Antisemitismus im schulischen Kontext“ und konsequenten Schutz der Kolleginnen und Kollegen vor möglichen Angriffen, wenn sie Antisemitismus im Unterricht thematisieren.

Mehr zum Thema