Mitte Juni, Münchener Residenz. Koryphäen aus Wissenschaft und Hightech-Welt versammeln sich beim Staatsempfang im Kaisersaal. Der Wissenschaftsminister glänzt. Der Ministerpräsident tritt auf. Hochdotierte Preise werden verliehen. Bayern feiert sich als der „Place to be“. Als Gast „aus der Gesellschaft“ sitze ich vorne in Reihe zwei und finde es klasse, dass hier im Festsaal junge Nachwuchsforschende ausgezeichnet werden. Innovative Projekte, total spannend.
Und doch denke ich unweigerlich: klamme Staatskassen, schwarze Null? Hier wird jedenfalls das große Besteck ausgepackt. Mit seiner Hightech-Agenda hat der Freistaat den „Zukunftsbooster gezündet“, wie das Wissenschaftsministerium auf seiner Website verkündet, „5,5 Milliarden Euro zusätzlich für die Schlüsseltechnologien der Zukunft, 1.000 neue Professuren, 3.800 neue Stellen und 15 neue Technologietransferzentren“. Als das „Kalifornien Deutschlands“ bezeichnete Markus Söder bei seiner Festansprache unser Bundesland.
Schön und gut. Aber brauchen wir das große Besteck nicht auch für die Bildung? Auch da geht es um Wissenschaft – um Bildungswissenschaft. Wie wäre das: Staatsempfang, ein Preis für die beste Lehrkräftebildung? Ich spiele hier bitte nicht das eine gegen das andere aus. Da vorne in der zweiten Reihe habe ich mir schon gedacht: Wie cool ist das denn, wenn die Wissenschaft in Bayern derart gut aufgestellt ist, wenn die Forschung uns derart weiterbringt. Aber mir geht es um das Fundament: um die Bildung in den Schulen.
Nicht nur für Quantencomputing, KI und Raumfahrt brauchen wir die Besten. Wir brauchen auch die besten Lehrkräfte – für bestausgebildete junge Menschen. Und dafür brauchen wir die beste Lehrkräftebildung. Ist das so schwer zu verstehen? Ich zähle mal 1 und 1 zusammen: Wie sollen denn diese Koryphäen auf so eine Bühne wie hier kommen? Wann und wo bekommen die denn die Grundlagen für ihre wissenschaftlichen Höhenflüge beigebracht? Werden die Top-Wissenschaftler der Zukunft irgendwann alle hierher importiert? Aus Ländern mit der besten Bildung?
Beste Bildung, das heißt in Bayern unter anderem: Ein Start ins Schuljahr 2026/27, für das 500 Vollzeit Grund- und Mittelschullehrkräfte fehlen. Für den BLLV heißt beste Bildung: Kein Kind darf verloren gehen, auch wenn es später keinen Physik-Nobelpreis erhält. Aber vielleicht brauchen wir ja sowieso eher Sportler, die unseren Auftritt bei den Olympischen Spielen retten? Da tut’s dann vielleicht auch eine Aktionswoche in der letzten Schulwoche, vier Wochen zuvor ausgerufen. Wie wär’s mit einer Aktionswoche für die Lehrkräftebildung?
Im Ernst: Wir hatten ein ganzes Aktionsjahr für die Lehrkräftebildung. Eine Fachkommission hat ein innovatives, tragfähiges Konzept mit 13 Bausteinen entwickelt, niedergelegt auf 60 Seiten. Passiert ist damit nichts. Vielleicht ist das jetzt wieder nur so eine Frage aus der zweiten Reihe: Aber warum haben wir eigentlich noch immer nicht die Lehrerbildungsagenda 2030? Die Ministerin hat sie angekündigt. Um dann mit Wissenschaftsminister Blume und Maskottchen „Tiger Timmy“ eine Aktionswoche anzukicken. Olympia, wir kommen!
Also nochmal das kleine Einmaleins: Jeder Euro in die Lehrerbildung, jede Veränderung im Sinne der Vorschläge aus der Kommission, die endlich umgesetzt wird, würde junge Menschen dazu bringen zu sagen: Ja, Lehrkraft werden, das wär’s. Ja, gleich in der ersten Phase lernt man genau das Richtige. Dann würden sich wieder mehr junge Menschen für diesen wunderbaren Beruf entscheiden, der die Grundlage für so vieles legt, was unsere Gesellschaft und unsere Demokratie, unsere Wirtschaft und unsere Forschung ausmacht.
Da vorn in der zweiten Reihe kam mir plötzlich in den Sinn: Wie wäre es, wenn Kultusministerin Stolz und Wissenschaftsminister Blume Seit’ an Seit’ ins Kabinett spaziert kämen, und gemeinsam eine neue Lehrerbildung verkünden würden? Und dann beste Bildung als das À-la-carte-Menü für alle: Für die weniger Bevorzugten dieser Gesellschaft wie für die künftige Technologie-Elite. Wann wird das große Besteck ausgepackt für beide Agenden, für „HighTech“ und für „HighTeach“? Wann wird Bayern der „Place to be“ für alle?